Aus: Ausgabe vom 11.12.2017, Seite 10 / Feuilleton

Mehr Handys als Leichen

Seine »Irischen Geschichten« waren Mick Fitzgeralds letzter Coup

Von André Dahlmeyer
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Der Job als Schlachtennachsteller ist einer der härtesten, hier allerdings beim »Re-enactment of The Battle of Bannockburn« in Schottland, im Juni 2014

Man muss dem innovativen Wiener Songdog-Verlag dankbar sein: Hat er doch nach »Session« (2010) mit »Der Hund, der zum Bankräuber wurde« einen weiteren Band mit Storys des irischen Multitalents Mick Fitzgerald publiziert, herausgegeben und kongenial übersetzt von Gabriele Haefs. Sein Verfasser hat das Buch nicht mehr in die Hände bekommen. Der Krebs war schneller.

Mick Fitzgeralds Mutter verdingte sich im irischen Rundfunk am Piano, der Vater an den Docks und beide Omas bearbeiteten die Konzertina, ein Opa steppte. Er war dagegen Zeit seines Lebens um sprachlichen Ausdruck bemüht. In den 70ern studierte er Sprachgestaltung und Schauspiel, als Journalist interviewte er Johnny Cash und Chuck Berry. Als Mitglied der legendären Tipsy Sailor und ab 1983 als Sänger, Gitarrist und Bodhránspieler der Wild Geese war er mitverantwortlich für den folgenden Celtic-Music-Boom in den 80ern. Von dem profitierten –wie von allem, was aufwühlend, neu und gut ist – freilich nur die anderen. Sein beachtliches Songwritertalent wurde weltweit quotiert, seine Lieder oft gecovert. Zuletzt betätigte er sich vor allem als Theaterschauspieler, etwa am Dubliner Abbey Theatre.

»Am Rand von Ballymore-Eustace im County Wicklow gibt es eine scharfe Kurve, und dahinter führt die Straße zum lokalen Fußballplatz und weiter.« So beginnt im vorliegenden Band die Erzählung »King Arthur« und wenn ein Text so los geht, bin ich erst einmal begeistert. Fitzgerald nimmt uns an ein Filmset mit, welches das neunte Jahrhundert wiederauferstehen lässt. »Am 4. Juli 2003, während die USA und Hollywood den Independence Day feierten, stand ich in einem Lagerhaus in Sandyford in Dublin und wurde als sächsischer Krieger eingekleidet.« Marschieren, Schwertkampf, Schildformationen, Speere und Flaggen. Das ganze Programm. Der Job als Schlachtennachsteller ist einer der härtesten. Deshalb verstecken viele Handys in ihren Stiefeln, schließlich ist man nicht von gestern. »Dann griffen wir an, und die Hölle brach los. (…) Nach dem ersten Angriff lagen auf dem Schlachtfeld mehr Mobiltelefone herum als Tote.«

Fitzgerald berichtet hier von seiner ersten und einzigen Komparsen-Arbeit: »Der Computer sollte das Schlachtfeld in ›King Arthur‹ mit mehreren tausend digitalen Komparsen füllen, von denen ich viele war. Es könnte also tausend Variationen von mir geben, die im Grunde tausend Variationen von mir erschlugen. Und dann könnte ich ganz allein ein Massengrab füllen.«

Auch in anderen Geschichten des Bandes geht es um das falsche Leben im richtigen, die Simulation von Realität. Fitzgerald berichtet aus dem Bauch der Stadt, zuletzt auch aus seinem eigenen Körper, der Krebs und die Heimatlosigkeit des Individuums werden thematisiert, Musiker, die wie Möbel in Lastkraftwagen transportiert werden, Scham, Postbeamte, der Dramatiker Brendan Behan und Skurrilitäten aller nur erdenklichen Art. Und das immer sensibel, hellwach, mit Witz und Spaß am Detail verfasst.

Mick Fitzgerald: Der Hund, der zum Bankräuber wurde. Und mehr irische Geschichten. Aus dem Englischen von Gabriele Haefs, Songdog-Verlag, Wien 2016, 107 Seiten, 14 Euro


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