Aus: Ausgabe vom 05.12.2017, Seite 8 / Inland

»Ein irrsinniges und faktisch gescheitertes Projekt«

»Stuttgart 21« wird teurer und teurer. Mit alternativen Lösungen ließen sich mehrere Milliarden Euro sparen. Gespräch mit Werner Sauerborn

Interview: Ralf Wurzbacher
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»Wir haben ja ein Konzept vorgelegt, wie man unter Berücksichtigung des Baufortschritts eine alternative Lösung zum geplanten Tiefbahnhof realisieren könnte.« – Werner Sauerborn, Geschäftsführer des »Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21«

Das Bahnprojekt »Stuttgart 21« soll den schon wiederholt nach oben korrigierten Kostenrahmen erneut sprengen. In der Vorwoche räumte die Bahn AG ein, bis Fertigstellung werde das Vorhaben 7,6 Milliarden Euro verschlingen, eine Steigerung um weitere 1,1 Milliarden Euro. Wann rechnen Sie mit der nächsten »Anpassung«?

Es ist höchste Zeit, dass die Deutsche Bahn die Zahlenwerke, mit denen sie operiert, veröffentlicht. Bisher hatte sich die DB immer auf ein nicht veröffentlichtes Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG berufen, das auf 6,5 Milliarden Euro Projektkosten käme und damit sämtliche Kritiker widerlege, die von weit höheren Ausgaben ausgehen.

Woher kommt jetzt der Sinneswandel?

Die Rede ist von einem neuen Gutachten der Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse Coopers, das gerade zur Aufsichtsratssitzung am 13. Dezember an die Kontrolleure verschickt wurde. Daraus wurden jetzt gezielt ein paar Sätze an die Presse durchgestochen, die belegen sollen, dass S21 nun 7,6 Milliarden Euro koste und dies das Ende der Fahnenstange sei. Gleichzeitig hieß es, ein Abbruch koste sieben Milliarden Euro. Das sind absolute Phantasiezahlen, die nur der Augenwischerei dienen und Argumente zum Weiterbau liefern sollen. Dagegen rechnen alle unabhängigen Experten, darunter der Bundesrechnungshof, damit, dass die Kosten am Ende rund zehn Milliarden Euro betragen werden.

Welche Bauzeit wurde bei diesen Studien eingepreist? Schließlich hat die Bahn den Eröffnungstermin abermals nach hinten verlegt, auf das Jahr 2024.

Das von uns beauftragte Ingenieurbüro Vieregg und Rössler war bei seinen Berechnungen im Jahr 2016 bereits von entsprechenden Verzögerungen ausgegangen. Trotzdem haben wir den Gutachter gebeten, ein Update seiner Kalkulation zu erstellen. Dabei geht es uns vor allem um einen Vergleich der Bau-, mit den Ausstiegs- bzw. Umstiegskosten. Wir haben ja ein Konzept vorgelegt, wie man unter Berücksichtigung des Baufortschritts eine alternative Lösung zum geplanten Tiefbahnhof realisieren könnte. Was macht man mit der Grube, die schon gebuddelt wurde, was mit den Tunneln, die gebohrt wurden? Dazu gibt es eine Reihe auch von Fachleuten anerkannte Vorschläge, die durchgerechnet wurden. Bei Umsetzung ließen sich demnach – Stand jetzt – 5,4 Milliarden Euro einsparen.

Aber wird der schöne Plan nicht mit jedem Spatenstich illusorischer?

Illusorisch ist das, was die Deutsche Bahn und ihre Partner treiben. Angesichts der inneren Widersprüche des Projekts ist gar nicht vorstellbar, ob und wie das Ganze jemals fertig werden soll. Und sollte es doch irgendwann soweit sein, wird das Ergebnis ohne Frage schlimm. Nicht nur dass es eine Bahnhofsverkleinerung geben wird, dazu kommen erhebliche Kostenrisiken für die Zukunft, und ökologisch aberwitzig ist das Projekt sowieso. Gerne wird der Fall mit der Hamburger Elbphilharmonie verglichen. Der Unterschied ist aber, dass in Hamburg immerhin am Ende etwas Gutes herausgekommen ist. Bei S 21 ist das ausgeschlossen. Deswegen gibt es hier keinen Point of noReturn.

Die Frage ist nun, wer die Mehrkosten übernimmt? Das Land Baden-Württemberg will nicht mehr zuschießen, die anderen Projektpartner auch nicht. Haben Sie eine Antwort?

Das ist ein abgekartetes Spiel: Es wird einfach weitergebaut, während alle Beteiligten behaupten, der jeweils andere müsse die Mehrkosten zahlen. Dabei ist jedem klar, dass am Ende doch alle mehr zuschießen bzw. die Steuerzahler die Mehrkosten bezahlen werden. Das ist Betrug am Publikum.

Baden-Württembergs grünem Regierungschef Winfried Kretschmann hat der Fall bisher praktisch nicht geschadet. Woran liegt das?

Was die Grünen veranstalten, seit sie die Bürgerbewegung gegen S 21 verlassen haben, ist mehr als traurig. Was soll eigentlich noch alles passieren, bis sie sich ihrer Verantwortung stellen, ihre Stimme erheben und zu dem zurückkehren, was sie schon immer gewusst haben: Dass das ein irrsinniges und faktisch gescheitertes Projekt ist.

Werner Sauerborn ist Geschäftsführer des »Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21«


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