Aus: Ausgabe vom 05.12.2017, Seite 1 / Titel

Fünf vor Krieg

NATO will »maximalen Druck« auf Nordkorea. USA und Südkorea starten bisher größtes gemeinsames Luftwaffenmanöver. China sieht seine Interessen bedroht

Von Jörg Kronauer
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Bei der Kriegsübung »Vigilant Ace« werden seit Montag Präzisionsangriffe auf nordkoreanische Nuklearanlagen trainiert (Osan Air Base in Pyeongtaek)

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg verlangt »maximalen Druck« auf die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK) und fordert »die ganze Welt« zu einem geschlossenen Vorgehen gegen das Land auf. Die Rakete »Hwasong-15«, die Pjöngjang vergangene Woche getestet habe, könne nicht nur das gesamte Territorium der USA erreichen, erklärte Stoltenberg am Montag in Brüssel. Tatsächlich lägen jetzt »alle Verbündeten« in Reichweite der Raketen, also auch die NATO-Mitglieder in Europa. Man habe auf Bedrohungen stets mit einer »glaubwürdigen« militärischen Abschreckung reagiert und werde das weiterhin tun; die NATO habe »jahrzehntelange« Erfahrung mit der Raketenabwehr. Darüber hinaus müsse nun aber auch die globale Umsetzung der Wirtschaftssanktionen gegen Nordkorea in vollem Umfang erreicht werden, um das Land zur Aufgabe seines Atomwaffenprogramms zu zwingen. Das westliche Kriegsbündnis wird sich auf seinem heute beginnenden Außenministertreffen in Brüssel nicht nur, wie geplant, mit dem Ausbau der Zusammenarbeit mit der EU, sondern auch mit dem Konflikt in Fernost befassen.

Währenddessen verschärft die NATO-Hauptmacht die Spannungen weiter. Am Montag haben die Vereinigten Staaten und Südkorea ihr bislang größtes gemeinsames Luftwaffenmanöver begonnen. Im Verlauf der Kriegsübung »Vigilant Ace« (»Wachsames As«) werden, wie das südkoreanische Verteidigungsministerium bestätigt, unter anderem Präzisionsangriffe auf nordkoreanische Nuklearanlagen trainiert. Attacken dieser Art spielen eine zentrale Rolle in Kriegsszenarien, die vorsehen, die Atomwaffenarsenale in einer einzigen gigantischen Angriffswelle zu vernichten, um nukleare Gegenschläge zu verhindern. Halboffiziell sind solche Szenarien bisher meist als nicht durchführbar eingestuft worden, weil selbst bei konventionellen Gegenschlägen der DVRK mit Zehn-, wenn nicht gar Hunderttausenden Todesopfern zu rechnen wäre, darunter wahrscheinlich zahlreiche US-Amerikaner; gegenwärtig hält sich eine sechsstellige Zahl an US-Bürgern in Südkorea auf. US-Senator Lindsey Graham, Oberst a. D. der Air Force, hatte bereits am Wochenende gefordert, die Angehörigen der 28.500 in Südkorea stationierten US-Soldaten zu evakuieren.

Das Luftwaffenmanöver der USA und Südkoreas findet jährlich statt. Schon 2016 hatten insgesamt mehr als 16.000 Soldaten und über 200 Flugzeuge an der Kriegsübung teilgenommen. Dieses Jahr ist das Manöver ausgeweitet worden. Es soll, wie Militärs formulieren, die »Bereitschaft« der Streitkräfte beider Länder verstärken. Beteiligt sind dieses Mal allein mehr als 12.000 US-Soldaten sowie rund 230 Flugzeuge, darunter F-22-Tarnkappenjäger, F-35-Tarnkappen-Mehrzweckjets und laut südkoreanischen Medienberichten möglicherweise – wie schon bei früheren Kriegsübungen – auch B-1B-Langstreckenbomber, die prinzipiell Atomwaffen mit sich führen können. Das Manöver soll bis Freitag andauern.

Mit Blick auf das US-Manöver in relativer Nähe zu seinem Territorium reagiert nun auch China. Die chinesische Luftwaffe hat in den vergangenen Tagen Aufklärungsflüge über dem Gelben und dem Ostchinesischen Meer durchgeführt – auf Strecken, die man noch nie geflogen sei, und über Gebieten, über denen man noch nie operiert habe, hieß es in Beijing. Man wolle damit klarstellen, dass man bereit sei, die strategischen Interessen der Volksrepublik zu sichern. Diese wären im Falle eines Krieges auf der koreanischen Halbinsel unmittelbar und aufs schwerste tangiert.


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