Aus: Ausgabe vom 18.12.2017, Seite 2 / Inland

»Systeme geschützt, aber nicht die Kinder«

Warum Betreuung durch das Jugendamt nicht jeden Todesfall verhindert. Ein Gespräch mit Sabine Boeddinghaus und Mehmet Yildiz

Interview: Kristian Stemmler
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Keine Entwarnung, jedoch: »Die Zahl der Kindeswohlgefährdungsmeldungen steigt zwar, aber der größte Teil kommt von der Polizei. Über 90 Prozent davon erledigen sich.«

Sieben Kinder sind seit 2004 in Hamburg trotz Aufsicht durch Jugendämter in ihren Familien durch Gewalt oder Vernachlässigung zu Tode gekommen. Am 23. Oktober brachte in einer vom Amt betreuten Familie in Neugraben ein Vater seine zweijährige Tochter um – Behördenversagen?

Mehmet Yildiz: Natürlich ist jedes Kind, das stirbt, ein Kind zuviel. Immer gleich die Jugendämter verantwortlich zu machen, wenn sie denn einbezogen sind, ist aber zu kurz gegriffen. Schon gar nicht ist die Stadt Hamburg besonders betroffen, wie Gudula Kaufhold von der TU Dortmund in einer Untersuchung für die Enquete-Kommission »Kinderschutz und Kinderrechte weiter stärken« nachwies. Natürlich müssen solche Vorgänge überprüft werden, allerdings aus meiner Sicht von einer unabhängigen Jugendhilfeinspektion.

Sozialsenatorin Melanie Leonhard, SPD, behauptete gegenüber dem Hamburger Abendblatt im November, die Allgemeinen Sozialen Dienste, ASD, seien ausreichend besetzt, Vakanzen seien selten. Sehen Sie das auch so?

Sabine Boeddinghaus: Die Personalausstattung der Jugendämter ist 2015 um 75,5 Stellen erhöht worden, das ist richtig. Allerdings war das überfällig und erfolgte erst nach Protesten der Beschäftigten und Anträgen der Linkspartei in der Bürgerschaft. Die Linke hatte damals 100 Stellen verlangt. Das entsprach den Forderungen der Gewerkschaft. Fast alle zusätzlichen Stellen wurden inzwischen besetzt. Eine Anfrage der Linken zur Personalsituation ergab allerdings, dass die Fluktuation bedenklich bis alarmierend ist. Ein Problem ist das Verhältnis von erfahrenen und neuen Fachkräften.

Leonhard verweist auf neue Stellen in den ASD und die Einrichtung der Jugendhilfeinspektion, die die Arbeit der Jugendämter überwacht. Hat das die Lage entspannt?

Boeddinghaus: Natürlich entspannt zusätzliches Personal die Situation. Kollektive und individuelle Überlastungsanzeigen sind nach 2015 zurückgegangen. Aber die Lage in den Jugendämtern bleibt angespannt. Ein großer Teil der Arbeitszeit der ASD-Beschäftigten geht durch Kontroll- und Dokumentationspflichten verloren.

Vor einem Jahr beklagten Mitarbeiter der Jugendhilfe bei einer Anhörung Ihrer Fraktion, dass sie genauso unter Deckelung der Mittel leiden wie die anderen staatlich finanzierten Bereiche. Hat sich das gebessert?

Yildiz: Nein. Der Senat hat trotz steigender Steuereinnahmen und Überschüsse im Kernhaushalt keine Änderungen in diesem Bereich vorgenommen. Er leistet sich nicht nur eine Schuldenbremse, sondern auch ein Finanzrahmengesetz mit einer Obergrenze für den Haushalt, die dafür sorgt, dass selbst hohe Überschüsse ausschließlich in Rücklagen und Entschuldung gehen. Langfristig nötige Investitionen werden nicht getätigt.

Leonhard sieht die Schuld bei den Familiengerichten, vor denen das Wohl der Kinder eine zu geringe Rolle spiele.

Boeddinghaus: Hamburg greift gegenüber 2011 öfter in Familien ein, entzieht häufiger das Sorgerecht, schickt die Kinder – abweichend vom Bundesdurchschnitt – länger in Heime und lässt sie nur kurze Zeit in Pflegefamilien. Das sind Fakten aus einer Anfrage der Fraktion. Die Zunahme dieser Eingriffsorientierung ist eine neue Entwicklung der letzten fünf Jahre. Sie ist Ausdruck einer Jugendhilfepraxis, die um jeden Preis Fehler zu vermeiden sucht. So werden die Systeme geschützt, aber nicht die Kinder.

Ist es nicht so, dass spektakuläre Todesfälle von Kindern die Aufmerksamkeit nur kurz auf Probleme lenken, wie sie in vielen Familien herrschen – ansonsten das Schicksal dieser Familien der Mehrheit der Gesellschaft aber egal ist?

Yildiz: Den Eindruck könnte man gewinnen. Die Zahl der Kindeswohlgefährdungsmeldungen steigt zwar, aber der größte Teil kommt von der Polizei. Über 90 Prozent davon erledigen sich. Das System ist sehr ineffektiv. Von Nachbarn oder Verwandten kommen dagegen sehr wenige Meldungen. Trotzdem gibt die Stadt sehr viel Geld für die Kinder- und Jugendhilfe aus – leider oft für zuviel Kontrolle und Dokumentationspflichten und nicht für die Kinder und ihre Familien.

Sabine Boeddinghaus ist Sprecherin der Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft für Bildung und Schule sowie Familie und Jugend, Mehmet Yildiz für Kinder und Sport.


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