Aus: Ausgabe vom 22.12.2017, Seite 12 / Thema

Ins Fleisch gewachsene Masken

Einst erschien der Kapitalismus als eine bedrohliche äußere Macht. Heute ist er vollständig internalisiert. Es herrscht das glückliche falsche Bewusstsein – über die »Entfremdung zweiten Grades«

Von Götz Eisenberg
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Was waren das für Zeiten, als die Menschen noch darunter litten, dass man aus ihnen andere machen wollte? Längst ist die Entfremdung allumfassend geworden, und die Masken sitzen fest (Tokio, 19.5.2015)

Entfremdung ist ein schillernder Begriff. Er siedelt an der Grenze zwischen Objektivem und Subjektivem, vermittelt zwischen gesellschaftlichem Sein und individuellem Bewusstsein. Den Bereich zwischen ökonomischer Basis und ideologischem und psychologischem Überbau hat der Marxismus traditionell vernachlässigt. Erst unter dem Eindruck des Triumphes des Faschismus über die Arbeiterbewegung wandte er sich vor allem in Gestalt der Kritischen Theorie der Frage zu, auf welchem Weg Ökonomisches zum »menschlichen Kopf und Herz« (Erich Fromm) gelangt und welche Brechungen und Verzerrungen auf diesem Weg vor sich gehen. Man musste endlich zur Kenntnis nehmen, dass auch Arbeiter ein Unbewusstes und ein Leben vor dem ersten Lohnempfang haben. Eine von der Psychoanalyse inspirierte Sozialpsychologie wurde von Max Horkheimer zur »freilich unentbehrlichen Hilfswissenschaft« einer materialistischen Deutung des Geschichtsprozesses erklärt und zur Erörterung der Frage herangezogen: Warum handeln Menschen gegen ihre wahren und wohlverstandenen Interessen? Wie konnte ihre Innerlichkeit zum libidinösen Kitt der Klassengesellschaft werden? Warum setzt sich die objektive Reife der kapitalistischen Verhältnisse nicht in die subjektive Bereitschaft um, diese Verhältnisse umzuwerfen und die Ökonomie einer solidarischen, humanen Gesellschaft dienstbar zu machen? Statt dessen erleben wir bis auf den heutigen Tag, wie die Ökonomie sich alle gesellschaftlichen Bereiche unterwirft, sie nach ihrer Logik formt und die Menschen wie Anhängsel hinter sich herschleift. Genau diesen Zustand bezeichnet der Begriff Entfremdung.

Anhängsel Mensch

Aber die Marxschen Begriffe sind kritische Begriffe. Seine Theorie will eine in praktischer Absicht sein. Die Entmystifizierung versteinerter Verhältnisse, wie sie die Kritik der politischen Ökonomie in Angriff nahm, vollzog theoretisch, was sich praktisch im Konstitutionsprozess proletarischer Subjektivität abspielte. Die kritisch-wissenschaftlichen und antifetischistischen Abhandlungen sollten mit dem kämpferischen Selbstbewusstsein der Arbeiterklasse zusammenfallen, das vor Marxens Augen im Begriff war, sich zu entwickeln. Mit der Integration der Arbeiterklasse in die bürgerliche Gesellschaft drohen die Marxschen Begriffe ihre Qualität als kritisch-praktische einzubüßen. Sie dienen nicht mehr einer realen Emanzipationsbewegung, sondern beschreiben nur noch den Gang des objektiven Verhängnisses. »Kritische Theorie« ist in Gefahr, in »traditionelle« zurückzufallen, wenn sie nicht mehr für eine virulente Unruhe eintreten und menschliches Leid beredt werden lassen kann.

Das gilt auch und gerade für den Begriff der Entfremdung. Marx beschäftigte sich mit der Entfremdung in all ihren Dimensionen, weil er sie aufheben wollte. Aufhebung der Entfremdung heißt, dass die Menschen sich ihre Gesellschaftlichkeit wieder aneignen und ohne Vermittlung von Ware, Geld und Markt in solidarischer Wechselseitigkeit selbsttätig produzieren. Die Macht, die die Dinge und verselbständigten Strukturen über den Menschen gewonnen haben, soll gebrochen werden. Oskar Negt und Alexander Kluge haben das in ihrem Buch »Geschichte und Eigensinn« auf folgende prägnante Formel gebracht: »Man kann sagen: Kapitalismus ist massenhafte Güterproduktion mit dranhängenden Menschen. Sozialismus ist massenhafte Produktion der Beziehungen zwischen den Menschen und zur Natur, mit dranhängender Güterproduktion.« Die Menschen sollen sich in dem, was sie tun, wiedererkennen können. Unter Bedingungen der Entfremdung sind wir nicht, was wir produzieren; wir produzieren nicht uns selbst, sondern Dinge, die uns unterjochen. Die Grundursache unserer Entfremdung ist die wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung. Ohne diesen Rückbezug auf die ökonomischen Verhältnisse bleibt die Rede von der Entfremdung nur ein schwammiges kulturkritisches Lamento. Das Menschliche ist unmöglich in dieser von Abstraktionen beherrschten Welt, folglich ist es diese Welt, die es zu verändern gilt.

Der Begriff der Entfremdung beschreibt nicht nur den objektiven Zustand einer Gesellschaft, die unter das Diktat des Tauschwerts geraten ist und deren Integration über den Markt vonstatten geht, sondern auch die Gefühlslage von Menschen, die die Kontrolle über ihre Lebensbedingungen verlieren, die sich ihnen gegenüber als fremde Mächte etablieren. Die Abstraktion vom Gebrauchswert vollzieht sich auch an den Tauschenden selbst, am Körper und der Sinnlichkeit der Menschen. Der zum Arbeitsinstrument hergerichtete Körper wird den Menschen zum Fremd-Körper, der zu großen Teilen von anderen benutzt wird. Die Herrschaft der Tauschabstraktion lässt die Menschen selbst abstrakt werden. Sie werden zu Produkten und Anhängseln ihres Produkts, das sich ihnen gegenüber als fremde, sachliche Gewalt festsetzt, die, wie es beim jungen Marx heißt, »unserer Kontrolle entwächst, unsere Erwartungen durchkreuzt, unsere Berechnungen zunichte macht«. Dieses Gefühl und das Leiden an ihm sind in Gesellschaften virulent, über die der Kapitalismus mit seinen Abstraktionsschüben und den Schrecken der Industrialisierung hereinbricht. An der Nahtstelle zwischen zwei verschiedenen Produktionsweisen und Gesellschaftsformen ist die Wahrnehmung geschärft und die Sensibilität für Differenzerfahrungen und Verluste groß. Die Menschen reagierten verstört und wehrten sich gegen den Einbruch des Unvertrauten ins Reich des Vertrauten. Sie neigten dazu, ein bekanntes und einigermaßen lebbares Unglück dem Unbekannten, das da aus der Zukunft auf sie zukam, vorzuziehen – auch den unbekannten Möglichkeiten, die das Neue in sich barg und die sie vor lauter Verstörung und Angst nicht wahrzunehmen vermochten.

Einrichtung und Verlust

Die Romantik hat diesen Gefühlen einen Ausdruck gegeben, allerdings noch nicht ihre Begriffe. Als der Marxismus diese Begriffe schließlich zur Verfügung stellte, war das Gefühl nicht mehr da oder im Schwinden begriffen. Die berühmte Hegelsche Eule der Minerva setzte erst in der Abenddämmerung zu ihrem Flug an, und das Begreifen kam wieder einmal zu spät. Die Menschen hatten begonnen, sich unter den neuen Verhältnissen einzurichten und brachten mehr und mehr die Eigenschaften hervor, die für ein Leben unter den Bedingungen von Markt und Konkurrenz nötig sind. Explosiv war es, wo und solange die Industriegesellschaft auf die Agrargesellschaft traf und die Maschinen in die handwerkliche Welt eindrangen. In der Umbruchphase, wo das Alte stirbt und das Neue noch nicht zu Ende geboren und etabliert ist, wo alte Wahrnehmungsweisen auf Phänomene prallen, zu deren Erfassung sie nicht taugen, rebellieren die aus agrarischen und handwerklichen Lebenszusammenhängen herausgerissenen Menschen gegen die Verhaltenszumutungen der Lohnarbeit und der Fabrik. Dann finden sie sich notgedrungen und unter massiver Gewaltanwendung mit ihrem kapitalverwertenden Unglück ab und richten sich unter den neuen Verhältnissen ein.

Die sich formierende Arbeiterbewegung war keine revolutionäre, sondern höchstens noch eine verändernde Kraft. Die industrielle Arbeiterklasse wurde zum Anhängsel des Kapitals, der von ihr geführte Klassenkampf stellte das Ganze der kapitalistischen Produktionsweise nicht mehr in Frage, sondern bewegte sich innerhalb der von dieser gesetzten Grenzen und Formen. Der von ihr zunächst noch angestrebte Sozialismus verlor das ganz andere aus den Augen und schrumpfte auf eine Art geplanten Kapitalismus zusammen. In den Worten von Ernst Bloch ausgedrückt: Die Radikalität des Anfangs ist eine »Erbschaft aus Ungleichzeitigkeit«, der Klassenkampf bewegt sich auf der Ebene der Gleichzeitigkeit und kann sich ein Jenseits der ökonomischen Vernunft nicht mehr vorstellen. Herrschaft wandert in der Art eines trojanischen Pferdes in die Menschen ein und wird dann nicht länger als äußeres Joch empfunden. Die anfängliche Unmöglichkeit des Lebens unter den neuen Verhältnissen wird auf diese Weise für die Menschen möglich. Sie sind, wie es bei Adorno heißt, »bis in ihre innersten Verhaltensweisen hinein mit dem identifiziert, was mit ihnen geschieht. Subjekt und Objekt sind, in höhnischem Widerspiel zur Hoffnung der Philosophie, versöhnt.« Das Gefühl der Entfremdung schwindet, ohne dass die Entfremdung selbst geschwunden wäre.

Romantischer Protest

Die Romantiker erlebten als Zeitgenossen die Transformation traditioneller Gemeinschaften in eine kapitalistische Gesellschaft. Von Gesellschaft kann im strengen Sinn erst als bürgerliche, über Tausch und Markt vermittelte, gesprochen werden. Erst jetzt entwickelt sich Gesellschaft zu einem abstrakten Funktionszusammenhang zwischen den Menschen, in den sie verflochten sind und der ihnen gegenüber eine gewisse Art von Selbständigkeit gewinnt. Die Menschen werden zu Rädchen in einer gigantischen Maschinerie, zu der die kapitalistische Gesellschaft sich ihnen gegenüber verselbständigt hat. Am Höhepunkt der Entfremdung drohen die Menschen, von ihren eigenen Hervorbringungen aus der Welt vertrieben zu werden und ihre Arbeit an Roboter und Algorithmen zu verlieren. Die intellektuellen Wachhunde des Kapitals versuchen mit großem medialen und propagandistischen Aufwand zu verhindern, dass jene angeblich ehernen Gesetze des Marktes, deren perfekte Grausamkeit sie uns gegenüber als ein Naturfaktum darstellen, als veränderbar erscheinen.

Die Romantiker haben den Verlust der sinnlichen Dichte der Welt und den Schrecken darüber, dass sich ein kalter Hauch der Entfremdung wie Rauhreif auf Menschen und Dinge legte, in ihren Novellen, Märchen und Tagebüchern festgehalten. Sie schildern eine aus den Fugen geratene, spukhafte Welt voller verstörter Menschen in innerer Not und äußerem Elend. Die Erfahrung, »fremd zu sein im eigenen Haus«, wurde bereits Ende des 18. Jahrhunderts von Friedrich Hölderlin formuliert. Etwas später fing Wilhelm Hauff das Empfinden vieler Zeitgenossen in seinem Märchen »Das kalte Herz« ein, mit dessen Lektüre Hans-Jürgen Krahl Anfang der 1960er Jahre seine Marx-Schulung im Frankfurter Sozialistischen Deutschen Studentenbund begonnen haben soll. Es erzählt die Geschichte des bitterarmen Köhlers Peter Munk, der sich nicht anders zu helfen weiß, als sein schlagendes Herz an den Holländer-Michel, einen skrupellosen Geschäftsmann, der die Bäume des Schwarzwaldes zu Geld macht, zu verkaufen. Der verpasst ihm statt dessen ein Herz aus Stein.

In einem der zahlreichen Räuberromane jener Zeit stieß ich auf folgende Schilderung: Ein Wanderer kehrt an einem stürmischen späten Herbsttag in einem Gasthaus am Rande eines tiefen Waldes ein. Der Schankraum wird von einem Kachelofen wohlig erwärmt. Die Dämmerung bricht an. Tropfen rinnen über das Glas. Der erste Schnee mischt sich unter den Regen. Die wenigen Gäste sitzen vor ihrem Punsch und unterhalten sich gedämpft. Ab und zu erklingt ein Lachen. Plötzlich veränderte sich die Atmosphäre, wie sie sich verändert, wenn eine Tür geöffnet und wieder geschlossen wird. Ein kalter Luftzug fährt ins Zimmer und bläst eine der Kerzen aus. Die Dielen knarren, Schritte nähern sich. Ein Fremder steht in der Tür und schlägt sich den Schnee vom Mantelkragen. Der Fremde ist unheimlich, und man spürt, dass ein Unheil heraufzieht.

Diese Geschichte existiert in unzähligen Variationen. Ihr Thema ist das Unheimliche, das von außen in die vertraute Umgebung einbricht. Die Romane der Romantik wimmeln von solchen Motiven: Zimmer mit geheimen Türen, Schränke mit doppelten Böden. Auf der Straße stößt man auf geheimnisvolle Fremde mit fahlen Gesichtern und schmalen Lippen. Unschwer ist erkennbar, dass die Figur des mysteriösen Fremden eine Chiffre ist für all das Fremde, von dem die Menschen sich umzingelt und bedroht fühlen. Mitunter taucht er in der Figur des steinernen Gastes auf, der zwischen den Lebenden und den Toten steht. Irgendjemand oder irgendetwas zieht im Hintergrund die Fäden, eine unsichtbare Hand steuert das Schicksal. Das Marionettentheater wird zur Metapher für diese Erfahrung. Es ist die große Zeit der Verschwörungstheorien: Man möchte wissen, wie die Geschichte funktioniert, wo ihre Drahtzieher sitzen. Überall sind Geheimbünde am Werk. Da die Menschen in der heraufziehenden bürgerlichen Gesellschaft immer mehr von Abstrakta beherrscht werden, entwickelt sich eine regressive Sehnsucht nach dem personal Festmachbaren und Konkreten. Nymphen und Kobolde verlassen die Wälder, in denen Äxte und Sägen wüten, alles wird entzaubert und löst sich in Technik und Zahlen auf.

Die Welt ist aus den Fugen, und die verstörten Menschen suchen nach Erklärungen. Die Parallelen zur Gegenwart sind unübersehbar. Auch heute wird aus der grassierenden kapitalistischen Entfremdung die völkische Schimäre der Überfremdung konstruiert und der schwer erfüllbare Wunsch, in all dem Chaos den oder die Schuldigen auszumachen, mit Verschwörungstheorien befriedigt.

Das falsche Selbst

Das, was Marx unter Entfremdung und Verdinglichung verstand, wird nicht erst im Erwachsenenalter durch ökonomisch definierbare Bedingungen menschlicher Arbeit erworben, sondern die Bereitschaft, sich unter entfremdeten Bedingungen einzurichten, wird bereits in der frühen Kindheit durch die Vermittlung einer fremdbestimmten Identitätsstruktur erzeugt. Dieses psychische Pendant zur äußeren Entfremdung hat der englische Psychoanalytiker D. W. Winnicott als »falsches Selbst« bezeichnet. Eine pädagogische Paranoia, die man bis heute Erziehung nennt, sorgt dafür, dass Kinder nicht ihrem eigenen inneren Reifungsrhythmus folgen, sondern sich den Forderungen der Erwachsenen unterwerfen. Sie rücken, wie Klaus Theweleit es ausgedrückt hat, in die Position »braves Kind«: »Das ›brave Kind‹ ist ein Typ, den wir alle zu gut kennen, an uns selbst und andern: dieser Mensch, gleich welcher Altersstufe, der sein Leben lang nicht aufhört, die Gefühle anderer zu haben, und das heißt, die Gefühle seiner Eltern anstelle seiner eigenen.« Durch schmerzhafte Strafen und Drohungen mit Liebesentzug versetzt man Kinder in einen Zustand kaum gemilderter Todesangst, und diese Angst wird zum Motor ihrer Anpassung und Unterwerfung unter die Forderungen der Um- und Mitwelt. Von dieser primären Unterwerfung unter den elterlichen Willen profitieren alle nachfolgenden Autoritäten und gesellschaftlichen Instanzen, von den Lehrern bis hin zum Fabrikherrn und politischen Demagogen.

Diese Erziehungspraktiken, die Katharina Rutschky unter dem Begriff »Schwarze Pädagogik« zusammengefasst hat, waren auch in der Arbeiterklasse gang und gäbe. Sie trugen maßgeblich dazu bei, dass sich die plebejische Unterschicht, die die lebendige Negation der bürgerlichen Gesellschaft bildete, in eine dem Kapital gefügige Arbeiterklasse verwandelte, die arbeiten ging und sich das Produkt ihrer Arbeit wegnehmen ließ. Die in der Kindheit erzwungene Unterwerfung mündet in eine »Identifikation mit dem Angreifer«, die einen Menschentyp hervorbringt, der verbissen seine eigene Knechtschaft verteidigt. Die domestizierten Arbeiter, schrieb der junge Max Horkheimer, »sind die Affen ihrer Gefängniswärter, beten die Symbole ihres Gefängnisses an und sind bereit, nicht etwa diese ihre Wärter zu überfallen, sondern den in Stücke zu reißen, der sie von ihnen befreien will«. Mit dieser Arbeiterklasse war nur noch Staat zu machen. An die Stelle des kapitalistischen Staates kann ein sozialistischer treten, ohne dass damit eine wirkliche Befreiung des Menschen und eine Aufhebung von Entfremdung verbunden sind. Es hat sich als Korrelat der äußeren zweiten Natur eine innere zweite Natur ausgebildet – ein Fundus an tief eingewurzelten Affekt-, Denk- und Wahrnehmungsgewohnheiten, der die Revolution überdauert und in die neue Gesellschaft eingeschleppt wird. Die Revolution bleibt Stückwerk, wenn mit ihr nicht auch eine kulturelle und seelische Revolution einhergeht, die die Menschen vom inneren Ballast der Klassengesellschaft befreit. Die seelisch-kulturelle Revolution wird umso dringender, je tiefer sich der Kapitalismus und die Entfremdung in die Menschen hineinfressen.

Eindimensionale Menschen

Herbert Marcuse hat in seinem 1964 erschienenen Buch »Der eindimensionale Mensch« bereits die Befürchtung ausgesprochen, dass der Begriff der Entfremdung fragwürdig werde, wenn sich die Individuen mit dem Dasein identifizierten, das ihnen auferlegt werde. »Diese Identifikation ist kein Schein, sondern Wirklichkeit. Die Wirklichkeit bildet jedoch eine fortgeschrittene Stufe der Entfremdung aus. Diese ist gänzlich objektiv geworden; das Subjekt, das entfremdet ist, wird seinem entfremdeten Dasein einverleibt. Es gibt nur eine Dimension, und sie ist überall und tritt in allen Formen auf.«

Ist eine gänzlich objektiv gewordene Entfremdung noch Entfremdung? Der Begriff ergibt nur so lange Sinn, wie es etwas gibt, das von der Entfremdung ausgenommen, also nicht-entfremdet ist. Ein Ding kann man nicht verdinglichen; wenn die menschliche Innerlichkeit bloß noch aus verinnerlichter Außenwelt besteht, ist da nichts mehr zu entfremden. Der französische Philosoph Jean Baudrillard sprach einmal davon, die Entfremdung erscheine rückblickend beinahe wie ein goldenes Zeitalter. Was waren das für Zeiten, als die Menschen noch darunter litten, dass man aus ihnen Andere machen wollte? Inzwischen seien wir jedweder Andersheit und Fremdheit beraubt und durch und durch abstrakt.

Dem Begriff der Entfremdung ist jener der »Charaktermaske« verschwistert, mit dem Marx ausdrücken wollte, dass die Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft zu Personifikationen ökonomischer Kategorien herabgesetzt werden. Der charaktermaskierte Mensch ist der entfremdete Mensch, ein Mensch, der gezwungen ist, eine Rolle in einem Stück zu spielen, dessen Drehbuch andere geschrieben haben. Die Maske, die er in diesem Stück trägt, sitzt äußerlich auf seinem Gesicht, und er verspürt den Drang, sie abzureißen. Was aber, wenn die Masken ins Fleisch gewachsen sind, wie es in einem Theatertext von Thomas Brasch heißt? »Hinter den Masken stecken keine Gesichter mehr«, mutmaßte der bereits erwähnte Hans-Jürgen Krahl, einer der theoretischen Köpfe der antiautoritären Linken der späten 1960er Jahre. Da Entfremdung dennoch objektiv fortbesteht, schlug er vor, von einer »Entfremdung zweiten Grades« zu sprechen. Diesen Begriff hatte der französische Soziologe und Philosoph Henri Lefebvre einige Jahre zuvor geprägt: »Es scheint, dass man um all dies nicht herumkommt: extreme Abstraktion, nahezu totale Entfremdung (die so weit geht, dass niemand sie mehr als Entfremdung empfindet und dass die Entfremdungstheorie abgegriffen, gegenstandslos und bar jeder Wirkung zu sein scheint).«

Krahl hat in seiner Auseinandersetzung mit Marcuse die Vermutung geäußert, die Eindimensionalität müsse sich, wenn sie nicht bloße Kulturkritik sein wolle, in der Struktur der Ware selbst nachweisen lassen. In seinen Bemerkungen zu Akkumulation und Krisentendenz heißt es: »Wenn Entfremdung und Verdinglichung heute Kategorien sind, deren Gültigkeit für den Kapitalismus zweifelhaft wird, so muss das notwendig in einer wesentlichen Veränderung der Warenform gesucht werden. Deren Elemente, Gebrauchswert und der an dessen Naturalform usurpativ (beschlagnahmend) erscheinende Wert, müssen in eine qualitativ veränderte Konstellation getreten sein. Die Warenform, in der der Gebrauchswert tendenziell schon stets abstirbt, die zur Allegorie wird, trägt die Tendenz zur Zersetzung in sich. (…) Das Stadium der immanenten Selbstzersetzung der Warenform zugunsten des totalitären Tauschs ist erreicht, nicht nur hat endgültig die Verpackung über das Produkt gesiegt – der Gebrauchswert ist zerstört –, wir konsumieren Reklame, wenn wir essen und trinken, und ernähren uns doch davon«.

Digitales Panoptikum

Haben wir 50 Jahre später Grund, dieser düsteren Diagnose zu widersprechen? Wir sind im Begriff, ein Volk von digitalen Fellachen zu werden. Ein Blick auf die vor Apple Stores auf das neue Handymodell wartenden Leute genügt, um zu demonstrieren, dass wir vollends ins Zeitalter der »Entfremdung zweiten Grades« eingetreten sind. Die Leute werden zu Hanswursten ihrer Geräte, sie erleiden ihre Vernetzung nicht, sondern erleben sie als ureigensten Impuls und intime Leidenschaft. Man muss sie zur Preisgabe persönlicher Daten nicht zwingen, sie entblößen sich aus freien Stücken. Mit den Smartphones und den sogenannten sozialen Netzwerken sind der Macht Instrumente zugewachsen, die es ihr erlauben, die Gesellschaft unter aktiver und begeisterter Mitwirkung der User in ein digitales Panoptikum zu verwandeln.

Die Menschen lassen sich ihre Partner bei Tinder per Algorithmus zuweisen. Der Inszenierungswert einer Ware siegt endgültig über den Gebrauchswert. Die Menschen werden zu subjektivierten Tauschwerten, Geldsubjekten, Warenzombies. Das Gesicht ist zum Logo der persönlichen Marke geworden, das in den sogenannten sozialen Netzwerken zu Werbezwecken täglich neu zur Schau gestellt wird. Das glückliche Bewusstsein hat über die Entfremdung triumphiert. Bei wem noch Rückstände eines unglücklichen Bewusstseins – Zeugnis erlittener Entfremdung – gefunden werden, wird zum Psychiater geschickt und bekommt Antidepressiva verordnet.

Es kann sein, dass das System der vor sich hin nullenden Nullen irgendwann an Grenzen stößt und zusammenbricht, aber, heißt es bei Franz Fühmann, »der Ausweg aus einem Gebäude gehört zum Gebäude; stürzt es ein, verschüttet es meist auch den Ausweg«.

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte lang als Gefängnispsychologe. In der »Edition Georg-Büchner-Club« erschien im Juli 2016 unter dem Titel »Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst« der zweite Band seiner »Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus«. Der erste Band »Zwischen Amok und Alzheimer« ist 2015 im Verlag Brandes und Apsel erschienen.


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  • Roman Stelzig: Idealistische Sicht »Die Menschen lassen sich ihre Partner bei Tinder per Algorithmus zuweisen.« Heißt: Sie lassen sich also doch von einem Gebrauchswert leiten (und nicht vom Tauschwert an sich). Auch die Benutzer von S...