Aus: Ausgabe vom 05.12.2017, Seite 5 / Inland

Ab in den Knast

Frühere Manager des Leipziger Internetkonzerns Unister zu Bewährungsstrafen verurteilt

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Der Kreditvermittler Wilfried S. aus Unna wurde am 7. März in Leipzig verurteilt

Zwei ehemalige Manager des Internetkonzerns Unister sind am Montag in Leipzig mit Bewährungsstrafen davongekommen. Der ehemalige Finanzchef, Daniel Kirchhof, bekam vom Landgericht Leipzig zwei Jahre auf Bewährung sowie eine Geldstrafe, der frühere Leiter Flugbereich der Unister-Gruppe, Holger Friedrich, wurde zu einem Jahr und sieben Monaten auf Bewährung verurteilt.

Die Anklage hatte Kirchhof Betrug, Steuerhinterziehung und unerlaubten Vertrieb von Versicherungen vorgeworfen, Friedrich musste sich ebenfalls wegen Betrugs verantworten. Beide sollen unter anderem Kunden von Flugportalen wie Ab-in-den-Urlaub.de in großem Stil Kostenvorteile vorenthalten und dadurch zu hohe Flugpreise kassiert haben. Zudem soll Unister unerlaubt Versicherungen als Serviceleistungen angeboten und Serviceentgelte nicht korrekt versteuert haben.

Unister selbst und auch die Verteidiger der beiden Angeklagten hatten die Vorwürfe wiederholt zurückgewiesen und erklärt, die Praxis des sogenannten Runterbuchens sei in der gesamten Reisebranche üblich. Dabei wurde den Kunden ein Flug zu einem auf der Webseite angezeigten Preis verkauft, während Unister hinter den Kulissen günstigere Konditionen erzielte und die Differenz einbehielt. Der Prozess gegen einen ursprünglich dritten Angeklagten war zuvor gegen eine Geldauflage eingestellt worden. In seinem Plädoyer am Montag sagte Generalstaatsanwaltschaft Dirk Reuter, Unister habe »der rechtliche Kompass« gefehlt.

Unister hatte im Juli 2016 Insolvenz angemeldet, nachdem Gründer und Gesellschafter Thomas Wagner tödlich mit dem Flugzeug verunglückt war. Wagner war mit einer Kleinmaschine auf dem Rückflug von Venedig nach Deutschland. In Italien hatte er sich zuvor von einem angeblichen israelischen Diamantenhändler namens »Levy Vass« Falschgeld aufschwatzen lassen. Vass hatte ihm einen Kredit in Höhe von 15 Millionen Euro versprochen, Wagner zahlte ihm als Sicherheit 1,5 Millionen Euro. Von Vass fehlt immer noch jede Spur. Der Vermittler des Betrugsdeals, ein Mann aus Unna (Nordrhein-Westfalen), wurde im März vom Landgericht Leipzig zu fast vier Jahren Haft verurteilt. Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden versucht weiter, die wahre Identität von Vass zu klären. Der Finanzvermittler hat unterdessen Revision gegen das Urteil eingelegt. Er will von dem Falschgeld nichts gewusst haben.

Die Überreste des Konzerns werden derweil weiter verscherbelt. Der Medienkonzern Axel Springer habe sich das letzte »Sahnestück« gesichert, meldete Tag24.de am vergangenen Donnerstag. Der Onlinevermarkter Ad Up Technology sei mit Wirkung zum 1. Dezember an die Axel Springer Teaser Ad GmbH gegangen, habe die Kanzlei des Insolvenzverwalters Lucas Flöther mitgeteilt. Die rund 20 Arbeitsplätze in Hamburg, Leipzig und Berlin blieben erhalten, hieß es. Ad Up Technology ist spezialisiert auf die Vermarktung von Onlineportalen. Wieviel Geld geflossen sei, habe ein Sprecher der Kanzlei Flöthers nicht angeben wollen. (AFP/dpa/jW)


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