Aus: Ausgabe vom 16.12.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Hüten Sie sich vor Chinesen

Von Sebastian Carlens

Deutschland, ein Eiland in einem Ozean voller Feinde. Die germanische Insel trotzt gleich drei Imperien: Cyber-Russen, PRISM-Amerikaner und Fake-Chinesen schicken ihre U-Boote, um deutsche Wissenschaftler, Diplomaten und Politiker auszuforschen. Oder um Nachwuchshoffnungen zu ködern, die noch im Zustand des Dauerpraktikums stecken, aber vielleicht irgendwann einmal was Wichtiges werden könnten.

Vice, das Hipstermagazin, deckt letztere Zielgruppe in der Warnkampagne des Verfassungsschutzes ab. Das Bundesamt hat herausgefunden, wie chinesische Geheimdienste operieren – mit einer ganz raffinierten Masche: »Es ist eigentlich eine harmlose Nachricht, die eine Chinesin namens Eva Han bei Linked-in an die Mitarbeiterin einer großen deutschen Partei schreibt«, berichtete das Magazin am Montag, und der Hipster, bei einer beliebigen im Bundestag vertretenen Partei für Käffchen und Kopierer zuständig, verschluckt sich fast am morgendlichen Grünkern-Smoothie. War da nicht was? Eine Eva Han? Auf Linked-in? Oder bei Tinder? Den Film-Noir-Stil müssen Sie sich denken.

»Getarnt schrieben die Geheimdienste im Karrierenetzwerk Linked-in Nachrichten an über 10.000 deutsche Beamte, Diplomaten, Bundeswehr-Offiziere, Wissenschaftler und NGO-Mitarbeiter, aber auch Studenten«, weiß Vice. »Dabei soll es zunächst nur darum gegangen sein, Kontakt herzustellen.« Unglaubwürdig? »›Ich weiß von mindestens fünf Leuten, die von chinesischen Fake-Profilen kontaktiert worden sind‹, sagt ein Beamter eines Bundesministeriums, der aufgrund seiner Position anonym bleiben will.« Das ist der Beweis.

Die Quintessenz der Geheimdienstwarnung: Hüten Sie sich vor Chinesen. Die treten nämlich auch in »Karrierenetzwerken« auf, unterhalten berufliche wie private Kontakte, suchen dort nach Jobs und bieten solche an, kontaktieren also initiativ Wildfremde. Wofür solche Netzwerke da sind. Doch Rachel Li, Lily Wu oder Laeticia Chen, die vom Bundesamt für politische Entgiftung beispielhaft als spionierende Fake-Accounts genannt werden, sind Allerweltsnamen wie Max Müller oder Lisa Meier. Für Europäer auch noch schwer auseinanderzuhalten.

Deutschland, die angegriffene Insel, muss sich ständig und gegen alle wehren. Der Cyber-Russe, der ja bekanntlich die Bundestagswahl dahingehend manipuliert hat, dass nun die SPD Selbstmord begehen muss, ist dabei aus Sicht der Bundesregierung die ärgste Gefahr. Der Fake-Chinese kommt direkt danach (und holt auf). Nur die Vereinigten Staaten, die einzige Macht, die tatsächlich und erwiesenermaßen in erheblichem Stil in und gegen die BRD Spionage betreibt, bleiben verbal verschont. Das hat übrigens nichts mit irgendeinem »Abhängigkeitsverhältnis« zu tun, wie uns interessierte Kräfte weismachen wollen, sondern mit sich steigernder Konkurrenz und Konfrontation – es besteht kein Grund zu der Annahme, dass die deutschen Dienste nicht mit denselben Waffen zurückschlagen, also versuchen, den US-Präsidenten zu belauschen.

Es spricht übrigens auch nichts dafür, dass sie in der und gegen die Volksrepublik China nicht ganz genauso vorgehen. Mit allen Tricks, die sich in diesem Gewerbe anbieten, getarnt als »NGO«, unter dem Dach des harmlosen »Goethe-Institutes«, mit Hilfe bewaffneter Separatisten, in den Minderheitengebieten Chinas. Durch die Förderung von »Dissidenten«. Oder durch Kontaktaufnahme mit Studenten, Offiziellen und Wissenschaftlern.

Und doch gibt es einen Unterschied. Die Chinesen wissen das, machen daraus aber keine antideutsche Kampagne, mit Generalverdacht gegen jeden Max Müller und jede Lisa Meier. Das rassistische, gruppenbezogene Klischee ist eine Waffe des Angriffs. Es wäre nurrecht und billig, wenn die VR China für jede solcher Attacken eine deutsche Spionagehöhle dichtmacht.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Neue Ausgabe vom Mittwoch, 24. Januar erschienen — jetzt einloggen! Oder abonnieren.
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage