Aus: Ausgabe vom 06.12.2017, Seite 4 / Inland

Rentenlücke in einem reichen Land

OECD stellt Studie zu Altersbezügen vor. BRD schneidet im Vergleich zu anderen Industrieländern schlecht ab

Von Claudia Wrobel
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Besonders Frauen haben in diesem Land unter Armutsrenten zu leiden

Bei der Rente ist zumindest eines sicher: Zum Leben wird sie bei vielen Menschen nicht reichen. Und das ist ein gewolltes und hausgemachtes Problem deutscher Politik. Das Niveau der Altersbezüge liegt hierzulande deutlich unter dem vergleichbarer Industrieländer, wie eine Auswertung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt. Aus der am Dienstag vorgestellten Studie »Renten auf einen Blick 2017« geht erneut hervor, dass Altersarmut vor allem Frauen, Selbständige, Geringverdiener und Alleinerziehende trifft. Aber auch generell kann man sagen, dass es um das Rentensystem in der BRD nicht gut gestellt ist. Ein Durchschnittsverdiener kann laut Untersuchung künftig rund 51 Prozent seines Nettoeinkommens als Altersbezüge erwarten. Im OECD-Durchschnitt erhalten diese etwa 63 Prozent, also zwölf Prozentpunkte mehr. Schlechter als in Deutschland ist das Niveau nur in Mexiko, Polen, Chile, Großbritannien und Japan.

Dabei ist auffällig, dass der sogenannte Gender-Pension-Gap, also die geschlechterbedingte Rentenlücke, mit 46 Prozent in Deutschland sogar am größten in der OECD ist. Als Gründe werden von der Organisation die große »Gender Pay Gap« genannt, also die Einkommenslücke, aber auch der besonders hohe Anteil von Frauen, die Teilzeit arbeiten. Da sich beides in den vergangenen Jahren verfestigt habe, sei davon auszugehen, dass »Frauen bei den Altersbezügen auch weiterhin hinter den Männern zurückbleiben«. In bezug auf diese Gruppe und Geringverdiener generell, stellt die OECD fest, es sei ein Problem, dass es in Deutschland keine Mindestrente gebe. »Es ist nicht hinnehmbar, dass Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, in einem der reichsten Länder der Welt Angst vor Altersarmut haben müssen«, kommentierte Bernd Riexinger, Vorsitzender der Partei Die Linke die vorgelegten Zahlen. »Die SPD trägt eine erhebliche Mitverantwortung, da sie an den Rentenkürzungen beteiligt war. Ich bin sehr gespannt, ob sie gegenüber der Union klare Kante zeigen und die Solidarrente und ein Rückkehrrecht von Teil- auf Vollzeit durchsetzen wird«, sagte er mit Blick auf eine mögliche Regierungsbildung zwischen CDU/CSU und SPD auf Bundesebene.

Auch die OECD selbst kommentiert die Ergebnisse. Sie kritisiert die sogenannte »Flexirente«, da dadurch mehr Menschen früher in Rente gehen. Die OECD rät der Bundesregierung außerdem zu einem »einheitlichen Rentenrahmen für Angestellte des privaten Sektors, Beamte und Selbständige, wie er in den meisten anderen OECD-Ländern existiert«. Allerdings wird sie damit vermutlich auf taube Ohren stoßen. Die IG Metall versucht bereits seit Juli vergangenen Jahres unter dem Titel »Neuaufbau einer solidarischen Alterssicherung« zumindest eine Debatte über dieses Thema anzustoßen. Bislang mit mäßigem Erfolg.

Aus der OECD-Studie geht außerdem hervor, dass Beschäftigte in Deutschland immer länger erwerbstätig bleiben. In der Gruppe der 55- bis 64jährigen hat die Beschäftigungsrate seit 2000 um mehr als 30 Prozentpunkte zugelegt. Für die OECD ist dies eine ausgesprochen positive Entwicklung: Das längere Arbeiten erhalte die »finanzielle Nachhaltigkeit des Rentensystems«. Für Matthias W. Birkwald, rentenpolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag, sind diese Zahlen allerdings »komplett irreführend«. »Demnach gehen nur 36 Prozent – und damit nur jeder dritte – im Alter von 60 bis 64 Jahren noch einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach und nur jeder vierte arbeitet noch sozialversicherungspflichtig in Vollzeit. Gleichzeitig arbeiten heute 900.000 Menschen im Alter von 60 Jahren bis zur Regelaltersgrenze ausschließlich in einem prekären Minijob. Das sind 76 Prozent mehr als im Jahr 2012.«


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