Aus: Ausgabe vom 07.12.2017, Seite 6 / Ausland

Flüchtlingshilfe als Verbrechen

Die Aktivistin Helena Maleno Garzón rettete Hunderte Menschenleben. Jetzt droht ihr dafür Haft

Von Carmela Negrete
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Die Journalistin und Fotografin Helena Maleno Garzón

Ist es ein Verbrechen, Menschenleben zu retten? Ein marokkanisches Gericht scheint das so zu sehen. Helena Maleno Garzón ruft von Marokko aus regelmäßig die spanischen Seenotrettungsdienste an, wenn ein Schiff mit Flüchtlingen bei dem Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, in Schwierigkeiten gerät. Letzte Woche Mittwoch erhielt die spanische Aktivistin von der marokkanischen Polizei eine Gerichtsvorladung. Laut dem Nachrichtenportal eldiario.es wird sie beschuldigt, Menschenhändlern dabei geholfen zu haben, »den Zugang auf spanisches Territorium zu ermöglichen«.

Einfach ist die Arbeit von Helena Maleno nie gewesen. In der Vergangenheit bekam sie Morddrohungen und wurde von tatsächlichen Menschenhändlern unter Druck gesetzt. Die Polizei vermutet, dass die Aktivistin mit der Mafia zusammengearbeitet hat. Dabei war ihr Telefonanschluss der schon 2015 im Rahmen von Ermittlungen abgehört worden, ohne dass der Verdacht sich erhärtet hätte.

Die Nichtregierungsorganisation »Caminando Fronteras« hat eine Hotline eingerichtet, bei der sich Flüchtlinge melden können, bevor sie sich auf die gefährliche Überfahrt machen. So können die Schiffe verfolgt werden und für den Fall, dass der Kontakt abreißt, die Rettungsdienste verständigt werden. Maleno engagiert sich seit 2007 auf diese Weise für Flüchtlinge.

Rund 70 NGOs haben nun einen Aufruf gegen die Kriminalisierung von Helena Malenos Arbeit unterzeichnet. Die Organisation »Women’s Link« hat eine Pressemitteilung veröffentlicht, um ihr großes Bedauern darüber zum Ausdruck zu bringen, dass politischer Aktivismus und die Rettung von Flüchtlingen zum Verbrechen geworden sind. Die Anschuldigungen gegen Maleno hätten »den einfachen Grund, dass sie Menschenrechtsverletzungen aufgezeigt und die Rechte der Migranten verteidigt habe«.

Podemos und die Vereinigte Linke haben in einer Anfrage an das Europäischen Parlament Auskunft darüber verlangt, wie die Europäische Kommission die Unversehrtheit von Helena Maleno in Marokko garantieren will. Sie betonten, dass die Vorladung einen politischen Hintergrund habe und die spanischen Autoritäten »eine unangenehme Person loswerden« wollten. Nicht nur, weil Maleno mit den Rettungskräften an der Küste in regelmäßigem Kontakt steht.

Auch darüber hinaus ist die Journalistin und Fotografin eine wichtige politische Aktivistin. Unter anderem ihrer Arbeit ist es zu verdanken, dass die aus dem Mittelmeer geborgenen Leichen identifiziert werden können, dass Familien ihre verstorbenen Söhne und Töchter finden. Der Fall »Tarajal« (Ort an der Grenze der spanischen Exklave Ceuta zu Marokko) zum Beispiel konnte aufgrund ihrer Nachforschungen neu aufgerollt werden. 2014 hatte die spanische Guardia Civil Tränengas und Gummigeschosse gegen Flüchtlinge eingesetzt, die versucht hatten, zur Küste zu schwimmen. 15 Menschen waren dabei ums Leben gekommen.

2015 wurde Helena Maleno für ihr Engagement mit dem Preis »Nacho de la Mata« ausgezeichnet worden. Verliehen wird er von der spanischen Anwaltskammer für Verdienste um die Menschenrechte besonders benachteiligter Kinder.

Am 27. Dezember findet die Anhörung von Maleno statt. Selbstverständlich werde sie hingehen, kündigte sie an. »Der Richter wird mich anschauen, ich werde ihm die Sache erklären und er wird dann alles verstehen. Wir werden weiterhin die Rettungskräfte anrufen, wenn es nötig ist um Leben zu retten«, schrieb sie auf eldiario.es.


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