Aus: Ausgabe vom 11.12.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Kahlschlag bei Ratiopharm-Mutter

Weltgrößter Generikahersteller will offenbar 10.000 Stellen streichen. Auch in Deutschland Jobs gefährdet

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Hauptsitz von Israels größtem Konzern Teva, dem Weltmarktführer bei Nachahmermedikamenten, in Jerusalem

Die Ratiopharm-Mutter Teva denkt einem Medienbericht zufolge über die Streichung von bis zu 10.000 Stellen nach. Der weltgrößte Hersteller von »Nachahmer«-Medikamenten (Generika) wolle mit dem Schritt in den nächsten zwei Jahren die Kosten um 1,5 bis zwei Milliarden Dollar senken, berichtete die Agentur Bloomberg am Freitag abend unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen. Eine endgültige Entscheidung sei noch nicht getroffen worden. Das israelische Unternehmen beschäftigt nach eigenen Angaben rund 57.000 Mitarbeiter weltweit.

Teva wollte sich zu dem Bericht nicht äußern. »Wir kommentieren keine Marktgerüchte«, sagte eine Sprecherin. An der New Yorker Börse sprangen die Teva-Anteilsscheine jedoch umgehend um mehr als acht Prozent in die Höhe.

Ende November hatte Teva bekanntgegeben, man sehe sich wegen finanzieller Schwierigkeiten zu »drastischen Maßnahmen« gezwungen. Der Konzern kämpft derzeit mit Problemen in den USA und einem Preisverfall bei Generika. Zudem ist er nach der milliardenschweren Übernahme des Generikageschäfts Actavis vom US-Konzern Allergan im vergangenen Jahr mit knapp 35 Milliarden Dollar verschuldet. Vor kurzem hatte das Management zudem wegen der starken Konkurrenz auf dem US-Markt erneut die Prognose beim Gewinn je Aktie und beim Umsatz für das laufende Jahr gesenkt. Zudem läuft für das wichtigste Einzelprodukt, das vom Konzern entwickelte Medikament Copaxone zur Behandlung von Multipler Sklerose, der Patentschutz aus, und früher als erwartet kommen Nachahmerprodukte anderer Anbieter auf den Markt.

Der neue Teva-Vorstandschef Kare Schultz hatte im November »umgehende und umfassende« Schritte zur Stabilisierung der Finanzlage angekündigt. In einem Brief der Konzernleitung an das israelische Parlament hieß es, die aktuelle Geschäftslage mache es nötig, »tiefgehende und bedeutsame Maßnahmen weltweit und in Israel zu ergreifen, um die Zukunft des Unternehmens zu sichern«. Schultz’ Vorgänger war nach scharfer Kritik über kostspielige Zukäufe und Verzögerungen bei der Markteinführung neuer Medikamente im Februar zurückgetreten. Interimschef Yitzhak Peterburg hatte schon im August angekündigt, 15 der weltweit 87 Produktionsanlagen sollten geschlossen werden, aus 45 von 100 Märkten wolle man sich zurückziehen und rund 7.000 Mitarbeiter müssten gehen.

Nach einem Bericht der Südwest-Presse (Wochenendausgabe) hat Schultz in einem Rundbrief an die Beschäftigten des Ratiopharm-Standorts in Ulm »schmerzhafte Entscheidungen« angekündigt. Zudem habe der Konzern kurzfristig weltweit alle Betriebsweihnachtsfeiern abgesagt, auch in der Stadt an der Donau. Dort wurden dem Blatt zufolge nach mehreren Entlassungswellen zuletzt 100 Kollegen »sozialverträglich« entlassen. Derzeit seien bei Ratiopharm in Ulm und im 16 Kilometer entfernten Blaubeuren insgesamt 2.500 Menschen in Lohn und Brot. Die von Teva 2010 übernommene Tochterfirma arbeitet eigentlich profitabel. Erst Mitte November war in Ulm trotz der Schwierigkeiten des Mutterkonzerns der Grundstein für ein neues Biotech-Projekt mit einem Investitionsvolumen von 500 Millionen Euro gelegt worden. (Reuters/jW)


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