Aus: Ausgabe vom 28.12.2017, Seite 1 / Titel

V-Mann im Zwielicht

Angeblich verhinderter Terroranschlag: Verdächtiger zeigte vor Festnahme zweimal »Quelle« des LKA Baden-Württemberg im Bereich Islamismus an

Von Claudia Wangerin
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Polizeiabsperrung auf dem Karlsruher Schlossplatz: Eine Zeugin hatte ein verdächtiges Telefongespräch mitgehört

Eine vorweihnachtliche Erfolgsmeldung der Bundesanwaltschaft steht schon nach wenigen Tagen in zweifelhaftem Licht: Vor einer Woche konnten sich die Sicherheitsbehörden mit der Festnahme von Dasbar W. brüsten – ein Terroranschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Karlsruhe sei gerade noch verhindert worden, hieß es. Ein V-Mann, der für das Landeskriminalamt Baden-Württembergs Informationen in der Islamistenszene sammeln sollte, belastet den 29jährigen Dasbar W. schwer. Das Problem: Der Terrorverdächtige scheint vorher selbst die Polizei eingeschaltet zu haben – weil die »Quelle« des LKA sich verdächtig benahm.

Nach Informationen von Süddeutscher Zeitung (SZ), NDR und WDR ist diese »Quelle« der Hauptbelastungszeuge gegen den in Freiburg geborenen Dasbar W., der als Deutscher irakisch-kurdischer Herkunft bezeichnet wird. Die Bundesanwaltschaft wollte am Mittwoch wie üblich keine Stellungnahme zu den laufenden Ermittlungen abgeben. Eine Sprecherin betonte aber laut Nachrichtenagentur dpa, der Haftbefehl stütze sich nicht nur auf Angaben des V-Mannes, sondern auch auf Erkenntnisse aus längeren – auch technischen – Überwachungsmaßnahmen.

Dasbar W. war als islamistischer »Gefährder« eingestuft und wohnte vor seiner Festnahme am 20. Dezember in Karlsruhe. Er soll sich vergeblich bei Paketdiensten als Fahrer beworben haben – mutmaßlich, um an ein Fahrzeug für den Anschlag auf die Eislaufbahn des Weihnachtsmarktes am Schlossplatz zu kommen.

Den V-Mann lernte er nach Informationen von SZ, NDR und WDR bei einem Lehrgang für Gabelstaplerfahrer kennen. Während die »Quelle« den Sicherheitsbehörden von den angeblichen Anschlagsplänen des 29-jährigen berichtete, zeigte der wiederum den V-Mann bei der Polizei an: Er habe einen Bekannten, dem er einen Anschlag zutraue, soll Dasbar W. am 27. November den Beamten erklärt haben. Noch am Morgen seiner Festnahme sei er erneut bei der Polizei gewesen, um gegen den V-Mann auszusagen, heißt es in dem Medienbericht. Die Ermittlungsbehörden werten die Aussagen gegen den V-Mann offenbar als Versuch der Irreführung. Womöglich habe der 29-jährige erkannt, dass sein Bekannter ein V-Mann sei und versucht, den Verdacht von sich abzulenken.

Im Gegensatz zu verdeckten Ermittlern mit Beamtenstatus, die unter falschem Namen in gewaltbereite Szenen eingeschleust werden, gelten V-Leute von Polizei und Geheimdiensten generell als weniger zuverlässig, denn sie stammen in der Regel selbst aus diesen Szenen und arbeiten auf Honorarbasis.

Einen V-Mann, der andere Personen zu schweren Straftaten angestachelt haben soll, gab es auch in der »Abu-Walaa-Gruppe« um den mutmaßlichen Haupttäter des Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlags vor einem Jahr. Einen Aussteiger, der den V-Mann belastet, hat dieser persönlich als unglaubwürdig eingestuft.

Beobachter des Münchner NSU-Prozesses durften schon erleben, wie sich Ex-V-Leute aus der Neonaziszene gegenseitig als Scharfmacher belasteten. Ein Quellenführer sprach dort auch von einem »Verräterkomplex«, der einem der braunen Kader »mit Geld versüßt« worden sei.

V-Leute seien zwar »Verräter« und »Schmutzfüße«, die aus niederen Beweggründen wie »Geld oder Missgunst gegenüber Kameraden« handelten, aber als Informationsquellen unverzichtbar, hat der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, im Jahr 2013 erklärt.


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