Aus: Ausgabe vom 06.12.2017, Seite 11 / Feuilleton

Ein Hund namens Dante

Das Land der Toten ist ein altes Musical: Der neue Pixar-Film »Coco«

Von Peer Schmitt
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Den zweiten Tod verhindern: »Dia de los Muertos« in der Pixar-Version

Was soll man von einem Film halten, dessen Titelfigur eine annähernd 100jährige Frau mit dem seligen Lächeln von Weisheit und Demenz ist, deren Ableben die Handlung glücklich beschließt? Die Stunden sind zweifellos gezählt in »Coco – Lebendiger als das Leben«, dem neuen Animationsfilm aus dem Hause Pixar/Disney. Wessen Stunden aber genau? Die von uns allen?

Die Zahlen sprechen für sich. Nach dem Startwochenende steht »Coco« hierzulande mit knapp 200.000 Zuschauern auf Platz eins der Kinocharts. In den USA hat der Film bereits über 100 Millionen Dollar eingespielt.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: »Coco« gehört zu den sehenswerteren und irgendwie auch nachdenklicheren Filmen, die zur Zeit auf dem Markt sind. Er schlägt ziemlich morbide Töne an, ohne auf die geschäftsbedingte Familienfreundlichkeit zu verzichten, ganz im Gegenteil. Die Einfriedung des Todes verdankt sich dem kulturellen Motiv, das hier dankbar abgestaubt wurde. Es ist der karnevaleske mexikanische Totenkult, der am »Dia de los Muertos«, Allerheiligen, seinen Höhepunkt feiert und für Touristen wie Ethnographen weiterhin von lebhaftem Interesse ist.

Nun ist der »Dia de los Muertos« tatsächlich eine Familienfeier im engeren Sinne. Die verstorbenen Familienmitglieder werden als Ehrengäste an festlicher Tafel erwartet, als wären sie noch oder wieder lebendig. Anderseits ist der Ehrentag auch ein »barocker« Karnevalsumzug. »Dia de los Muertos«, das bedeutet Totenschädel aus Zucker. Was auch ein gutes Sinnbild für das Unternehmen Pixar abgeben könnte.

Worauf zielt sie ab, die Animation? Die (Wieder-)Belebung der toten Seelen, Animismus, Seelentransport.

Coco, die Titelfigur, ist die Urgroßmutter des Helden Miguel, ein Junge, der Musiker werden möchte und in der imaginären mexikanischen Stadt Santa Cecilia lebt, die vornehmlich aus Friedhöfen und Mausoleen in sanftem Goldschimmer zu bestehen scheint. Musik ist tabu in der Familie, einer lokalen Schuhmacherdynastie. Miguels Großmutter zertrümmert persönlich seine Gitarre, um das mehr als deutlich zu machen. Der Grund des Tabus ist ein Trauma: Der Ururgroßvater, offenbar ein wandernder Musiker und Hallodri, machte sich einst spurlos davon. Aus dem Familienfoto am Hausaltar für den »Dia de los Muertos« ist sein Gesicht herausgerissen, geblieben ist nur das Zeichen seiner geächteten Zunft, die Gitarre.

Der Junge imaginiert sich aus alten Schallplatten und Filmen den Ahnen Ernesto de la Cruz, einen Musical-Star der 1940er und 50er. Mögliches historisches Vorbild wäre zum Beispiel ein mexikanisches Superidol wie Pedro Infante (1917–1954). Dieser Übervater des Jungen ist also gleichsam die Kulturindustrie, wie sie mal war, und in »Coco« mittels Reminiszenzen an alte Filmmusicals reanimiert werden kann. Eine makabre Pointe dabei ist, dass besagter Ernesto de la Cruz bei Dreharbeiten für ein Musical von einer Kirchenglocke erschlagen wurde. In dem für ihn errichteten Mausoleum beginnt die Reise des Jungen in das Land der Toten.

Grundprinzip des »Dia de los Muertos« in der Pixar-Version ist, dass die Toten solange am Leben sind, wie sie beispielsweise auf einer Fotografie noch erkannt werden. Stirbt die letzte Person mit lebendiger Erinnerung, ist das ihr zweiter, symbolischer Tod. Dem Filmhelden geht es darum, diesen zweiten Tod zu verhindern.

Das Jenseits, das Land der Toten, ist eine alte Musical-Show. Es fehlt dabei, typisch für Pixar, nicht an Verweisen, die das Totenreich kontextualisieren. Etwa ein Hund (stets der beste Freund des Menschen), der auf den Namen Dante hört (einer der zahlreichen Trailer für den Film heißt »Meet Dante!«) oder ein ebenso zufälliger Überraschungsgast namens Frida Kahlo. Zweifellos geht es hier um das Abrufen kultureller Kompetenzen. Im Abspann des Films ist die Nennung zahlreicher kultureller Berater in Sachen »Mexiko« auffällig. Einer dieser Berater hat sich in der New York Times vom 19.11. geäußert: »This movie is a departure, but it’s a departure without making a big deal out of it.« »Departure« ist an dieser Stelle ein gewiefter Begriff, bedeutet er doch zugleich Aufbruch (zu neuen Ufern, das Einschlagen einer neuen Richtung) als eben auch Abgang, Abschied und Ableben. Das eine geht wohl nicht ohne das andere.

Der Semiotiker Juri Lotman hielt Ende der 1970er fest, dass der Trickfilm aus »Zeichen von Zeichen« bestehe. Ein animierter Hund namens Dante ist wohl ein gutes Beispiel dieser »zweiten Ordnung«. Diese Zeichen von Zeichen stehen im Gegensatz zum Illusionismus der Fotografie, so etwas wie eine privilegierte Verbindung zur »Natur«, sprich eine Art natürlichen Gegenstand zu haben.

Nun, da die Zeiten des fotografierten Films endgültig abgelaufen sind, ergibt sich für den Animationsfilm die sonderbare Lage, von einer Nische der Filmindustrie zu ihrem Hauptgeschäft geworden zu sein. Auf der Handlungsebene bietet »Coco« da tatsächlich einen Weg der Versöhnung an. Die Fotografie ist hier gleichsam der Ehrengast an der Tafel der Toten.

Die neue Materialität der Zeichen von Zeichen steht zwangsläufig noch im Zeichen der Melancholie, der Trauer um einem verlorenen Gegenstand, der reanimierten Erinnerungsfotografie mit dem Riss. Im Kino ist nunmehr jeder Tag ein Tag der Toten, und in »Coco« leuchtet es uns ein.

»Coco – Lebendiger als das Leben«, Regie: Lee Unkrich, USA 2017, 105 min, bereits angelaufen


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