Aus: Ausgabe vom 28.12.2017, Seite 16 / Sport

Fauler Kompromiss

Die Neuorganisation der Regionalligen ist überfällig, doch der DFB scheut davor zurück

Von Rouven Ahl
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Kollektives Schulterklopfen und fadenscheinige Kompromisse: Der außerordentliche »Bundestag« des DFB Anfang Dezember in Frankfurt am Main

Eine der größten Ungerechtigkeiten im deutschen Fußball ist und bleibt der Modus, nach dem Regionalligisten in die dritte Liga aufsteigen. Von den fünf Meistern der Staffeln Nord, Nordost, Bayern, Südwest und West stiegen jahrelang nur drei in die dritthöchste Spielklasse auf. Wobei nicht garantiert war, dass an den alles entscheidenden Playoffs auch der Vizemeister des mitgliederstärksten Verbandes Südwest teilnahm. Das zeitigte bizarre Konsequenzen, die eben mit sportlicher Gerechtigkeit nicht viel zu tun hatten: 2014 etwa lehnte der Tabellenzweite der Regionalliga Südwest, die zweite Mannschaft des SC Freiburg, eine Teilnahme an den Playoff-Spielen dankend ab (man war im Breisgau weit davon entfernt, Lizenzunterlagen für die dritte Liga einzureichen). Ersatzweise trat eben der Tabellendritte an, die zweite Mannschaft des FSV Mainz 05. In zwei Partien setzten sich die Rheinhessen gegen den Meister der Staffel Nordost, TSG Neustrelitz, durch. So wurden die Mecklenburger um die Früchte einer ganzen Saison gebracht, in der sie nach 34 Spieltagen mit zwölf Punkten Vorsprung den ersten Platz belegt hatten.

Zwei Spiele entschieden am Ende einer Saison über Wohl und Wehe des Vereins. Planungssicherheit, die gerade bei den schmalen Budgets in den Unterklassen oft überlebenswichtig ist, sieht anders aus. Und so kam in den vergangenen Jahren von allen Seiten massive Kritik an der Regelung. Da sich die Drittligisten verständlicherweise dagegen verwehren, fünf Aufsteiger einzugliedern, wären tiefer greifende Änderungen seitens des Deutschen Fußballbundes (DFB) nötig gewesen. Anfang des Monats wurden nun tatsächlich Reformen beschlossen. Eine nachhaltige Verbesserung der Zustände aber blieb wenig überraschend aus. Statt dessen einigten sich DFB und Landesverbände auf eine Übergangslösung für die kommenden zwei Spielzeiten. Danach schaut man halt mal weiter.

Die bei der DFB-Tagung am 8. Dezember verabschiedeten Änderungen sind nicht mehr als ein fauler Kompromiss. 2019 und 2020 steigt der Meister der Regionalliga Südwest direkt auf, 2019 auch der Meister der Staffel Nordost. Das dritte direkte Aufstiegsrecht für die erste Saison der Übergangsphase wird unter den Gewinnern der Ligen Bayern, Nord und West ausgelost. Die Meister ohne Losglück ermitteln in Playoff-Spielen den vierten Aufsteiger. Dafür erhalten diese beiden Ligen in der Saison 2019/20 das Ticket für die 3. Liga. Klingt kompliziert, ist es auch. Und das Grundproblem wurde trotz eines zusätzlichen Aufsteigers nicht behoben: Die jetzige Struktur mit fünf Ligen ist nicht länger tragbar, wenn man eine faire Lösung will.

Während der Diskussion möglicher Änderungen kam die Idee auf, die Regionalliga Nordost zu zerschlagen, ihre Vereine auf die Staffeln Bayern und Nord aufzuteilen. Der Vorschlag erntete heftige Kritik aus dem Lager des Nordostdeutschen Fußballverbandes: Warum ausgerechnet wieder der ohnehin strukturschwache Ostfußball leiden sollte, war die Frage. Die fadenscheinige Antwort war ein Verweis auf die höheren Einwohnerzahlen im Westen.

Der RBB-Fußballexperte Andreas Friebel hält eine Neugliederung der vierten Spielklasse in Nord-, Süd-, Ost- und Weststaffel für die fairste Lösung. In diesem Fall müssten alle mit Einschnitten leben. »Aber der DFB will sich offenbar nicht mit den mächtigen Süd- und Westclubs anlegen«, so der Antenne-Brandenburg-Reporter.

Ein weiterer Vorschlag kam vom Fußballmagazin 11 Freunde. In einer an den DFB gerichteten Online-Petition forderte die Redaktion die Ausgliederung der zweiten Mannschaften der Profiteams in eine eigene Liga und die Reduzierung auf drei Regionalligen. Was die großen Vereine von einer sicherlich ziemlich unbeliebten Sonderliga für ihren Nachwuchs halten, kann man sich denken.

Der DFB hält seine Übergangslösung für alles andere als ungenügend. Am Main ist vielmehr kollektives Schulterklopfen angesagt. »In einer komplexen Fragestellung, in der sehr viele unterschiedliche Interessen berücksichtigt werden mussten, ist es uns gelungen (…), eine Übergangslösung zu finden, die eine deutliche Verbesserung der Ist-Situation darstellt und die von allen Regionalverbänden mitgetragen wird«, triumphierte DFB-Vize Rainer Koch nach dem Beschluss. Eine dauerhafte Neuregelung soll bis 2019 von einer Expertenkommission erarbeitet werden.

Koch weiter: »Konsens zu finden, war nicht immer einfach. Deshalb ist Kritik auch nicht angebracht.« Soviel zum Demokratieverständnis des DFB im Jahre 2017.


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