Aus: Ausgabe vom 11.12.2017, Seite 11 / Feuilleton

Applaus muss nicht sein

Und Erfolg ist keine Bedingung für Anerkennung: Ein Jahresrückblick aus Bochum

Von Frank Schwarzberg
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Auf der Straße eher zu Hause als auf einer Bühne: Duncan Fulton am 30. März in der Eve Bar

Unlängst las ich vor meinem Bochumer Stammcafé einen schon etwas älteren Guardian-Artikel über den Selbstoptimierungswahn und seine Kehrseite, die Isolation. Die Verfasserin Carol Birch erzählt darin von dem irischen Dorf, in dem sie lange gelebt hat. Ein Alkoholiker, sie nennt ihn Bat, ging allen auf die Nerven, zeterte den ganzen Tag vor sich hin, stank, das ganze Programm. Keiner, schreibt Birch, hatte ihres Wissens je eine normale Unterhaltung mit ihm geführt, aber er war allgemein akzeptiert und gehörte dazu. Als er starb, war das gesamte Dorf bei der Zeremonie auf dem Friedhof.

Während ich diesen Text über »Anerkennung und Akzeptanz« las, war in Sicht- und Hörweite der Bat von Bochum »widda am Halsen«, wie man hier sagt. Lautstark regte er sich über irgendwas auf. Der Mann nervt, trinkt, ist fast immer da, erstaunlich viele kennen seinen Namen. Zur gleichen Zeit wurde Elif im Kinderwagen von den frischgebackenen stolzen Eltern die Flaniermeile entlanggeschoben. Die Familie wohnt in der Flüchtlingsunterkunft um die Ecke. Großes Hallo und Händeschütteln.

Gleichzeitig überquerte ein stadtbekannter Sturkopf mit grauen, langen Haaren im Rollstuhl eine schmale Straße gleich beim Café. Weil er sich nicht helfen lässt, sondern grundsätzlich alles selber macht, dauerte das. Und sorgte für einen enormen Rückstau von Protzkarossen. Keiner hupte. Und noch eine achtel Umdrehung. Und noch eine. Jetzt der Bordstein. Die Zeit stand still.

Mein Nachhauseweg führt zwischen Bermudadreieck (Ausgehmeile) und Schauspielhaus durch eine Unterführung. Unter der Eisenbahnbrücke saß sehr lange ein Bettler im Schneidersitz, rätselte oder las was, ließ die Leute in Ruhe. Irgendwann war er weg. Wochenlang wurde mit Kerzenlicht, Foto und Blumen an ihn erinnert. Selbst der Lokalteil der Monopolzeitung würdigte ihn mit Namensnennung.

30 Minuten an einem Fleck

Manchmal ist längst nicht alles verloren. Es gibt ein Restgespür dafür, dass Funktionieren nicht alles ist, und auch jemand, der sich »nicht rechnet«, seinen Platz hat. Sei er nun Bettler oder Straßenmusiker. Der Engländer Duncan Fulton, der früher Gleise verlegt hat und schon lange in Deutschland lebt, steht am Wochenende bei Wind und Wetter mit seinen Gitarren in der Bochumer Innenstadt. Immer 30 Minuten an einem Fleck, dann muss er die Stelle wechseln, sonst kommt das Ordnungsamt. Als einer von immer noch vielen, die nicht reinpassen ins genormte Einkaufsstadtbild; stellt Fulton sich gerne zwischen die größten Konsumtempel und singt mit seiner sanften Stimme, warm elektrisch verstärkt und begleitet von elegantem Gitarrenspiel, Lieder von Bob Dylan, den Beatles und anderen Freigeistern, bevorzugt aus den späten 60ern. Nachholende Gegenkultur. Tut gut, ihn zu hören.

Ende März lud das Bochumer Schauspielhaus im Rahmen der Reihe »Songs and Lyrics« zu einem Abend mit dem Titel »Straßenmusik«. Da unterhielt sich Fulton mit dem Moderator Max Florian Kühlem und spielte ein kleines Set. Die »Eve Bar«, in der das stattfand, war proppenvoll. Und es beeindruckte, wie Fulton im Gespräch, ganz der Engländer, vieles andeutete, aber wenig preisgab. Schließlich fragte Kühlem, warum Fulton keine reguläre Musikkarriere einschlüge. Er könne das doch, und dann gäbe es weniger Flüchtigkeit in seinem Leben, mehr Konzentration auf ihn und Applaus, so wie heute. Fulton guckte ihn länger an und sagte: »Applaus? Is nett… aber muss nich sein.«

Eigene Songs spielt er auf der Straße so gut wie nie. In der Theaterbar machten sie die Hälfte seines Programms aus. Sie sind gut gearbeitet, melodisch, die Texte sind vielschichtig – Rock ’n’ Roll mit Akustikgitarre. Im Theater signierte und verkaufte Fulton einen ganzen Schwung seiner CDs. Längst steht er wieder regelmäßig zwischen Saturn und Sparkasse, spielt Bob Dylan oder Paul Simon, freut sich über einen Gruß, ein Lächeln oder etwas Geld und fühlt sich insgesamt dort eher zu Hause als auf einer Bühne.

Herangehensweise und Grundhaltung Fultons erinnern an David Munyon. Auch der macht von den 60er-Harmonien und -idealen beeinflusste Musik. Zu seinem exquisiten Fingerpicking auf der Akustikgitarre kommt eine Stimme, die keiner vergisst, der sie einmal hört. Klagend, klar, ein bisschen angerauht, in sich ruhend. Als Mitte der 90er in Deutschland ein Publikum für alternativen Country entstand, wurde der unterschwellig traumatisierte Vietnam-Veteran vom kundigen Glitterhouse-Label entdeckt und ein bisschen gehypt: Unter Mitwirkung allerbester Studiomusiker (Al Perkins u. a.) entstanden zwei wunderbare Alben mit unerhörten Klassikern, »Code Name: Jumper« (1998) und »Acrylic Teepees« (1999).

Munyon war nicht sehr interessiert daran, das Spiel mitzuspielen und verschwand wieder in seinem Trailer in Alabama. Wenn er wollte und gesund war, tauchte er mit einer selbstproduzierten CD wieder aus der Versenkung auf und gab vor allem in Deutschland Konzerte für ein kleines Stammpublikum – sofern sich jemand kümmerte und das vor Ort organisierte.

Extrem religiös

Irgendwann ist Munyon extrem religiös geworden, auf der Bühne stehen seither Fotos irgendwelcher Gurus und Bücher dazu; auch die Texte wurden mit der Zeit weniger weltlich. Nach vielen Konzerten hatte ich in diesem Jahr im Bochumer Kulturrat zum ersten Mal den Eindruck, dass er es mit dem Predigen ein bisschen übertrieb und offensichtlich an großen Teilen des Publikums vorbeiredete. Aber das liebt ihn trotzdem. Er scheint mit sich im Reinen, das zählt, und irgendwie spürt man, dass da ein Leben auch viel zerstörter hätte ablaufen können. Solange er hypnotische Songs wie »Four wild Horses« spielt, kann er sich jede Predigt erlauben, ganz in seinem Sinne eigentlich.

»Everyone you meet is fighting a battle you know nothing about. Be kind. Always.« (Jeder, den du triffst, kämpft einen Kampf, von dem du nichts weißt. Sei freundlich. Immer.) Mit dieser Empfehlung auf dem Trikot lief die schwedische Fußballnationalstürmerin Olivia Schough in diesem Jahr anlässlich des Internationalen Frauentags beim Algarve Cup in Portugal auf. Je erbarmungsloser die Gesellschaft an ökonomischen Zwecken ausgerichtet wird, desto mehr stören solche – oft mehr oder weniger gewollt verborgenen – Kämpfe. Menschen wie Bat (denen es schlecht geht, ich will das nicht idealisieren) erinnern uns an die eigene Zerrissenheit. Musiker wie Fulton oder Munyon erinnern uns an die Risse in unserer zwangsoptimierten Gesellschaft, und daran, dass auch, wer aussteigt oder runterfällt, dazugehört. »Erfolg« sollte nicht die Bedingung für Anerkennung sein. Eher wird umgekehrt ein Schuh draus: Gegenseitige Anerkennung ist eine Grundbedingung des sozialen Lebens. In Bochum und sonstwo.


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