Aus: Ausgabe vom 07.12.2017, Seite 15 / Medien

Heer der Löschagenten

Youtube stellt 10.000 Zensoren ein – AGB und Algorithmus ersetzen Rechte

Von Anselm Lenz
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Alles subjektiv und total verdächtig: Susan Wojcicki, Managerin beim Monopolisten für Videoschnipsel YouTube, bei einer Entwicklerkonferenz in San Jose, Kalifornien (Mai 2017)

Als »CEO von Youtube«, verkündete die Konzernmanagerin Susan Wojcicki am Montag im kalifornischen San Bruno, »habe ich gesehen, wie unsere offene Plattform eine Kraft der Kreativität war«. Mit der Offenheit ist es nun vorbei, »Schöpferisches« darf künftig nicht gefährlich sein. Für die Entscheidungsfindung wird das Portal für Internetvideos nach eigenen Angaben demnächst über 10.000 Zensoren beschäftigen, die die Schnipsel auf »Irreführung, Manipulation, Belästigung und Schädigung« überprüfen.

Doch damit nicht genug: »Wir haben in eine mächtige neue Maschine investiert – eine lernende Technologie –, die die Bemühungen der menschlichen Moderatoren dabei unterstützt, Videos und Kommentare zu löschen, die unseren Geschäftsbedingungen zuwiderlaufen«, führte Wojcicki weiter aus. Schon seit Juni 2017 seien damit »über 150.000 Videos« entfernt worden. Bereits jetzt würden 98 Prozent der problematisierten Inhalte von »automatisiert lernenden Algorithmen« erkannt und verhindert.

Die Effizienz ist beeindruckend: Seit Juni habe man mit den Mitteln der Kybernetik die Arbeit von »180.000 Menschen, die 40 Stunden die Woche sichten« ersetzt – ein wahres Löschwunder. Das Ziel sei, »den Sich-schlecht-Benehmenden immer einen Schritt voraus« zu sein. Die maximierte Subjektivität richtet sich gegen unbestimmt. »Gewaltbereiter Extremismus« und generell »problematische Inhalte« seien der Gegner. Bei ersterem Begriff ist unklar, wer damit gemeint ist, und ob ein Wort schon eine Tat bedeutet. Mit zweiterem könnte sogar dieser Artikel gemeint sein. Denn die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) des Unternehmens ersetzen Rechte. Ab jetzt kommt jedenfalls alles aus einer Hand: Regeln, Beurteilung und Vollstreckung übernimmt der Konzern.

In den 26 Jahren seit der Freigabe des Internets haben sich die neoliberalen Utopisten wenig um den Schutz der Konsumenten vor mieser Qualität oder »potentiell den Menschen böse machenden« Inhalten gekümmert. Youtube geht es somit nicht um Krieg und Gewalt verherrlichende Filme oder die Hybris der amerikanischen Sexualmoral. Diese Genres sind älter als das Schnipselvideo im Internet.

Markus Reuter, Experte für digitale Rechte und Zensur von ­netzpolitik.org in Berlin, konstatiert gegenüber jW am Mittwoch eine »Situation der Willkür«. Die Nutzer müssten über Löschgründe verschwundener Inhalte zumindest präzise informiert werden, auch wenn eine kybernetische Mechanik am Werk war. Dass dies nicht geschehe, »ist gerade bei marktdominanten Unternehmen wie Youtube oder Facebook nicht mehr hinnehmbar«.

Die am Montag von der Firma Youtube verkündete Zensurausbau ist ein weiterer, signifikanter Schritt bei der systematischen Zerstörung der Unterscheidbarkeit von justitiabler Kriminalität und Sitten. Moral ist dabei nur der Steigbügelhalter für die Selbstverwirklichung. Durch Algorithmen sollen mögliche Kriminelle bereits vor den Taten abgefangen werden – quasi die Nullzinspolitik der Kriminalistik. Es wäre eine Aufgabe der Republik – der »öffentlichen Sache«, im Wortsinne – sich selbstverstärkende »Szenen« ins Gespräch aufzunehmen, anstatt sie »präemptiv« zu kriminalisieren. Das wäre allerdings seit einiger Zeit fürs Kapital höchstgefährlich – und findet deshalb nicht statt. Insofern geht es bei der Maßnahme ausschließlich um Machtpolitik, um subjektive Zensur.

Der erste Feind der liberalen Revolutionen, und den relativen Fortschritten, die diese brachten, ist der Neoliberalismus, der einen technologischen Absolutismus mitbringt: Alles ist erreichbar, aber nichts mehr möglich.

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