Aus: Ausgabe vom 16.12.2017, Seite 11 / Feuilleton

Nieten, Leder, Casablanca

Gestern war heute (4/5) | »Barb Wire« (1996)

Von David Blum
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Endstation Autobahnzubringer: Pamela Anderson kämpft in »Barb Wire« gegen Tempolimits und andere Faschismen

Im Jahr 2017 sind wir alle Rocker. So will es jedenfalls »Barb Wire«, Science-Fiction aus dem Jahr 1996, in der Leder, Nieten und schwere Maschinen dominieren. Der Film basiert auf der gleichnamigen Comicserie. Zugleich ist er eine Adap­tion des Klassikers »Casablanca«. An das hervorragende Vorbild reicht er allerdings nicht heran. Gleich sechs Mal wurde »Barb Wire« für den Negativfilmpreis »Goldene Himbeere« nominiert, Hauptdarstellerin Pamela Anderson schließlich als schlechteste Newcomerin »ausgezeichnet«.

Anderson mimt Barbara »Barb Wi re« Kopetski, eine Nachtklubbesitzerin mit düsterem Geheimnis. Denn der zweite amerikanische Bürgerkrieg wütet, »die alte Demokratie«, so heißt es im Vorspann, »wird von einer Gruppe namens ›Kongress-Direktorium‹ gestürzt. Jede Stadt des Landes wird unter Kriegsrecht gestellt, außer eine: Steel Harbor, die letzte freie Stadt. Diese abgelegene Insel schrumpfender Unabhängigkeit ist ein Ort, der sich durch Chaos und Kriminalität auszeichnet. Er ist das Heim einer neuer Art von Söldnern.«

Auch Kopetski verdingt sich als Kopfgeldjägerin, kann mit den zusätzlichen Einnahmen ihren Klub gerade so über Wasser halten. Dann aber klopft der Widerstand an die Tür und bittet um Hilfe, ausgerechnet in Person ihres Exfreunds Axel (Temuera Morrison). Corrina (Victoria Rowell), die Frau des Freiheitskämpfers, trägt das Antidot gegen die neue Biowaffe der Mächtigen – »ein Weltkatastrophenprojekt: ein HIV-Derivat, das als ›Rotes Band‹ bezeichnet wurde« – im Blut. Kopetski soll helfen, Kontaktlinsen zu besorgen, mit denen sich die Netzhautscans an der Grenze umgehen lassen. Doch sie lehnt ab: »Barbara Kopetski ist im Krieg gestorben. Ich bin Barb Wire.« Erst als die Häscher des Direktoriums ihren Klub zerstören und Bruder Charlie (Jack Noseworthy) ermorden, willigt sie ein.

»Barbed Wire« ist der englische Begriff für »Stacheldraht«, was auch passt, denn freundlicher als »stachelig« vermag man den Film auch nicht zu beschreiben. Zu sehr ergötzt er sich an der eigenen, an Cyberpunk orientierten Ästhetik, zu penetrant wird der Körper seiner Protagonistin in Szene gesetzt – Anderson ist entweder halb nackt oder im Korsett zu sehen.

Auch die wenigen technischen Visionen erscheinen heute kaum der Rede wert. In einer Welt, in der tagtäglich Mobiltelefone per Gesichtsabgleich freigeschaltet werden, wirken Irisscans kaum mehr bedrohlich. Der Security-Check am Flughafen Steel Harbors erscheint geradezu lächerlich, wenn man ihn mit den Sicherheitsmaßnahmen der heimischen Airports vergleicht. In unserem 2017 würde Dissidentin Corra D. angesichts der generellen Speicherung von Fluggastdaten wohl spätestens auf dem Autobahnzubringer gestoppt werden.

Auch die Biker, die mal wieder als Symbol für unangepasste Rebellen herhalten müssen, könnten hierzulande nur eingeschränkt durch die Gegend knattern. In diesem Jahr wurde es beispielsweise den Mitgliedern von »Bandidos«, »Hells Angels« und Co. verboten, auf ihren Kutten die Symbole ihrer Vereinigungen zu zeigen. Auch für sie wäre Steel Harbor wohl ein Ort der Freiheit.

»Barb Wire«, Regie: David Hogan, USA 1996, 98 min.


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