Aus: Ausgabe vom 06.12.2017, Seite 5 / Inland

Klage gegen Glyphosatschwindel

Umweltverbände stellen Strafanzeige gegen deutsche und EU-Zulassungsbehörde

Von Ralf Wurzbacher
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Erst handeln, dann denken: Glyphosat wird bereits auf Äckern versprüht

Der Beschluss der EU-Mitgliedsstaaten aus der Vorwoche, den Einsatz des Totalherbizids Glyphosat in der Europäischen Union für fünf weitere Jahre zu genehmigen, hat ein juristisches Nachspiel. Am Montag reichte ein Bündnis von Umweltorganisationen aus Österreich, Italien, Frankreich und Deutschland Strafanzeige gegen die beiden bei der Bewertung des Ackergifts federführenden Behörden ein. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) seien der Körperverletzung, des Betrugs und des Verstoßes gegen das Urheberrechtsgesetz verdächtig, heißt es in der Klageschrift, die der österreichische Verein »Global 2000« bei der Wiener Staatsanwaltschaft eingereicht hat.

Zu den Initiatoren gehören ferner das »Pesticide Action Network« (PAN) Europe, die deutsche PAN-Sektion in Hamburg sowie der französische Verband »Générations Futures« mit Sitz in Paris. Sie legen den Prüfern zur Last, bei der Einschätzung der möglichen Gefahren des Stoffs für Mensch und Natur aus Studien der Industrie über weite Strecken abgeschrieben zu haben. »Unter Verweis auf eigene Nachforschungen, US-Gerichtsdokumente (»Monsanto Papers«) und ein Plagiatsgutachten legen die Umweltgruppen dar, dass BfR und EFSA keine unabhängige, objektive und transparente Bewertung der gesundheitlichen Risiken von Glyphosat vorgenommen haben, wie das die EU-Pestizidverordnung 1107/2009 verlangt hätte«, schreibt das Bündnis in einer Presseerklärung. »Es ist zu befürchten, dass schwere und schwerste Gesundheitsschäden als Folge des behördlichen Fehlverhaltens eintreten werden.«

Bereits im September wurde publik, dass maßgebliche Passagen des EFSA-Schlussberichts quasi wortgleich aus einem Papier des US-Agrokonzerns Monsanto aus dem Jahr 2012 übernommen worden waren. Die Verantwortlichen redeten sich seinerzeit damit heraus, das Verfahren entspreche den in solchen Fällen gängigen Abläufen. Der Salzburger Medienwissenschaftler Stefan Weber hat dieser Darstellung in einem Plagiatsgutachten im Auftrag von Global 2000 widersprochen. Demnach habe das BfR jene Studien, die sich mit den potentiell krebserregenden, mutagenen oder fortpflanzungsschädlichen Eigenschaften des Unkrautvernichters beschäftigen, »gar nicht selbst bewertet« und »bewusst verschleiert«, auf welche Herkunft seine Bewertung zurückgeht.

Wie das Bündnis in seiner Mitteilung ausführt, fänden sich in jüngst veröffentlichten US-Gerichtsakten weitere Hinweise darauf, dass eine objektive Risikoeinschätzung niemals intendiert war. Im Sommer 2015 hatte die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Glyphosat als »wahrscheinlich krebserregend« eingestuft. Schon im Mai desselben Jahres soll die EFSA die US-Umweltschutzbehörde EPA darüber informiert haben, ebendiese, zu dem Zeitpunkt noch gar nicht fertiggestellte IARC-Monographie im August evaluieren und der Einstufung widersprechen zu wollen.

Eine entscheidende Rolle bei all dem spielte den Dokumenten zufolge der Toxikologe Jess Rowland, den US-Medien als »Monsantos Maulwurf« bei der EPA betitelt haben. Er soll eine unabhängige Krebsbewertung des Pestizids durch das US-Gesundheitsministerium erfolgreich verhindert haben. Laut einer Monsanto-internen Korrespondenz soll es ihm außerdem bei einer Telefonkonferenz mit Vertretern der EU-Mitgliedsstaaten gelungen sein, die EFSA »auf Linie zu bringen«. Recherchen der deutschen PAN-Sektion haben ferner ergeben, dass durch Rowlands Intervention eine »sehr zentrale« Krebsstudie ohne wissenschaftliche Begründung aus der Prüfung ausgeschlossen worden war.


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