Aus: Ausgabe vom 11.12.2017, Seite 8 / Inland

»Autoren setzen mitunter ihr Leben aufs Spiel«

Schriftsteller kämpfen für Meinungsfreiheit, werden aber alleine gelassen, wenn sie Repression erfahren. Gespräch mit Sascha Feuchert

Interview: Gitta Düperthal
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Begräbnis des jordanischen Autors Nahed Hattar, der in Al-Fuheis in der Nähe von Amman erschossen wurde

Der Schriftstellerverband »PEN Zentrum«, der sich für Literaten im Exil engagiert, hat sich im Sommer dieses Jahres mit anderen Organisationen dafür eingesetzt, dass der in der Türkei verfolgte kurdisch-alevitische Schriftsteller Aziz Tunc in Deutschland Asyl erhält. Zwar war das erfolgreich, doch an seiner prekären Situation hierzulande hat es nichts geändert. Er lebt im Flüchtlingslager, das Hanauer Jobcenter droht ihm, die geringen Bezüge zu kürzen. Woran liegt das?

Falsch lief vor allem, dass es viel zu lange gedauert hat, bis Aziz Tunc als Asylberechtigter anerkannt wurde – und natürlich, dass es kaum Hilfe gibt, seine missliche Situation zu beenden. Mir ist schon klar, dass die große Zahl an Menschen, die fliehen mussten und nach Deutschland gekommen sind, die Behörden vor große Aufgaben stellen. Trotzdem geht alles zu langsam – offenbar auch mitunter ohne den nötigen Respekt vor den Menschen.

Welchen Eindruck hatten Sie von Tunc, als Sie ihn im Hanauer Lager besuchten?

Er war verzweifelt. Und das konnte ich gut verstehen. Die Situation dort hat mich schon schockiert: defekte Sanitäranlagen, vor Schmutz starrende Treppenhäuser, praktisch keine Privatsphäre, keine Rückzugsmöglichkeit.

Welche Lösungen müsste der deutsche Gesetzgeber anstreben, damit in ihrem Heimatland Verfolgte nicht obendrein hierzulande unwürdig behandelt werden?

Ich glaube gar nicht, dass Gesetze geändert werden müssten. Vielmehr müssten die Behörden schneller anerkennen, dass sich die Situation in der Türkei für kritische Journalisten und Autoren dramatisch verschlechtert hat und dass sie deshalb natürlich als Verfolgte unseres Schutzes bedürfen. Es kann und darf nicht sein, dass ein Regimegegner wie Aziz Tunc überhaupt so lange auf seinen Asylbescheid hat warten müssen.

Das PEN-Zentrum hatte im Fall Aziz Tunc unter anderem mit der Deutschen Journalisten-Union, »Business Crime Control«, dem Türkischen Volkshaus und dem Verein »Gefangenes Wort« kooperiert, um Asyl für ihn zu erreichen. Kann ein solcher Zusammenschluss künftig weiterwirken?

Das hoffe ich sehr. Mit einigen der Organisationen arbeiten wir schon länger eng zusammen. Es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit und die Behörden stärker zur Kenntnis nehmen, dass Autoren mitunter ihr Leben aufs Spiel setzen, um ihr Recht auf Meinungsfreiheit in Anspruch zu nehmen. Mit diesem mutigen Einsatz kämpfen sie für ein zentrales demokratisches Recht – damit letztlich auch für unsere Werte.

Tuncs Anliegen ist es, die Öffentlichkeit über faschistische Tendenzen in der Türkei und den Unrechtsstaat unter dem Präsidenten Recep Tayyip Erdogan aufzuklären: auch um seine Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen, die dort wegen Missachtung der Meinungsfreiheit eingesperrt sind. Kann PEN dabei unterstützen?

Wir versuchen es – haben ihm etwa den Kontakt zu unserem Stipendiaten Can Dündar vermittelt, der ein Exilmedium betreibt. Auch versuchen wir, andere Plattformen zu schaffen. Die Bereitschaft deutscher Medien, solche Stimmen zu Wort kommen zu lassen, muss dringend erhöht werden. Wir appellieren an die deutschen Redaktionen, die Kollegen nicht im Regen stehenzulassen.

Autoren sind in Deutschland aber generell ständig gefährdet, mit ihrem Verdienst unter die Armutsgrenze zu rutschen.

Wichtig ist aktuell auch der Kampf um das Urheberrecht, das vom Gesetzgeber nicht ausgehöhlt werden darf. Im PEN-Präsidium ist dafür Nina George verantwortlich, die intensiv für ein besseres Urheberrecht kämpft, mit Verdi und der »Initiative Urheberrecht«.

George thematisiert dabei Digitalisierung und dadurch entstandene neue Nutzungen: Flatrates oder »Paid Piracy«, also Downloads, die zwar illegal sind, aber bei denen die Plattform bezahlt wird. Sie kritisiert einen Wertetransfer, nur noch die »Leistung« des Vermittlers werde honoriert.

Bei diesem Kampf geht es letztlich auch um die Wertschätzung schriftstellerischer Arbeit, die gerecht entlohnt werden muss.

Lesen Sie auch zu diesem Thema: Immer noch im Flüchtlingslager

Sascha Feuchert ist Vizepräsident des PEN-Zentrums Deutschland und Literaturwissenschaftler an der ­Justus-Liebig-Universität Gießen


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