Aus: Ausgabe vom 16.12.2017, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Kein Fair play

Zu jW vom 7. Dezember: »›Systemische Manipulation‹«

Wir lesen »Staatsdoping«, »Dopingstaat«, und dann spricht Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), von einem »beispiellosen Angriff auf die Integrität der olympischen Bewegung und des Sports«, ausgeübt von der russischen Sportnation. Wäre es nicht so ungemein hochpolitisch, müssten jetzt Tränen fließen – nicht der Rührung, sondern Lachtränen! Leider haben wir es aber hier mit einem antirussischen Furor zu tun, der die Welt des Sports in die Beinschere genommen hat.

Der »beispiellose Angriff« hat vor Jahrzehnten begonnen. Einen Stichtag kann ich nicht ausmachen. (…) Das mit Wohlwollen aller involvierten staatlichen Institutionen geförderte Doping erlebte in meiner Erinnerung einen ersten Höhepunkt bei den Olympischen Sommerspielen in München 1972. (…) Die Wahrheit kam ans Tageslicht, scheibchenweise wie die Fotos nach einer Computertomographie. Dann kam das tödlich endende Drama um die Siebenkämpferin Birgit Dressel und später der Tod des mit Anabolika vollgepumpten Kugelstoßers Ralf Reichenbach. Sie wurden Opfer eines wild wuchernden Dopingmarkts. In Konkurrenz zur erfolgreichen Sportnation DDR bleiben mir auch die Worte des damaligen Innenministers Hans-Dietrich Genscher in Erinnerung: Wir brauchen Medaillen, egal mit welchen Mitteln. Unvergesslich der Auftritt der US-amerikanischen Sprinterin Florence Griffith-Joyner. Sie schuf Weltrekorde für die Ewigkeit (obwohl, wer weiß?), die offenkundig aber (…) im Labor von BALCO ausgetüftelt worden waren. Als sie starb, war sie noch keine 40 Jahre alt. Die Firma BALCO, in Kalifornien beheimatet, galt als die »Schmiede« aller olympiatauglichen Dopingpräparate in den USA. (…)

Ab dem Zeitpunkt, als der Leistungssport sich den Gesetzen des Marktes und der Profitmacherei unterworfen hatte, gab es kein Halten mehr. Flankiert von einer skrupellosen Werbeindustrie mussten, wurden und werden alle Appelle an ein Fair play auf der Strecke bleiben. Wenn es einen Dopingstaat gab, wo ist der Unterschied zu den Staaten, die alle Dopingpraktiken den freiheitlich-demokratischen Marktagenten überlassen haben? Sie mögen staunen, es gibt ihn. Unter staatlicher medizinischer Kontrolle gab es bisher noch keine Todesopfer. Die vom IOC getroffene Entscheidung ist rein politischer Natur. Wer da glaubt, auf diese Weise auf die Zielgerade zum blütenweißen Sport einbiegen zu können, sollte lieber an die unbefleckte Empfängnis glauben, oder an den Weihnachtsmann.

Hans Schoenefeldt, per E-Mail

Große Kriegskoalition

Zu jW vom 12. Dezember: »Kein ›Kassenkommunismus‹ in Sicht«

Die Konzernmedien, die veröffentlichte Meinung und leider auch die junge Welt reden von »GroKo«, von »KoKo« (neuer SPD-Vorschlag), dabei ist die einzig richtige Abkürzung »KrieKo« oder auch »GroKrieKo« – Kriegskoalition oder Große Kriegskoalition.

Matthias Apitz, per E-Mail

Von wegen Kulturpolitik in Berlin

Zu jW vom 12. Dezember: »In Gänze verworfen«

Der sehr informative Artikel zeigt mehr als deutlich, dass die Abwicklung bzw. Verwandlung der Volksbühne in eine »Eventbude« (Claus Peymann) ein organisiertes und finanziell teures Programm des »Kultur«-Trios infernale Michael Müller, Tim Renner, Chris Dercon ist, das auf einen neoliberalen Theaterbetrieb hinausläuft. (…) Die Berliner »Kultur«-Politiker ignorieren (…) bewusst die ihnen aufgetragenen verbindlichen Auflagen und Vorgaben und täuschen damit die kultur- und theaterinteressierte Öffentlichkeit. Dieser Skandal wird vom (…) Unkultur-, Event-, Zensur-, und Volksbühnen-Räumungssenator Klaus Lederer wohlwollend getragen, gestützt und forciert. Vielleicht geschieht ein Wunder, und diese Armutszeugnisse der Kulturpolitik sowie die künstlerischen Bankrotterklärungen des Herrn Dercon haben nicht nur ein politisches, sondern auch ein juristisches Nachspiel. Dass die grotesken Derconschen Ergebnisse aus der zweijährigen Vorbereitungszeit die öffentliche Hand 2,24 Mio Euro kosten, erinnert mich irgendwie ein bisschen an die erfolgreichen Raubzüge der Bankster, für die der Steuerzahler bluten darf. (…)

Thomas Pelte, per E-Mail

NATO-Boykott

Zu jW vom 11. Dezember: »Genossen gegen SPD-Spitze«

Das bei Otto Normalverbraucher geflügelte Wort von der Politik als schmutzigem Geschäft ohne Moral findet leider wieder einmal seine Bestätigung: Die Verleihung des Friedensnobelpreises an ICAN (…) wurde von der NATO boykottiert. (…) Der norwegische NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg und die Botschafter der anderen Länder des Bündnisses nahmen trotz entsprechender Einladungen an diesem feierlichen Akt (…) nicht teil. Nun ja, in Hinblick auf die Atommächte scheint das ja noch irgendwie begreiflich. Aber die Abwesenheit eines Vertreters des über keine eigenen Kernwaffen verfügenden Deutschlands war schon etwas fragwürdiger. Zumal ja immerhin die zwei Atomwaffenstaaten Russland und Israel durch ihre Teilnahme (…) offenkundig keine Scheu zeigten, sich zumindest diplomatisch dem Anliegen Alfred Nobels, den Frieden zu fördern, zu stellen. Eigentlich ein Anliegen, dem sich Deutschland bereits (…) verpflichtet hatte. (…) Doch die transatlantische Vasallentreue gegenüber den USA und die immer profitableren Rüstungsgeschäfte führen Otto Normalverbraucher vor Augen, dass Politik und Moral es in der Tat weiterhin schwer haben werden, zueinanderzukommen.

Prof. Gregor Putensen, Greifswald

Die Entscheidung des IOC ist rein politischer Natur. Wer glaubt, so auf die Zielgerade zum blütenweißen Sport einbiegen zu können, sollte lieber an unbefleckte Empfängnis oder den Weihnachtsmann glauben