Aus: Ausgabe vom 12.12.2017, Seite 5 / Inland

Berlin fehlen Pfleger

Bis 2030 braucht es in der Hauptstadt 8.000 weitere Beschäftigte in Altenheimen und ambulanten Diensten

Von Johannes Supe
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Eine Pflegekraft begleitet die Bewohnerin eines Altenheims beim Gang über den Flur

Berlins Gesundheits- und Pflegesenatorin Dilek Kolat (SPD) will sich an Unternehmer und Gewerkschaft wenden, um die Tarifbindung in der Altenpflege zu stärken. Gelinge das nicht, drohe die Fehlentwicklung der Branche weiterzugehen, so Kolat am Montag bei einem Pressegespräch in der Hauptstadt. Insbesondere der Lohn der Pflegekräfte müsse dringend angehoben werden.

»In der Altenpflege fehlen Fachkräfte, gleichzeitig steigt der Bedarf an ihnen. Aber dieser Personalnotstand ist hausgemacht«, sagte die Senatorin. Schon heute würden Pflegedienste Leistungen nicht im nötigen Umfang anbieten können, dafür fehle ihnen das Personal. Bis 2030, so eine Berechnung der Senatsverwaltung, müssten 8.000 zusätzliche Fachkräfte angestellt werden. Um das zu schaffen, seien verstärkte Anstrengungen der Betriebe bei der Ausbildung junger Menschen nötig. Zudem müsse auch die Attraktivität des Berufs erhöht werden, insbesondere dessen Entlohnung. Die liegt in Berlin derzeit bei durchschnittlich 2.400 Euro brutto für eine Fachkraft.

Über die Verhältnisse in der Branche hatte zuvor Wolfgang Schroeder gesprochen, Autor des Buchs »Interessenvertretung in der Altenpflege« und Inhaber eines Lehrstuhls am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Im Schnitt würden Beschäftigte in der Altenpflege etwa 30 Prozent weniger verdienen als ihre Kolleginnen in den Kliniken. Mehrheitlich handele es sich bei den Pflegekräften um Frauen (85 Prozent), die oft – und dies schlage abermals bei der Entlohnung zu Buche – in Teilzeit arbeiteten. »Ein großer Teil der Beschäftigten ist nicht in der Lage, sich ausreichende Rentenansprüche für das Alter zu erarbeiten«, so Schroeder.

»Wir haben hier eine Teilbranche, die durch das Pflegegesetz von 1995 in marktfähige Strukturen gebracht wurde«, sagte Schroeder. In den Jahren nach Einführung der Pflegeversicherung hätten Privatanbieter in der Altenpflege vermehrt Fuß gefasst und den Anteil der bis dahin vorherrschenden kirchlichen und freigemeinnützigen Trägern zurückgedrängt. Tatsächlich ist in Sozialgesetzbuch XI – in ihm sind die Bestimmungen zur Pflegeversicherung enthalten – explizit ausgeführt, dass der Staat den Einfluss der Privatanbieter zu tolerieren habe. So heißt es etwa: »Freigemeinnützige und private Träger haben Vorrang gegenüber öffentlichen Trägern.«

Doch zu normalen Beziehungen zwischen der Vertretung der Beschäftigten – den Gewerkschaften – und jener der Unternehmer sei es nicht gekommen, so Schroeder. Gerade in den privat betriebenen Pflegeheimen und ambulanten Diensten sei die Interessenvertretung schwach, nur in jeder zehnten Einrichtung gebe es überhaupt einen Betriebsrat. Und von ihrer Gewerkschaft hätten die wenigsten Beschäftigten je etwas gehört. Dabei bezog sich der Forscher auf eine Umfrage unter 749 Altenpflegern in der gesamten Republik. »80 Prozent der Befragten hatten noch nie Kontakt mit einem Gewerkschafter.« Es gebe einen regelrechten Teufelskreis, so Schroeder. In der Branche, die von vielen kleinen Anbietern geprägt ist, fehle es der Gewerkschaft an Mitgliedern. In der Folge könne sie wenig Präsenz zeigen, was wiederum dazu führe, dass den Angestellten der Kontakt zu ihrer Interessenvertretung fehle.

Wie groß der Einfluss der privaten Träger in Berlin ist, führte Senatorin Kolat anhand der Angebote in der stationären Versorgung aus. Demnach würden auf öffentliche Anbieter 2.000 Plätze entfallen, auf freigemeinnützige und kirchliche 6.000 bzw. 6.500. Mehr als 16.000 Plätze würden hingegen Privatanbieter stellen. Gerade sie hätten sich aber bisher gegen Tarifverträge gesträubt.

Mit einem »Pakt für die Pflege in Berlin« will die Senatorin das ändern. In ihm sollen sich Unternehmer, Krankenkassen und Gewerkschaftsvertreter einfinden mit dem Ziel, einen allgemeingültigen Tarifvertrag für die Branche zu erreichen. »Sehr gerne würde ich den Arbeitgebern Vorgaben machen, dass sie einen Tarifvertrag zu unterzeichnen haben, aber das geht in Deutschland nicht«, so Kolat. Die im Grundgesetz festgeschriebene Tarifautonomie von Gewerkschaft und Unternehmerverbänden verhindere eine stärkere Einmischung. Kolat zeigte sich dennoch zuversichtlich, dass auch die Betreiber der Dienste und Heime bei der Suche nach Fachkräften einen »Tarifvertrag als Wettbewerbsvorteil« ansehen würden.


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