Aus: Ausgabe vom 18.12.2017, Seite 5 / Inland

Amour perdu

Der Sexspielzeughandel Beate Uhse AG geht in Insolvenz, operatives Geschäft läuft weiter

Von Gerrit Hoekman
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Global Player: Von der ersten Flensburger Filiale wuchs die Uhse AG in die Welt hinaus

Trauer bei den Liebhaberinnen und Liebhabern von Dildos, Handschellen und Masturbatoren: Die Beate Uhse AG ist pleite. Das gab das Unternehmen am Freitag in einer Presseerklärung bekannt. »Mit dem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung erhält die Beate Uhse AG auf Ebene der Holding, geschützt vor Vollstreckungen und Zwangsmaßnahmen der Gläubiger, ihre Handlungsfähigkeit im operativen Geschäft«, heißt es dort. Nur so sei die unmittelbar drohende Zahlungsunfähigkeit abgewendet worden.

Der Insolvenzantrag beim Amtsgericht in Flensburg betreffe ausschließlich die Funktion als Holding, die Tochtergesellschaften hätten damit nichts zu tun, erklärte das Unternehmen: »Die operativen Gesellschaften halten ihren Geschäftsbetrieb uneingeschränkt aufrecht.« Die wichtigsten Gläubiger unterstützen diesen Weg laut dem Konzern. »Der Vorstand kann den eingeschlagenen Sanierungskurs der Beate Uhse somit in einem rechtlich gesicherten Rahmen vollumfänglich fortführen.«

Im Rahmen des Insolvenzverfahrens sollen neue Investoren angesprochen werden. Wer das sein könnte, ist völlig offen. Eine Anleihe in Höhe von 30 Millionen Euro mit hohen Zinsen drücke auf die Bilanzen, berichtete ZDF am Freitag. Von der Insolvenz sind vorläufig zehn Mitarbeiter der Holding betroffen, die weiteren 335 Angestellten bei Beate Uhse sind wohl erst einmal sicher. Ein halbes Jahrhundert lang war der Versand eine Gelddruckmaschine, ein Symbol des bundesrepublikanischen »Wirtschaftswunders«.

In der Prä-Pille-Ära kurz nach dem Krieg brachte Beate Uhse ein Heftchen über die Knaus-Ogino-Verhütungsmethode unter die Leute. Sie verkaufte 80.000 Stück und verschaffte sich das Startkapital für ihre Karriere als Unternehmerin, gründete 1951 ihr Versandhaus. Die begeisterte Naturistin eröffnete schließlich 1962 in Flensburg ein »Fachgeschäft für Ehehygiene« – der, soweit bekannt, erste Sexshop der Welt.

Die Sittenwächter der BRD waren empört und strengten Klagen an, wegen »der unnatürlichen, gegen Zucht und Sitte verstoßenden Aufpeitschung und Befriedigung geschlechtlicher Reize«, zitiert Sybille Steinbacher in ihrem Buch »Wie der Sex nach Deutschland kam« aus Prozessakten. Der damals in der BRD noch verbotene Verkauf von Kondomen an Unverheiratete führte in den 1950ern zu einem Prozess. Bis 1992 gingen mehr als 2.000 weitere Anzeigen gegen den Versand ein.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels verweigerte dem zum Uhse-Imperium gehörenden Carl-Stephenson-Verlag wegen »sittlicher Bedenken« den Zutritt. In Flensburg mochte kein Tennisklub die Unternehmerin aufnehmen. Weil sie aber 1970 das Love-and-Peace-Festival auf der Ostseeinsel Fehmarn gesponsert hatte, bei dem Jimi Hendrix seinen vorletzten Liveauftritt hatte, genoss sie in Hippiekreisen fast Kultstatus.

Mit zunehmendem Alter erwarb sich die Kunstpilotin, die während des Zweiten Weltkriegs für die Luftwaffe Flugzeuge überführt hatte und dabei auch ins Visier alliierter Abfangjäger geraten war, gesellschaftliche Reputation. 1989 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen. Als allerdings 2015 die Fachhochschule in Flensburg nach ihr benannt werden sollte, ließ die Stadt das Vorhaben aufgrund von Protesten in der Bürgerschaft fallen.

Uhse glaubte, Frauen von überkommenen Moralvorstellungen zu befreien. Unter anderem, weil sie für Verhütung warb. Sie selbst nannte sich gern »die Retterin von Millionen kaputter Ehen«.

»Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen« – mit diesem Motto stürzte sich Beate Uhse nach dem Ende des Sozialismus auch auf die DDR. Sie schickte gleich im November 1989 25.000 Kataloge in den Osten. Bis Weihnachten gingen über 7.500 Bestellungen ein. Ganz oben auf der Wunschliste der DDR-Bürger standen laut einem Rückblick des NDR von Dezember 2009: Das Magazin »Der Penis in Wort und Bild«, das Buch »Lustgewinn in der Ehe«, der Film »Strandorgien 90 min« und das Spielzeug »Hoppe-Peter«.

Ostdeutschland bescherte Beate Uhse den letzten Boom. 1999 ging das Unternehmen an die Börse: Die Aktie floppte, verlor zeitweise 95 Prozent ihres Werts. Beate Uhses Tod 2001 war dann endgültig eine Zäsur für den Konzern. Die Manager geben sich seitdem die Klinke in die Hand. Mit dem Internet hat sich das Geschäft komplett verändert.

»Die Zukunft hängt nun vom Erfolg des Vorstandschefs Specht ab, aber vor allem von den Eigentümern, vorneweg dem niederländischen Unternehmer Gerard Cok und den schleswig-holsteinischen Sparkassen«, wagte das ZDF eine Prognose. Wenn sie scheitern, bleibt nur die Erinnerung an einen großen Namen.


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