Aus: Ausgabe vom 06.12.2017, Seite 16 / Sport

Gegen die Statistik

Her mit den Fernschüssen: Warum der FC Burnley in der Premier League aktuell so gut ist

Von Rouven Ahl
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Lass den Gegner doch einfach scheitern: Kopfballduell zwischen Wes Morgan von Leicester City (links) und Chris Wood von Burnley

Kennen Sie den FC Burnley? Der sorgt in dieser Premier-League-Saison bei Statistikern für Stirnrunzeln. Schaut man sich nämlich die nackten Zahlen an, müsste das bisherige Überraschungsteam aus dem Nordwesten Englands in der Tabelle um einiges tiefer plaziert sein: Statt dessen belegt man derzeit Platz sieben, obwohl man am Wochenende 0:1 bei Leicester City verloren hat.

Was lässt die Statistiker so verzweifeln? Nun, es ist das, was sie nicht nachweisen können. Oder wie der Statistikexperte Chris Anderson es in der Times formuliert: »Viele für Statistik gebrauchte Modelle haben vor allem damit Probleme, die Zusammenarbeit von Mannschaften in einer Zahl auszudrücken. Und das ist eben, was Burnley besonders auszeichnet: die Zusammenarbeit als Mannschaft.«

Der Saisonstart ließ für das Team von Trainer Sean Dyche Schlimmstes befürchten. In der vorigen Spielzeit holte Burnley, das nach langer Durststrecke überhaupt erst wieder seit 2014 erstklassig kickt, die nötigen Punkte für den Klassenerhalt im heimischen Stadion »Turf Moor«, dem zweitältesten Stadion des Landes, eröffnet 1883. Dort holten die »Clarets« (die Weinroten) zehn Siege; auswärts dagegen gab es nur einen Erfolg. Kein Wunder also, dass das Auftaktprogramm 2017/18 für Burnley-Fans beunruhigend war: Die ersten fünf Auswärtsspiele führten den Klub nach Chelsea, Tottenham, Liverpool, Everton und zu Manchester City – viel schwieriger geht es kaum.

Doch Burnley überraschte alle Experten. Bei Tottenham und Liverpool spielte man Remis, während es gegen Chelsea und Everton sogar zu drei Punkten reichte. Nur bei Klassenprimus City setzte es eine deutliche 0:3-Niederlage. Für den Erfolg von Burnley ist dabei vor allem anderen die Defensive verantwortlich – nur zwölf Gegentreffer hat das Team bislang kassiert. Damit stellt Burnley momentan die drittbeste Abwehr der Premier League.

Was die Statistiker dabei besonders irritiert: Laut der Webseite Whoscored.com lässt Burnley die meisten Schüsse der gesamten Premier League zu. In den Rankings zu den geblockten Schüssen und klärenden Aktionen befinden sich die Weinroten ebenfalls an der Spitze. Um diese Werte zu übersetzen: Burnley steht unter permanentem Druck der Gegner. Für eine Mannschaft mit einem der kleinsten Budgets der Liga und dem damit gewöhnlich einhergehenden Mangel an individueller Klasse, müsste das eigentlich fatal enden. Und so sieht die Statistik der Expected Goals (zu erwartende Tore) für Burnley auch eine viel höhere Zahl von Gegentoren vor. Die Realität sieht jedoch anders aus. Der You-Tube-Kanal »Tifo Football« erklärt warum: Burnley spielt ein defensives 4-4-1-1-System, mit zwei sehr tief stehenden Viererketten. Damit sind die Gegner schon einmal gezwungen, aus schlechten Postionen heraus Flanken zu schlagen. Vor diesen zwei Ketten lässt Burnley viel Raum, um die andere Mannschaft praktisch zu Fernschüssen einzuladen. Durch die taktisch geschickte Verteidigungsarbeit gelingt es, viele dieser Versuche zu blocken; oder in einen bestimmten Korridor zu lenken, so dass Torhüter Nick Pope kaum Probleme bekommt. Herausragend agieren bislang auch die beiden Innenverteidiger Ben Mee und James Tarkowski.

Trainer Dyche erklärt, das übergeordnete Defensivprinzip besehe nicht darin, die Versuche des Gegners zu verhindern. Statt dessen sei das oberste Ziel, die Qualität der gegnerischen Abschlüsse zu mindern. Das gelingt bisher mehr als ordentlich und lässt Burnley auf eine sorgenfreie Saison hoffen.

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