Aus: Ausgabe vom 22.12.2017, Seite 10 / Feuilleton

Die Pille besser schlucken

Ein Holzhammer und viel Puderzucker: »American Fall«, das zehnte Album der US-Punkband Anti-Flag

Von Rouven Ahl
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»So ist es wirkungsvoller« – Leadgitarrist und Sänger Justin Sane

Nach der Amtseinführung Donald Trumps hatten Neofaschisten und »besorgte Bürger« in den USA Oberwasser, was nebenbei auch die Nachfrage nach dreiminütigen Protestsongs ein wenig ankurbelte. Wenn so etwas wie die Wahl von Trump zum Präsidenten passiere, »bekommt unsere Band mehr Aufmerksamkeit«, sagte damals Chris  #2, Bassist von Anti-Flag.

Nun ist mit »American Fall« das zehnte Album der Punkband aus Pittsburgh erschienen, die ihren endgültigen Durchbruch im Jahre 2003 mit dem vierten hatte, »The Terror State«. Schon damit hatten Justin Sane, Pat Thetic, Chris Head und Chris #2 auf einen Kriegstreiber im Weißen Haus reagiert. Ein paar Monate vor der Veröffentlichung des Albums waren die USA unter Präsident George W. Bush mit völkerrechtswidrigen Gründen im Irak einmarschiert. Anti-Flag gehörten damals zu einem von NOFX-Sänger »Fat« Mike Burkett ins Leben gerufenen Zusammenschluss einiger Punkbands, die eine Wiederwahl Bushs im folgenden Jahr verhindern wollten. Bekanntlich scheiterte das Vorhaben. Aber die Repolitisierung der Punkmusik hat es nach einer von pubertärem Humor geprägten Poppunk-Welle vorangetrieben.

Damals wie heute wettern Anti-Flag alsogegen den amtierenden Präsidenten und gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Während sie vor rund 15 Jahren musikalisch noch merklicher im Punk klassischer, also ruppigerer Prägung verwurzelt waren, setzt »American Fall« stark auf die Eingängigkeit des Pop. Die Band hatte schon immer eine Schwäche für Melodiebögen und Singalong-Chöre, beim neuen Album treibt sie das stellenweise etwas zu weit. Melodiösen Songs einen gewissen Tiefgang zu verleihen, geht Anti-Flag leider ab. Das überlassen sie ihren Brüdern im Geiste von der Band Rise Against. Und so wirkt schon beim dritten »American Fall«-Hördurchgang das schönste »Oohoho« im Refrain irgendwie fad; die Songs wollen einfach nicht haften bleiben. Im übrigen sollte zur Vermengung von Rude-Boy-Ska und Punk nach dem Album »… and out come the Wolves« von Rancid alles gesagt sein: Finger weg!

Warum Anti-Flag das Tempo der Lieder gedrosselt und viel Puderzucker drübergestreut haben, erklärt Sänger Justin Sane: »Wir leben in düsteren und polarisierenden Zeiten. Da wollten wir unsere Message nicht auf überhebliche oder beklemmende Art und Weise unter die Hörer bringen. Mit ein bisschen mehr Melodie lässt sich die Pille besser schlucken. So ist es wirkungsvoller und einfacher.« Nun ja. Sieht man mal von der Musik ab, machen Anti-Flag bei der Verbreitung ihrer Botschaft auch mit dem aktuellen Album vieles richtig. So enthält das Booklet Schriften beispielsweise von Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und von Peter Montgomery. Sie wollen für die gute Sache agitieren – daraus haben sie nie ein Geheimnis gemacht.

Dass in ihren Songtexten, ein Beispiel wäre die Single »American Attraction«, eher der Holzhammer als die feine Klinge geschwungen wird, ist kein Kritikpunkt. Im Gegenteil: Die Zeiten für schwammige »Ja, aber …«-Formulierungen sind vorbei. Probleme müssen beim Namen genannt werden, auch wenn die deutsche Popmusik das nicht wahrhaben will. Es ist höchte Zeit, Haltung zu zeigen. Das tun Anti-Flag definitiv. Und zwar seit der Gründung in den 90ern.

Anti-Flag: American Fall (Spinefarm Records)


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