Aus: Ausgabe vom 18.12.2017, Seite 11 / Feuilleton

Jenseits des Rechts

In den Kurzgeschichten von Petina Gappah über den Alltag in Simbabwe liegen Fröhlichkeit und Tragik nah beieinander

Von Christa Schaffmann
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Vielleicht wird die Rotten Row in Simbabwes Hauptstadt Harare einmal ähnliche kulturgeschichtliche Berühmtheit erlangen wie der Ku’damm in Berlin oder die Londoner Abbey Road der Beatles. Schon einmal den Titel gegeben hat sie der kürzlich auf deutsch erschienenen Kurzgeschichtensammlung »Die Schuldigen von Rotten Row« der simbabwischen Autorin Petina Gappah. Dass die historisch interessante Straße genug Stoff dafür hergibt, beweist das Buch allemal. Und zwar nicht nur aufgrund des in ihr gelegenen Hauptquartiers der Regierungspartei ZANU-PF (Zimbabwe African National Union – Patriotic Front). Gappah bezieht sich auf das dort ansässige Strafgericht. Alle ihre Stories drehen sich um Spannungen und Konflikte, die meist vor Gerichten enden. Justizsäle spielen aber keine besondere Rolle. Die Geschichten handeln von Klatsch und Tratsch in einem Frisiersalon, einer Schlägerei bei einer Hochzeit, einem Schülerschicksal in einem Eliteinternat oder einem Kleinbusfahrer, der einem Mob zum Opfer fällt. Es sind laute und leise Stories darunter. Gappahs Dialoge sind brillant, sie trifft immer den Ton ihrer Akteure. Dass der Leser hin und wieder über eine Zeile in ihrer Muttersprache Shona rätselt, sei der Autorin verziehen.

Für ihren ersten Kurzgeschichtenband »An Elegy for Easterly« erhielt sie 2009 den Guardian First Book Award, ihr Romandebüt »Die Farben des Nachtfalters« erschien 2015. Trotz ihres literarischen Erfolgs weit über Simbabwes Grenzen hinaus setzt Gappah ihre Karriere als Juristin und Dozentin fort. Gerade lebt sie mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Berlin. Sie wuchs in Sambia und Südrhodesien auf, besuchte eine englischsprachige Schule. Schon früh setzte ihre Politisierung ein. Ihr rechtswissenschaftliches Studium absolvierte sie in Harare und Cambridge, promovierte anschließend in Graz. Ab 1998 arbeitete sie in Genf als Juristin für die Welthandelsorganisation. Die Beschäftigung mit Wirtschaft und Recht prägte ihre Sicht auf die wechselvolle Geschichte ihrer Heimat nach der Unabhängigkeit. Eine politische Autorin will die Kritikerin des Mugabe-Regimes dennoch nicht sein. Ebensowenig versteht sie sich als Autorin im Exil, sondern als »intellektuelle Touristin«. Die Sehnsucht nach Familie und Freunden, nach dem zwischenmenschlichen Klima in Simbabwe und ihr Interesse an der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes führen sie mehrmals im Jahr für einige Zeit in ihre Heimat zurück. Von der dortigen Entwicklung wird es abhängen, ob Petina Gappah irgendwann für immer zurückkehrt, in die Politik geht, als Anwältin arbeitet oder weiter Geschichten erzählt: Geschichten über Hoffnungen und Ängste, über Fröhlichkeit und Trauer, die immer von Empathie zeugen und auch dann humorvolle Momente haben, wenn sie tragisch enden.

Petina Gappah: Die Schuldigen von Rotten Row. Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky, Arche Verlag, Zürich 2017, 352 Seiten, 22 Euro


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