Aus: Ausgabe vom 08.12.2017, Seite 11 / Feuilleton

Ganz genau verstehen

Was zwischen Band und Publikum passiert: Porträt der Musikerin Tonia Reeh, die heute in Berlin mit Jazzschlagzeuger Rudi Fischerlehner auftritt

Von Kristof Schreuf
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Ihre Lieder singt Reeh zu Hause im Wohnzimmer ein

Der Flügel im Wohnzimmer ist so groß, dass er sich nicht übersehen lässt. Aber die vierjährige Tonia Reeh interessiert sich zunächst mehr für die Laute, die daneben steht, weil die sich auch von einem Kind bewegen lässt. Reeh stellt das Instrument mit dem Korpus auf den Boden. Während sie an den Saiten zupft, erinnert sie sich an die Stammesgesänge der Apachen, die sie in Karl-May-Verfilmungen gesehen hat, und versucht, diese nachzusingen. Sie erfindet eine Phantasiesprache und begleitet sich dazu auf der Laute. So beginnt Tonia Reeh Ende der 70er Jahre, Lieder zu schreiben.

Ihre Eltern, die beide beruflich an der Oper singen, wollen das Interesse ihrer Tochter fördern. Sie schlagen ihr vor, es doch auch mal mit einer Geige zu versuchen, die aber kaum Reehs Enthusiasmus weckt. Mit sechs setzt sie sich doch mal an den Flügel und nimmt seitdem immer wieder an Klavieren Platz.

In ihrem ersten Jahr an der Grundschule, deren Lehrer auf viel Musikunterricht Wert legen, soll sie nicht vergessen, dass Mozart und Beethoven gerade mal laufen konnten, als sie mit dem Klavierunterricht begannen. Die Pädagogen sind streng und verlangen eine Menge, damit ihre Schützlinge die Eignungsprüfung für die nächsthöhere Schule schaffen. Reeh muss nach dem Unterricht nicht nur die üblichen Hausaufgaben hinter sich bringen, sondern auch viel, viel Klavier üben und sich in Wettbewerben mit anderen messen. Mit Schumann, Schubert und Chopin spielt sie sich durch das romantische 19. Jahrhundert, mit Debussy erreicht sie das 20. und mit Béla Bartók entdeckt sie neue Welten. Zwei bis drei Stunden verbringt sie täglich am Klavier. Ihre Lehrerin hält sie für faul, weil sie vier Stunden besser findet. Mit zehn besteht Reeh die Aufnahmeprüfung der Hanns-Eisler-Spezialschule für Musik.

Mit elf zieht sie in deren Internat in der Rheinsberger Straße in Berlin-Mitte. »Da haben meine Eltern praktisch aufgehört, mich zu erziehen, weil ich nun von Montag morgen bis Samstag mittag nicht mehr nach Hause kam.« Popsongs zu mögen, bedeutet an der Spezialschule, sich lächerlich zu machen. Doch ab und zu läuft hier und da ein Radio: »Was da auch kam, ich habe es geliebt und gefressen. Lionel Richie und Die Ärzte, Herbert Grönemeyer und Kate Bush. Die Charts konnte ich auswendig.«

Die Musik füllt die gesamte Zeit zwischen Aufstehen und Schlafenlegen aus. Reeh geht zum Unterricht, singt danach im Chor, spielt in Ensembles und schreibt Lieder. Mit 15 beginnt sie zu rebellieren. Sie bekommt eine Sehnenscheidenentzündung. Vielleicht bekommt sie auch erst eine Sehnenscheidenentzündung und fängt dann an zu rebellieren. Auf jeden Fall passieren nun sehr schnell viele Sachen hintereinander. Weil die Hand sich erholen muss, hat Reeh zum ersten Mal Freizeit und findet dadurch mehr Gelegenheiten nachzudenken. Am besten bei Spaziergängen. Sie hat ihr Leben bisher in Berlin verbracht, ohne viel von ihrem Wohnort mitzukriegen. Jetzt lernt sie auf stundenlangen Streifzügen die Stadt kennen.

An einer Bushaltestelle liegt eine Zeitung herum, und Reeh liest darin Veranstaltungshinweise. Sie geht zu den dort angekündigten Konzerten, wo sie Bekanntschaft mit dem Underground der späten DDR macht. Sie hört Feeling B, Disaster Area oder Ichfunktion. Reeh erinnert diese neuen Eindrücke so: »Bei der klassischen Musik besteht der Anspruch darin, eine perfekte Aufführung hinzukriegen. Doch bei den Abenden, die ich jetzt erlebte, ging es um das, was zwischen der Band und dem Publikum passierte.«

Zum ersten Mal werden für Reeh Leute wichtig, die sie außerhalb des Internats kennenlernt. Sie rasiert sich die Haare an einer Seite ab, färbt den Rest auf der anderen Seite schwarz, trägt dunklen Lidstrich, setzt sich lustige Hüte auf, zieht lange Mäntel an und steigt in die Band »Angst vorm Entzug« ein. Nebenbei nimmt sie ein paar Unterrichtsstunden bei einem Gitarrenlehrer. Als der sie drängt, sich »sexy« anzuziehen, »damit die Jungs dich noch toller finden«, hört sie mit dem Unterricht wieder auf.

Ihr damaliger Freund ist von ihren Aktivitäten wenig begeistert. Irgendwann fordert er sie auf, zwischen ihm und der Band zu wählen. Reeh entscheidet sich dafür, Sängerin bei »Das zuckende Vakuum« zu werden. Auf ihre neue Gruppe kommen Menschen aus der Musikbranche zu, die erklären, »das kommerzielle Potential herausholen« zu wollen. Daraufhin löst sich die Band auf. Tonia Reeh jobbt in Cafés und Bars, kauft sich einen Ps-10-Synthesizer mit Sequenzer, schreibt neue Songs und startet »Monotekktoni«, ihr erstes Soloprojekt. Das war »eine Frau als ganze Band«, sagt sie. Johann Scheerer, Betreiber der Hamburger Clouds-Hill-Studios, wird auf sie aufmerksam, lädt sie zu Aufnahmen ein. Sozusagen auf dem Weg nach Hamburg wird sie schwanger und spielt im achten Monat ihre erste Platte unter eigenem Namen ein.

Bei der Release-Party zur zweiten Tonia-Reeh-Platte übernimmt Rudi Fischerlehner das Schlagzeug. Reeh hat ihn kennengelernt, als sie Bands im »Schoko-Laden« abmischte. Vor und nach Konzerten sind die beiden dort ins Gespräch gekommen. »Wenn Rudi spielt«, sagt Reeh, »klingt es nie angestrengt und es sieht auch leicht aus. So leicht, als könnte er nebenbei noch ein Buch lesen. Das fällt ihm nicht nur zu, weil er so gut spielen kann, sondern auch, weil er die Musik, die er hört und macht, ganz genau versteht.« Unter dem Bandnamen »La Tourette« haben die beiden im Mai ein gemeinsames Album herausgebracht, »The Great Mickey Mouse Swindle«.

Ihre Lieder singt Reeh zu Hause im Wohnzimmer ein, manchmal nachts, so dass es passieren kann, dass ihre Tochter wach wird und mit dem Ausruf »Mama, ich kann nicht schlafen« hereinstürzt. Reeh singt darüber, wie sich Schönheit und Härte der Gesellschaft, Patriarchat und Musik im Business gegenüberstehen. Wie dramatisch und mitreißend das klingt, lässt sich heute abend bei einem Konzert in Berlin erleben.

La Tourette: »The Great Mickey Mouse Swindle« (Solaris Empire/ Broken Silence), Konzert heute, 21.30 Uhr, Supamolly, Jessnerstr. 41, Berlin-Friedrichshain


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