Aus: Ausgabe vom 14.12.2017, Seite 10 / Feuilleton

Hurrarufe sind zu unterlassen

In Frankfurt am Main ist die Kunstaustellung »Glanz und Elend in der Weimarer Republik« zu sehen

Von Herbert Bauch
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Ein eigener Bereich zum Thema »Paragraf § 175 und Magnus Hirschfeld«: »Liebende Knaben«, Lithographie von Christian Schad (1929)

Begibt man sich vom Frankfurter Hauptbahnhof zu Fuß in Richtung Innenstadt wird man mit Szenen konfrontiert, die einem in der Kunsthalle Schirn – wenn auch in anderer Form – wieder begegnen: dem Elend der Ausgegrenzten. Zu sehen in der Ausstellung »Glanz und Elend in der Weimarer Republik«, die knapp 200 Werke von 62 Künstlern umfasst. Allerdings wird das Elend dort kunstgeschichtlich und didaktisch aufbereitet – auf Blickhöhe und nicht am Boden liegend in einem schäbigen Schlafsack. Auf dem Weg zur Schirn am Römer spielt sich auch das grelle Sexbusiness ab, vor den steil in den grauen Dezemberhimmel ragenden Hochhäusern des Finanzkapitals.

Derlei Kontraste prägten schon die damalige Kunst. Die Verwerfungen der Gesellschaft und die Zerstörung der ersten deutschen Demokratie werden mit Pinsel und Stift unbarmherzig seziert. »Weimarer Fasching«, ein Ölgemälde von Horst Naumann, entstanden um 1928/29, macht wie unter einem Brennglas all jene Phänomene sichtbar, die die Republik umtrieben: Militär und Waffen, Vergnügungen und Sport, Geld und Sexualität, technische Entwicklungen und reaktionäre Symbolik.

Folgerichtig wird diese Arbeit in der Ausstellung am Anfang präsentiert. Kriegskrüppel, Nazis und die »Herren der Welt« (Fabrikant – Politiker – Gewerkschaftsbonze) von Georg Scholz schließen sich an. Vielfach wollten die Kunstschaffenden in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur realistisch arbeiten und soziales Elend anklagen, sondern auch direkt und unmittelbar auf die gesellschaftlichen Verhältnisse einwirken, wie die 1928 gegründete Assoziation revolutionärer bildender Künstler Deutschlands (Asso), der Otto Griebel, Hans und Lea Grundig, Alice Lex-Nerlinger und ihr Ehemann Oskar Nerlinger angehörten.

Für Ingrid Pfeiffer, Kuratorin der Ausstellung, besteht der »Glanz« der Weimarer Republik dann auch nicht im Glamour der vermeintlich goldenen 1920er Jahre, sondern in der Herausbildung »vieler wegweisender Ideen«, die die gesellschaftliche Diskussionen beeinflussten, beispielsweise über die repressiven Gesetze aus dem Strafgesetzbuch des Kaiserreichs, die Abtreibungen (Paragraph 218) oder homosexuelle Beziehungen (Paragraph 175) verfolgten. Eine Entdeckung ist das Ölbild von Arthur Segal, eine Vorwegnahme der Graphic Novel, mit dem Titel »Das Abtreibungsgesetz«: 1931 entstanden erzählt es in 16 Panels die Geschichte einer Schwangeren, die vom Arzt die Tür gewiesen bekommt, als sie ihn bittet, die Schwangerschaft abzubrechen.

Nahezu ein Drittel der Werke stammt von Künstlerinnen, die in bisherigen Überblicksschauen zur Neuen Sachlichkeit häufig fehlten. Sie thematisieren Entwicklungen und veränderte Rollenbilder, die sich nicht im Stichwort »Neue Frau« erschöpfen. Es geht in ihnen unter anderem um das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren eigenen Körper (Alice Lex-Nerlinger) und sexuelle Orientierung (Jeanne Mammen). Unter dem Titel »Paragraf § 175 und Magnus Hirschfeld« gibt es einen eigenen Bereich mit Arbeiten von Christian Schad, Rudolf Schlichter und Hanna Nagel.

Allgemein fällt auf, dass neben vielen bekannten Namen wie Max Beckmann, Otto Dix, George Grosz oder Hans Hubbuch in der Ausstellung auch zahlreiche weniger bekannte Künstler zu finden sind, darunter Gerd Graetz, Lotte Laserstein, Hilde Rakebrand und Karl Völker.

Prostitution ist ein wichtiges Thema, besonders kalt und zynisch ist Rudolf Berganders »Bordellszene« von 1930 geraten. Käufliche Liebe als Symbol für den Verfall in der Gesellschaft, moralischer Abstieg in allen Bereichen. Anders dagegen die vorurteilsfreien und von Mitgefühl geprägten Werke von Jeanne Mammen und Elfriede Lohse-Wächter. Oft waren Kriegswitwen, bzw. die Frauen von Kriegsversehrten gezwungen, den Lebensunterhalt für ihre Familien zu verdienen. Heinrich Ilgenfritz macht dies in seiner Radierung »Die Ernährerin« deutlich. Hinter der entblößten Frau steht die fünfköpfige Familie. Bei Hanna Nagel ist eine Holztafel zu sehen, auf der steht: »Samstags ist der Funkturm für Selbstmordkandidaten freigegeben«, im Hintergrund stürzen sich die Verzweifelten in die Tiefe, im Vordergrund stehen schon die Särge bereit: »Publikum wird gebeten, Hurrarufe zu unterlassen. Der Magistrat Berlin.« Beeindruckend ist auch der »arbeitslose Werftarbeiter« von Hainz Hamisch.

In Kontrast zum Elend der Massenarbeitslosigkeit steht die »Kultur des Spektakels«, die sich vor allem in Berlin mit seinen Kabaretts, Varietés, Tanz- und Nachtlokalen zeigte. Berühmt waren die Tanzgruppe »Tiller Girls«, Karl Hofer malte zwei von ihnen. Ihr präziser Linientanz erinnert sowohl an den Gleichschritt von Soldaten als auch an die neu aufkommende Fließbandarbeit.

Die Frankfurter Ausstellung ist überaus facettenreich. Es ist schade, dass ein Zeitstrahl und die Porträts der Künstler, von denen viele von den Nazis verboten und verfolgt wurden, nur im vorzüglichen Katalog zu finden sind. In der Ausstellung wird die politische Situation während der Weimarer Republik kaum thematisiert, dies bleibt letztlich den Künstlern mit ihren engagierten Werken überlassen.

Bis zum 25.2.

Empfehlenswerte Literatur: Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm [erschienen 1931], btb Verlag, München 2017, 400 S., 11 Euro

Ernst Haffner: Blutsbrüder. Ein Berliner Cliquenroman, [erschienen 1932], Aufbau, Berlin 2015, 272 S., 9,99 Euro


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