Aus: Ausgabe vom 28.12.2017, Seite 5 / Inland

Bis zum bitteren Ende

Deutsche Autokonzerne versuchen Umstieg auf Elektroantriebe weiter hinauszuzögern, zeigen sich dabei aber uneins

Von Bernd Müller
Berufsverkehr_54451344.jpg
Insbesondere in den Städten, wie hier in München, sorgen Abgase für dicke Luft. Geht es nach den Autokonzernen, bleibt das erst mal so

Angesichts drohender Dieselfahrverbote in den Städten zeigt sich nicht nur die deutsche Automobilindustrie besorgt, sondern nun auch das Handwerk: Der Präsident des Zentralverbandes des deutschen Handwerks, Hans Peter Wollseifer, befürchtet gar eine »kalte Enteignung« der Unternehmen. »Es muss Überbrückungszeiten geben, denn ansonsten kommen die Betriebe von heute auf morgen nicht mehr in die Innenstädte. Das ist existenzbedrohend für viele Betriebe«, sagte er der Deutschen Presseagentur am Mittwoch.

Überbrückungszeiten wünschen sich gewiss auch die Autobauer. In ihrer Existenz bedroht sehen sie sich aber trotz des Skandals um manipulierte Abgaswerte bei ihren Dieselfahrzeugen vermutlich eher nicht. Dennoch: Das Jahr 2017 war kein gutes für das Image der Autokonzerne. Inzwischen ist nicht nur VW vom Abgasskandal betroffen. Auch BMW steht nun im Verdacht, betrogen zu haben. Während immer mehr Staaten ankündigen, bald keine neuen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor mehr zulassen zu wollen, tun sich deutsche Konzerne weiter schwer mit dem Abschied vom Diesel.

Derzeit tobt ein Streit darüber, welche Antriebstechnologie künftig stärker gefördert werden soll, und erstmals zeigen sich die Autobauer uneinig. Ab dem Jahr 2020 müssen die Unternehmen Strafgelder bezahlen, wenn der durchschnittliche Ausstoß von Kohlendioxid ihrer in der EU verkauften Autos über 95 Milligramm pro Kilometer liegt. Dieses Ziel wird aber kein deutscher Hersteller ohne den Diesel erreichen, heißt es immer wieder aus Branchenkreisen.

In einem Interview mit dem Handelsblatt schlug VW-Chef Mat­thias Müller Mitte Dezember vor, die Dieselsubventionen zugunsten der Elektromobilität umzuschichten. Allein durch die vom Staat gewährten Steuervergünstigungen beim Kraftstoff summieren sie sich auf rund acht Milliarden Euro. Die Chefs von BMW und Daimler seien von dem Vorstoß genauso kalt erwischt worden wie Matthias Wissmann, Chef des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), berichtete das Handelsblatt am 18. Dezember. Eine Abstimmung habe es nicht gegeben, klagte laut dem Blatt ein ranghoher Manager.

Im Juli dieses Jahres sah das noch anders aus. Damals trafen sich die Chefs der wichtigsten europäischen Autobauer gemeinsam bei EU-Klimakommissar Miguel Cañete. Die Wirtschaftswoche berichtete Anfang Dezember ausführlich von diesem Treffen. Cañete und andere hohe Beamten hätten nicht schlecht gestaunt, so das Blatt. Massive Lobbyarbeit der Autobranche mag man in Brüssel ja gewohnt sein. Einen derart akribisch geplanten und durchgezogenen Auftritt nach festem Skript hatte man dagegen noch nicht erlebt.

VDA-Chef Wissmann legte im Oktober nach: Einem Bericht des Internetmagazins klimaretter.info vom 1. November zufolge intervenierte er beim Stabschef von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Konkret habe er dort erreichen wollen, dass keine Strafzahlungen drohen, wenn die verbindlichen Quoten für Elektrofahrzeuge von den Herstellern nicht eingehalten werden.

Ende November schlug dann die EU-Kommission neue Abgaslimits für die Zeit nach 2021 vor, die besonders den deutschen Autobauern nicht schmecken dürften. Bis 2030 soll die Branche ihre Kohlendioxidemissionen um 30 Prozent reduzieren, was ein deutlich ehrgeizigeres Ziel darstellt als die 20 Prozent, die die Autobauer selbst vorgeschlagen hatten.

Der Diesel ist jedenfalls keine große Hilfe, dieses Ziel zu erreichen. Durch ihn nahm die Belastung mit Stickoxiden in den Großstädten stark zu. Erst Anfang Dezember hat die EU-Kommission der geschäftsführenden Bundesregierung zu verstehen gegeben, dass sie dies nicht mehr hinnehmen wolle. Weil die Stickoxid­werte in 28 Metropolen und Regionen, darunter Berlin, Hamburg, München, Köln, Düsseldorf und Stuttgart, seit Jahren überschritten werden, steht der BRD eine Klage beim Europäischen Gerichtshof bevor.

Elektroautos sind vor diesem Hintergrund die geeignetere Alternative, die Klimavorgaben einhalten zu können. Müllers Vorstoß wird dadurch verständlicher: Der VW-Konzern sieht sich offenbar dafür gerüstet den Verkauf seiner Elektromodelle schneller erhöhen zu können als BMW oder Daimler.

In der EU-Kommission ist man sich gewiss, dass ein Umstieg auf Elektrowagen früher zu bewerkstelligen wäre als geplant. »Die Pläne haben alle in der Schublade«, so ein hoher EU-Beamter Anfang Dezember gegenüber der Wirtschaftswoche. Aber aus Kostengründen würden die Konzerne den Umstieg aufschieben. Ein Argument der Autolobby sind hierbei die Arbeitsplätze, die verlorengehen würden. Da für den Bau von Elektroantrieben weniger Personal benötigt wird als für den von Verbrennungsmotoren, wären laut Branchenvertretern Tausende Jobs in Gefahr. Volkmar Denner, Chef des weltgrößten Autozulieferers Bosch, sprach in einem Interview mit dem Handelsblatt am 14. Dezember von bis zu 50.000 Arbeitsplätzen, die bei Bosch direkt vom Dieselmotor abhingen. Dass seine Sorge nicht in erster Linie den Jobs gilt, gab Denner offen zu: »In unseren Fabriken stehen Milliardeninvestitionen an Maschinen, Werkzeugen und Anlagen speziell für Diesel oder Benziner.« Diese könnten bald wertlos werden, weil sie nicht für die Elektromobilität nutzbar seien, so der Bosch-Chef.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland