Aus: Ausgabe vom 06.12.2017, Seite 5 / Inland

BMW bremst Behörden aus

Deutsche Umwelthilfe wirft Autobauer vor, Abgasreinigung manipuliert zu haben. TÜV beklagt, Konzern behindere Prüfungen

Von Bernd Müller
BMW_Zentrale_55568086.jpg
Umweltfreie Zone: BMW-Konzernzentrale in München

Der Dieselskandal weitet sich womöglich aus. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) wirft nun auch BMW vor, die Software manipuliert und illegale Abschalteinrichtungen in die Abgasreinigung seiner Fahrzeuge eingebaut zu haben. Anhaltspunkte dafür habe der Test von Autos der Marke im Straßenbetrieb ergeben. Dabei seien deutlich höhere Abgaswerte festgestellt worden als im Labortest, teilte die DUH am Montag abend mit.

Der Tagesspiegel berichtete am Dienstag, die DUH habe in diesem Jahr insgesamt fünf BMW-Fahrzeuge untersucht, vier davon mit dem gleichen Motor. Alle zeigten demnach auffällige Werte bei den Stickoxiden (NOx). Beim jetzt veröffentlichten Fall geht es um einen BMW 320d nach Euro-6-Norm. Erstmals wurde dieser im September 2016 als Neuwagen zugelassen.

Die DUH hat in ihrem Emissions-Kontroll-Institut (EKI) die Abgaswerte des Fahrzeugs im realen Betrieb gemessen. Auffällig sei dabei gewesen, heißt es in einer Erklärung vom Dienstag, dass die gemessenen Werte deutlich schwankten. Während das Fahrzeug auf dem Prüfstand den Grenzwert für NOx einhielt, seien die Emissionen auf der Straße deutlich höher gewesen. Bei allen acht Messungen unter Straßenbedingungen emittierte das Fahrzeug das bis zu 7,2fache des Erlaubten. Der europaweit geltende Grenzwert liegt bei 80 Milligramm pro Kilometer.

Bei der Überprüfung der Motorsteuerung – auch mit Hilfe externer Spezialisten – habe sich herausgestellt, dass die Software offenbar so programmiert gewesen sei, dass die Abgasrückführung bereits ab einer Drehzahl von 2.000 Umdrehungen pro Minute reduziert und ab 3.500 Umdrehungen komplett abgeschaltet werde. Eine solche Drehzahl erreiche man bereits bei einer Geschwindigkeit von 47 Stundenkilometern im zweiten Gang, 70 Stundenkilometern im dritten Gang, 87 Stundenkilometern im vierten und 112 Stundenkilometern im fünften Gang, heißt es weiter in der DUH-Mitteilung zu den Messergebnissen. Für den Verkehrsexperten Axel Friedrich deutet das auf eine Abschalteinrichtung hin. »Das ist nach meiner Einschätzung von der europäischen Richtlinie nicht gedeckt«, erklärte Friedrich am Montag im ZDF-Magazin »Wiso«.

»Die vorliegenden Messergebnisse sind sehr klare Indizien dafür, dass hier Abschalteinrichtungen in der Motorsteuersoftware vorhanden sind«, sagte DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch dem Tagesspiegel. Diese müssten komplett entfernt werden. »Autos müssen in allen normalen Betriebssituationen eine voll funktionstüchtige Abgasreinigung haben«, so Resch weiter.

BMW wies die Anschuldigungen zurück. »Es gibt bei der BMW Group keinerlei Aktivitäten und technische Vorkehrungen, den Prüfmodus zur Erhebung von Emissionen zu beeinflussen – das heißt, dass unsere Abgassysteme sowohl auf dem Prüfstand wie auch in der Praxis aktiv sind«, teilte BMW gestern der Nachrichtenagentur Reuters mit. Außerdem hätten vergleichbare Fahrzeugtypen zahlreiche weltweit behördlich durchgeführte Nachprüfungen im letzten Jahr mit sehr guten Ergebnissen bestanden.

Gegenüber dem ZDF erklärte der Konzern, dass »vergleichbare Fahrzeugtypen« bei einer vom Unternehmen veranlassten Untersuchung des TÜV Süd Werte für Stickoxide erreicht hätten, die »innerhalb der technisch erklärbaren sowie erwartbaren Toleranz« lägen. Doch weder der TÜV Nord noch der TÜV Süd hatten die Software ausgelesen, berichtet der Tagesspiegel. Das habe im Zuge der DUH-Untersuchung das Unternehmen DS Motorsport übernommen, das sich seit mehr als 30 Jahren mit der Leistungssteigerung von BMW-Modellen befasst. Der TÜV Nord habe sogar beklagt, dass er keinen Zugang zur Software erhalten habe.

Die Vorwürfe sind für den bayerischen Autobauer brisant. Als ähnliche Anschuldigungen gegen andere deutsche Konzerne erhoben wurde, hatte BMW stets erklärt, grundsätzlich keine Abschalteinrichtungen einzubauen. Noch auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) im September hatte BMW-Vorstandschef Harald Krüger versichert: »Wir haben an den Fahrzeugen nicht manipuliert. Wir haben Diesel, die sind sauber«.


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Neue Ausgabe vom Montag, 18. Dezember erschienen — jetzt einloggen! Oder abonnieren.
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland