Aus: Ausgabe vom 05.12.2017, Seite 7 / Ausland

IS auf dem Rückzug

Gemeinsam gegen die Dschihadisten? Kurden berichten über Zusammenarbeit mit Russland und USA. Stillschweigende Zustimmung von Damaskus vermutet

Von Kevin Hoffmann
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Ein russischer Langstreckenbomber wirft am Sonntag Bomben auf Stellungen der Dschihadistenmiliz IS ab

Der Kampf gegen die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) in Syrien neigt sich dem Ende zu. Seit die islamistische Terrorgruppe im Jahr 2014 große Teile Syriens und des Irak erobern konnte und dort ein »Kalifat« ausrief, wurde sie Stück für Stück zurückgedrängt. Am vergangenen Wochenende verkündeten die kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (YPG) bei einer gemeinsamen Presseerklärung mit russischen Offizieren, dass große Teile der Region Deir Al-Sor befreit worden seien. Bei den Kämpfen sollen rund 75 IS-Kämpfer getötet worden sein. Damit verbleiben lediglich einige Dörfer am Ufer des Euphrates und an der irakisch-syrischen Grenze in der Hand der Dschihadisten.

Waren die kurdischen Einheiten in der Vergangenheit regelmäßig durch Waffenlieferungen und Luftschläge der US-Armee unterstützt worden, so wurde am Wochenende erstmals auch eine direkte militärische Koordination mit den russischen Streitkräften öffentlich. »Nach einem heroischen Widerstand der Volksverteidigungskräfte in Kooperation mit den lokalen arabischen Stämmen konnte der Terror des ›Islamischen Staates‹ eliminiert werden. Die Umgebung von Deir Al-Sor östlich des Euphrats wurde vollständig befreit. Dabei haben uns die russischen Streitkräfte und die US-geführte Koalition unterstützt«, erklärte der YPG-Sprecher Nuri Mahmoud nach Informationen der kurdischen Nachrichtenagentur Hawar News am Sonntag in Deir Al-Sor. Nun würden die befreiten Gebiete an lokale Verwaltungsräte übergeben, in denen die verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen der Region repräsentiert seien. Man wolle zudem auf den in der Zusammenarbeit mit den russischen und US-amerikanischen Kräften gemachten Erfahrungen aufbauen. Es sei die Aufgabe vor allem Moskaus und Washingtons, eine Lösung zu garantieren, die eine friedliche und demokratische Zukunft in Syrien möglich mache, bis sich die Völker erholt haben und ihre Selbstverteidigung vollständig übernehmen könnten, so Mahmoud. Die YPG bestätigten zudem, dass sie dazu bereit seien, ein gemeinsames Operationszentrum und Generalkommando zum Kampf gegen die verbliebenen terroristischen Gruppen in Syrien zu bilden.

Die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA bestätigte am Sonntag, dass sechs Langstreckenbomber der russischen Luftwaffe Einsätze gegen Positionen des IS in Deir Al-Sor geflogen hätten. Nähere Details wurden nicht mitgeteilt. Eine offizielle Stellungnahme der syrischen Regierung zu den jüngsten Entwicklungen gab es nicht. Eine Zusammenarbeit kurdischer und russischer Truppen dürfte jedoch eine zumindest stillschweigende Akzeptanz der syrischen Regierung voraussetzen. In der Vergangenheit hatten die kurdischen Kräfte Damaskus mehrfach Gesprächsangebote unterbreitet.

Ebenfalls am Wochenende veröffentlichte das Pressebüro der YPG eine aktuelle Zusammenfassung der militärischen Aktionen in Syrien. So berichteten die kurdischen Kämpfer, dass in der Region Deir Al-Sor seit Anfang September 24 Städte und Dörfer und rund 10.000 Zivilisten befreit werden konnten. Die letzten Ortschaften, die noch vom IS beherrscht werden, sollen von den kurdischen und arabischen Streitkräften umzingelt und isoliert worden sein. Während des vergangenen Monats seien 33 Kämpfer der YPG und YPJ bei Gefechten getötet worden. Auch in Al-Rakka verloren vier Milizionäre ihr Leben, als sie in der befreiten Stadt nach Sprengfallen und Minen suchten. Unter den Gefallenen befindet sich demnach auch der aus Großbritannien stammende 24jährige Oliver Hall, der sich während der Offensive zur Befreiung Al-Rakkas den YPG abgeschlossen hatte.

Nach den großen Erfolgen gegen den IS bereiten sich die YPG und die von ihnen dominierten Demokratischen Kräfte Syriens (SDK) auf die Verteidigung der Gebiete Afrin und Schahba im Norden Syriens gegen einen möglichen Angriff der Türkei vor. Man werde nicht nur diese Gebiete gegen eine Aggression Ankaras verteidigen, warnen die Kurden. »Der Krieg wird sich ausbreiten, und auch Städte und Gebiete wie Dscharabulus, Al-Bab und Idlib werden dann von uns befreit«, erklärte SDK-Sprecher Hasan Qamishlo am Samstag gegenüber der kurdischen Nachrichtenagentur ANF. Tausende kurdische und arabische Kämpfer stünden bereit, um eine türkische Invasion in Syrien zu stoppen und zurückzuschlagen.


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