Aus: Ausgabe vom 05.12.2017, Seite 12 / Thema

Bilanz des Scheiterns

Als Simbabwe 1980 unabhängig wurde, waren die Hoffnungen groß. Ein Rückblick auf die Ära Robert Mugabe

Von Christa Schaffmann
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Ein Bild vermeintlicher Einigkeit – die Anführer der Zimbabwe African People’s Union und der Zimbabwe African Nation Union – Patriotic Front, Joshua Nkomo und Robert Mugabe, bei Verhandlungen über die Unabhängigkeit Rhodesiens am 29. November 1976 in Genf

»Wir haben uns selbst ein sozialistisches Programm gegeben, weil wir an Sozialismus glauben, hergeleitet vom Marxismus-Leninismus. Aber zuerst muss die Situation konsolidiert werden. Mit der Unabhängigkeit haben wir die politischen Instrumente in der Hand, um die notwendigen ökonomischen Veränderungen durchzusetzen. Wir werden Banken, Industriebetriebe und Bergwerke nach und nach übernehmen; das ist der Weg, über den wir die Kontrolle durch die weiße Minderheit bzw. durch das Privateigentum reduzieren werden.«

Diese Sätze stammen von Robert Mugabe. Er äußerte sie in einem Interview mit der Berliner Zeitung kurz vor Weihnachten 1980. Harte Verhandlungen in London, wo die Weichen für Simbabwes Zukunft gestellt wurden, hatte er da hinter sich. Allzuviel Spielraum für die neuen Herrscher wollte die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien nicht riskieren. Die Verhandlungen mündeten damals in das Lancaster-House-Abkommen, das in mehreren Punkten eine britische Handschrift erkennen ließ. Es war ein Kompromiss, so wie ihn einige Jahre danach auch Nelson Mandela in Südafrika auszuhandeln gezwungen war.

Südrhodesiens Erbe

Im gleichen Jahr übernahmen die beiden Befreiungsbewegungen Zimbabwe African People’s Union (ZAPU) unter Führung Joshua Nkomos und Zimbabwe African National Union – Patriotic Front (ZANU-PF) unter Führung Robert Mugabes das Land, das von da an nicht mehr Südrhodesien bzw., wie die weißen Siedler es ab 1965 genannt hatten, Republik Rhodesien hieß, sondern Simbabwe. Zum südrhodesischen Erbe gehörten Hypotheken und Guthaben. Simbabwe galt damals als eines der am stärksten industrialisierten Länder Afrikas. Der hohe Entwicklungsstand seiner Landwirtschaft gestattete neben einer weitgehenden Eigenversorgung umfangreiche Exporte. Die Infrastruktur war relativ gut entwickelt, und es gab ein über dem afrikanischen Durchschnitt liegendes Gesundheits- und Bildungswesen. Man brauchte es nur allen zugänglich zu machen. Simbabwe erbte aber auch Kriegsschäden, mindestens eine halbe Million Arbeitslose bei insgesamt rund zwölf Millionen Einwohnern sowie drei verschiedene Streitkräfte, die es zu integrieren galt. Außerdem 244.000 weiße Siedler, die eine politische Kraft darstellten, und einen feindseligen Nachbarn Südafrika, das damals noch vom Apartheidregime beherrscht wurde. Mugabe ließ sich unter diesen Umständen auf die finanzielle Unterstützung durch Großbritannien und die USA sowie auf sozialökonomische Reformen ein.

Die Mehrheit der Weißen im Land bangte um ihre Existenz, viele hatten sich bereits ins Ausland abgesetzt, gleich nach dem überwältigenden Wahlsieg des besonders gefürchteten Robert Mugabe im März 1980. Doch der überraschte sie mit versöhnlichen Worten und Gesten. Für die Großbauern eröffneten sich nach dem Wegfall der von vielen Staaten verhängten Sanktionen gegen das rassistische rhodesische Regime unter Ian Smith, das international von keinem Land anerkannt worden war, ungeahnte wirtschaftliche Möglichkeiten. Den Farmern ging es bald noch besser als zuvor. Mugabe wies damit einen Weg, wie ein Machtwechsel auch in dem damals noch vom Apartheidregime beherrschten Südafrika hätte aussehen können. Es beruhigte die Siedler zudem, dass Mugabe den Geheimdienst von seinem Vorgänger Ian Smith übernahm, ohne einen Personalwechsel an der Spitze dieser berüchtigten Einrichtung. Dieser erfolgte erst Jahrzehnte später – durch Emmerson Mnangagwa, den Nachfolger Mugabes im Präsidentenamt.

Nicht enden wollender Krieg

In den Köpfen Mugabes und der ihn umgebenden Führungsriege hatte der Krieg aber nie wirklich aufgehört. Und so sehr sie recht damit hatten, wenn es um die fortgesetzte, nunmehr neokoloniale Ausbeutung Afrikas ging, so falsch lagen sie, als sie die Rivalität zwischen den ehemaligen Befreiungsbewegungen und späteren Parteien ZANU-PF und ZAPU ebenfalls als eine Schlacht ansahen, die noch geschlagen werden müsse, bevor Simbabwes Weg in eine Zukunft mit Wohlstand für alle offenstehe.

Nkomo gehörte zur Volksgruppe der Ndebele aus Matabeleland, Mugabe zu jener der Shona, die die Mehrheit in Simbabwe bildeten. Die Gruppen waren verfeindet. Diese historisch entstandene Feindschaft wurde im Ausland zum Teil unterschätzt. Sie hatte zusätzlich Nahrung dadurch bekommen, dass sich verschiedene Länder während der Zeit des Befreiungskampfes auf unterschiedliche Seiten schlugen. Während China, das damals bereits Differenzen mit der Sowjetunion hatte, Mugabe unterstützte, förderte die UdSSR Nkomo. Das gleiche tat die DDR, nicht nur wegen ihrer Folgsamkeit dem »großen Bruder« gegenüber, sondern wohl auch, weil der intellektuelle, kühle und etwas arrogant wirkende Mugabe nicht Erich Honeckers Kaliber war. Der oft strahlende und herzliche Nkomo ließ sich leichter ins Herz schließen. Man glaubte wohl auch, ihn eher auf die Seite des sozialistischen Lagers ziehen zu können.

Ein intelligenter Mann wie Mugabe hätte dennoch erkennen müssen, dass ein auch nach der Unabhängigkeit andauernder Kampf zwischen beiden Bewegungen zu nichts Gutem führen konnte. Aber sein von Jugend an im Gefängnis, später im Kampf und zuletzt auf dem von ihm ursprünglich überhaupt nicht angestrebten politischen Parkett gewachsenes tiefes, fast paranoides Misstrauen, das ihn überall den Feind vermuten ließ, stellte sich dem Verstand in den Weg. So vermutete er auch unter denen, die wie er für die Unabhängigkeit gekämpft hatten, lebensgefährliche Gegner.

Ähnliche Konflikte erlebte Jahre später Südafrika nach dem Ende der Apartheid. Auch dort kam es zu Gewaltakten. Doch eine kleine Zahl kluger Verhandlungsführer von Mandela bis Jacob Zuma, die begriffen, dass neues Blutvergießen nur zu neuen andauernden Feindseligkeiten führen werde, verhinderte in Südafrika den drohenden Bürgerkrieg. Die Regierung Mugabe dagegen meinte, sie werde das Problem mit der ZAPU mit Gewalt rascher lösen können.

Als 1983 die Ndebele im Süden des Landes rebellierten, suchte er nicht etwa das versöhnende Gespräch, sondern schickte eine Eliteeinheit, die Fünfte Brigade, in die Region. Ihr blutiger Einsatz forderte geschätzt 20.000 Menschenleben. Mnangagwa – der jetzige Präsident – war damals Sicherheitsminister und für das noch Generationen später unvergessene Massaker mitverantwortlich.

Bei der weißen Bevölkerung und auch im westlichen Ausland wuchs nach diesem Ereignis erneut das Misstrauen gegen Mugabe. Wer sagte den Siedlern, dass er nicht eines Tages gegen sie in ähnlicher Weise vorgehen werde wie gegen die Ndebele im Süden? Bei den Wahlen 1985 votierten sie mehrheitlich für die durchaus tolerierte Partei von Ian Smith, dem ehemaligen rassistischen Ministerpräsidenten der international isolierten Republik Rhodesien.

Erst als Mugabe 1987 seine Macht ausweitete und fortan nicht nur als Regierungschef, sondern auch als Staatspräsident und Armeeführer fungierte, schien ihm die eigene Machtfülle groß genug, um Joshua Nkomo großzügig das Amt des Vizepräsidenten sowie eine Fusion von ZANU-PF und ZAPU anzubieten. Eine Freundschaft wurde daraus nicht.

Wirtschaftliche Probleme

In den folgenden Jahren wuchs die Wirtschaft Simbabwes; 1997 verzeichnete sie das größte Wachstum unter allen afrikanischen Ländern. Das Land exportierte u. a. Mais, Baumwolle, Rindfleisch und Tabak. Die Industrie dagegen blieb zurück. Die Übernahme von Anteilen an Unternehmen oder ihre Umwandlung in Staatsbetriebe führte nicht zu der erhofften höheren Produktivität und steigenden Steuereinnahmen, die den Staat zur Finanzierung wichtiger Aufgaben befähigt hätten.

Die Agrarproduktion blieb lange das Rückgrat Simbabwes trotz dessen großen Rohstoffreichtums und industrieller Kapazitäten. Problematisch daran war, dass sich die leistungsstarken professionell geführten landwirtschaftlichen Großbetriebe fast ausschließlich in den Händen weißer Farmer befanden. Im Lancaster-House-Abkommen war vereinbart worden, dass man diese nicht entschädigungslos enteignen, sondern dazu bewegen wolle, gegen Bezahlung von ihren (zum Teil nicht einmal genutzten) Flächen Land zur Verteilung an landlose Bauern abzugeben. Das aber passierte nicht. Die Großbauern setzten auf eine Verewigung der Besitzverhältnisse, während Simbabwes Regierung immer weiter auf die Bereitstellung von finanziellen Mitteln durch Großbritannien für den Erwerb von Land hoffte.

Eine Weile ließen sich die Kleinbauern damit vertrösten, dass der Schuldige in London saß, aber irgendwann war klar, dass Mugabes Regierung das Vertrauen der Landbevölkerung, einer wichtigen Stütze der ZANU-PF, verlieren würde, löste sie nicht endlich ihr Versprechen einer Landreform ein. Zu diesem Zeitpunkt waren die in den Anfangsjahren noch starken Bemühungen, schwarze Facharbeiter und Agraringenieure auszubilden, damit sie später eigene landwirtschaftliche Betriebe professionell führen könnten, aus finanziellen Gründen bereits zurückgefahren worden, und der Enthusiasmus, sich zu qualifizieren, war bei einem Teil der simbabwischen Bauern geschrumpft. Sie hatten aufgehört, an die Landreform zu glauben.

Vielleicht war das ja sogar das Kalkül vieler weißer Farmer, die gar nicht daran dachten, etwas von ihrem Land abzugeben. Sie hielten weiter 70 Prozent der wirtschaftlich nutzbaren Fläche. Als Mugabes Regierung zehn Jahre nach der Unabhängigkeit endlich massiv auf Enteignung gegen Entschädigung drängte, war die Empörung im Westen groß. Die Bereitschaft Großbritanniens und möglicher anderer Geldgeber, die Umsetzung des Lancaster-House-Abkommens mit politischen und finanziellen Mitteln endlich durchzusetzen, war längst geschwunden, wenn sie denn je wirklich bestanden hatte.

Missglückte Landreform

Und so gab der inzwischen 76jährige Präsident seinen Willen zum einvernehmlichen Vorgehen mit dem Westen auf. Eine Konsequenz daraus war eine im Jahr 2000 gewaltsam durchgeführte Landreform. Von dieser profitierte aber nur ein Teil der 150.000 landlosen Bauern, die 20 Jahre lang darauf gehofft hatten. Statt dessen wurden Militärs und Politiker bedient (oder bedienten sich selbst), die von Landwirtschaft keinerlei Ahnung und auch gar keine Lust hatten, sich damit zu beschäftigen. Sie machten sich in den villenähnlichen Häusern der enteigneten Farmer breit. Die erfahrenen Farmarbeiter aber gingen überwiegend leer aus – eine Quittung für ihre Unterstützung der Opposition. Eine weitere Gruppe aus dem Heer der landlosen Bauern begann so, wie nach dem Zweiten Weltkrieg Neubauern in der DDR begonnen hatten – weniger produktiv als die Vorbesitzer, aber lernfähig. Nur mit dem Unterschied, dass die Bauern in Simbabwe keine systematische Unterstützung durch die Regierung erhielten. In der Folge ging die Agrarproduktion zurück. Bald trat Lebensmittelknappheit ein. Anstelle von landwirtschaftlichen Produkten wurden Facharbeiter zu einem Exportgut Simbabwes.

Nicht die Landreform selbst, wohl aber die völlige Abwesenheit einer strategischen Vorbereitung und die Art der Durchführung mit zum Teil brutaler Gewalt erwies sich als ein schwerer Fehler. Bilder der Zerstörung gingen um die Welt und begruben selbst bei denen, die lange und manchmal mit Kopfschmerzen solidarisch zu Mugabe gestanden hatten, die Hoffnung, unter ihm gebe es noch eine Chance für Simbabwe. In Südafrika ist das den Regierenden nicht entgangen. Einen Weg zu einer friedlichen und damit der landwirtschaftlichen und politischen Entwicklung zuträglichen Landreform hat man jedoch auch dort bisher nicht gefunden.

Einfluss auf Simbabwes Entwicklung hatten auch die politischen Umbrüche in der ehemaligen Sowjetunion und in ganz Osteuropa. Das Land verlor wie andere afrikanische Staaten den Rückhalt der sozialistischen Staatengemeinschaft. Mugabe entschloss sich daraufhin notgedrungen zu einer marktwirtschaftlichen Wende, während er gleichzeitig versuchte, an einigen sozialistischen Maximen festzuhalten. Das konnte nicht gelingen.

Am Rande der Hungersnot

Nach der Jahrtausendwende bewegte sich das Land immer tiefer in eine Wirtschaftskrise. Es musste Nahrung importiert werden, da sonst eine Hungersnot drohte. Für Grundnahrungsmittel erließ die Regierung Fixpreise, von denen aber die Ladenbesitzer nicht existieren konnten. Neben der Wirtschaft kollabierten auch das Gesundheits- und Bildungssystem. Die Arbeitslosigkeit stieg (sie liegt heute zwischen 80 und 90 Prozent). Hatte Simbabwe in der Zeit der Apartheid in Südafrika noch Flüchtlinge von dort bei sich aufgenommen, so ging nun eine ungleich höhere Zahl – ungefähr drei Millionen – von Simbabwern nach Südafrika. Viele fanden wegen ihrer guten Ausbildung Arbeit, was manchmal zu Konflikten mit der südafrikanischen Bevölkerung führte, andere landeten in den Slums.

Oppositionelle Kräfte in Simbabwe hatten sich schon länger um Morgan Tsvangirai und die von ihm geführte Bewegung für den Demokratischen Wandel (MDC) geschart. Ein Programm dafür, wie man das Land wirtschaftlich schrittweise wieder auf eine solide Basis stellen und die unselige Rolle der Streitkräfte in der Wirtschaft beenden könne, hatte er nicht. Seine Zauberworte, mit denen er sich die Unterstützung des Westens sicherte, waren Demokratie und Menschenrechte. Die simbabwische Bevölkerung wollte vor allem einen Wechsel an der Spitze des Landes. Die Partei spielte dabei weniger eine Rolle. Hauptsache: Change!

2008 gelang Tsvangirai ein Wahlsieg in der ersten Runde. Mugabe ertrug die Vorstellung von einem Machtverlust nicht. Auch nach all den Jahren seiner vergeblichen Versuche hielt er sich noch immer für den einzigen Mann, der Simbabwe führen und retten könne. Dieses Ausmaß von Selbsttäuschung, Realitätsverlust und Starrsinn musste irgendwann im Fiasko auch für ihn persönlich enden. Aber noch nicht 2008. Es gelang ihm, Tsvangirai durch Drohungen zur Aufgabe seiner Kandidatur zu bewegen. Bestraft wurde Simbabwe dafür mit einem internationalen Kreditboykott.

Mugabes Familie hatte durch die Selbstbedienung in den Diamantenminen längst genug Geld auf die Seite gebracht, um davon – egal, wie sich die Zukunft des Landes gestaltete – auf Dauer gut leben zu können. Wikileaks veröffentliche eine diplomatische Depesche der USA aus dem Jahr 2001, wonach die Mugabes Multimillionäre seien und über geheime Bankkonten auf den Kanalinseln, den Bahamas und in der Schweiz verfügten; auch von Schlössern in Schottland war die Rede.

Nach der verheerenden Wirtschaftskrise 2008 und einer Phase der Hyperinflation in Höhe von 231 Millionen Prozent (kein Druckfehler!) sah sich die Regierung gezwungen, die eigene Währung aufzugeben und auf den US-Dollar umzusteigen. Auch der südafrikanische Rand wurde als Zahlungsmittel verwendet. Wegen rückläufiger Exporterlöse fehlten dem Land in den folgenden Jahren die Mittel für dringend notwendige Investitionen und Importe. Schuldscheine sind seit 2016 zu einer Art Ersatzwährung geworden, haben das Problem aber nicht lösen können. Die virtuelle Währung Bitcoin erlebte einen starken Aufschwung.

Eine neue Verfassung

Zarte Hoffnung keimte noch einmal 2013 nach der Erarbeitung einer neuen Verfassung auf. Selbst Teile der Opposition räumten ein, diese enthalte deutliche Vorzüge gegenüber dem Lancaster-Abkommen bezüglich der Macht des Präsidenten, der Möglichkeit der Abwahl einer Regierung und der Rechte der Arbeiter. Politikwissenschaftlern wie Ibbo Mandaza ging die neue Verfassung schon damals nicht weit genug. Zuerst müsse Mugabes Ablösung in Würde erfolgen, dann könne an der Vision für ein künftiges Simbabwe gearbeitet werden, sagte er auf einer öffentlichen Veranstaltung in Harare Ende Februar 2013. Erst danach machten auch Wahlen einen Sinn, bei denen sich die Bevölkerung zwischen verschiedenen vorgeschlagenen Wegen für ihr Land und verschiedenen Wirtschaftsmodellen entscheiden könne. Die Verfassung wurde vom Volk am 16. März 2013 angenommen, die Probleme des Landes waren damit erwartungsgemäß nicht gelöst.

Seit den 1970er Jahren unterhielt die ZANU-PF enge Verbindungen zu China, die nach der Unabhängigkeit erfolgreich ausgebaut wurden. Chinas Wirtschaftsmodell galt manchen als Vorbild, wobei übersehen wurde, dass ein Gigant wie China bei wirtschaftlichen und politischen Verhandlungen immer in einer ungleich stärkeren Position ist als Simbabwe mit seinen elf Millionen Einwohnern. China ist der wichtigste Handelspartner Simbabwes geblieben. Beijing gewährte in der Vergangenheit auch Kredite, die Simbabwe Ende der 1990er Jahre im Westen nicht mehr auftreiben konnte. Aber selbst die Chinesen waren zunehmend unzufrieden, ließen sich mit dem einst geschätzten Partner doch kaum mehr gute Geschäfte machen.

Wegen der andauernden Devisenknappheit Simbabwes wurde zuletzt sogar der Import von Obst und Gemüse verboten. Das Land habe selbst beste Voraussetzungen für die Agrarproduktion, hieß es aus dem Landwirtschaftsministerium. Die wenigen vorhandenen Mittel sollten besser in den Kauf von Dünger und Pestiziden investiert werden. Die Entscheidung kam zu spät. Medienberichten zufolge waren zuvor jahrelang etwa 68 Millionen Euro jährlich für den Import von Obst und Gemüse ausgegeben worden.

Seit wann und wie sehr Mugabe physisch und psychisch nicht mehr Herr der von ihm verkündeten Entscheidungen war, ist unklar. Jedenfalls verstand er mit fast 90 Jahren, dass es in nicht allzu ferner Zeit eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger geben müsse. Die Position des Vizepräsidenten erlangte deshalb enorme Bedeutung. 2013 war das Joyce Mujuru, die Witwe von Solomon Mujuru, einem hochrangigen Offizier, der 2011 verstorben war. Sie hatte bereits als Ministerin der Regierung angehört und es auch auf den Posten der Vizechefin in der ZANU-PF geschafft. Nicht nur für die Verfasserin dieser Zeilen deutete vieles darauf hin, dass sie in absehbarer Zeit Präsidentin werden könnte. Es kam anders. Ihr Rivale Emmerson Mnangagwa schaffte es 2014, Mugabe von angeblichen Verschwörungsabsichten Mujurus zu überzeugen, woraufhin sie abgesetzt wurde und Mnangagwa ihren Platz einnahm.

Falsche Hoffnungen

Bei den letzten Präsidentschaftswahlen 2013 hatte die Opposition auf einen Wahlsieg gehofft und auch ihre Förderer im Ausland glauben gemacht, dass sich nun alles ändern werde. Dabei war der Wunsch der Vater des Gedankens. Die Beteiligung an der Regierung hatte die MDC in erster Linie auch nur zum persönlichen Vorteil genutzt. Zur Beschwichtigung der Kritiker im In- und Ausland versprach Mugabe, mit der Opposition einen Dialog aufzunehmen. Es werde aufwärts gehen mit Simbabwe. Doch wieder folgte Repression. Die Misswirtschaft, zum Teil verursacht durch Führungskräfte, die aus der Armee kamen und von Wirtschaftsführung wenig oder gar nichts verstanden, ging weiter. Die Vorstellung, Disziplin und Loyalität würden genügen, war längst ad absurdum geführt worden, aber Mugabe wagte keinen Kurswechsel mehr. Die Militärs sicherten (noch) seine Macht und er ihre Geldquellen.

Aus dem einst relativ wohlhabenden Simbabwe ist eines der ärmsten Länder der Welt geworden: 25 Prozent der Bevölkerung leiden Hunger, mehr als 70 Prozent leben laut Weltbank unter der Armutsgrenze. Und aus dem Missionsschüler Robert Mugabe, dem idealistischen jungen Marxisten mit mehreren Universitätsabschlüssen, dem engagierten Lehrer, dem in vielen afrikanischen Staaten hochgeachteten Vertreter des panafrikanischen Nationalismus, ist zunächst ein ambitionierter Premierminister, ab 1987 dann auch Staatspräsident und später ein gnadenloser Diktator geworden, der sich zudem über Jahre selbst bereichert hat, während das Volk mit immer schlechteren Lebensbedingungen kämpfen musste.

Er war alt geworden, wirkte oft abwesend, und man fragt sich, wie viele seiner sogenannten Entscheidungen er wirklich noch selbst getroffen hat, oft wirkten seine Worte schlecht gesetzt, seine öffentlichen Auftritte waren peinlich. Er hatte den richtigen Zeitpunkt zu gehen verpasst, hat es versäumt, aus der Vielzahl – dank eines in Simbabwe nach Mugabes Reform über viele Jahre funktionierenden Bildungssystems – hochgebildeter junger Bürger eine neue Generation politischer Führer aufzubauen.

Statt dessen unterstützte er zuletzt die absurde Idee seiner Ehefrau Grace, dieselbe zur Vizepräsidentin zu machen. Grace Mugabe, mit der der Präsident zwei Söhne hat, verfügt zwar über keine entsprechende Ausbildung oder politische Erfahrung für ein Amt an der Spitze des Landes und kam hauptsächlich wegen ihrer Konsumsucht als »Gucci Grace« in die Schlagzeilen, hat ihre Möglichkeiten als Ehefrau und First Lady aber clever genutzt, um ihrem greisen Mann eine Vizepräsidentin Grace Mugabe schmackhaft zu machen. Dabei schürte sie sein Misstrauen gegen Mnangagwa, den langjährigen Weggefährten seit dem Befreiungskampf und engen Vertrauten seit 50 Jahren, der im Verlauf dieser Zeit eine ganze Reihe zentraler Positionen im simbabwischen Machtapparat belegt hatte. Am 6. November dieses Jahres folgte der alte Mann den Einflüsterungen und entließ Mnangagwa. Es sollte die letzte Entlassung sein – nach insgesamt ca. 100 Ministern, die Mugabe in den Jahrzehnten seiner Herrschaft hinausgeworfen hatte. Dieses Mal hatte er aus Sicht des Militärs eine rote Linie überschritten, wie die darauffolgenden Wochen gezeigt haben. Seit dem 24. November ist Mnangagwa der neue Präsident Simbabwes.

Christa Schaffmann schrieb an dieser Stelle zuletzt am 28. September 2017 über Nordirland und den »Brexit«. Sie verfolgt die Entwicklung in Simbabwe seit Mitte der 1970er Jahre und hat das Land mehrfach bereist. Von ihr stammen die Broschüre »Simbabwe ist frei« (1980) und der Band »In Simbabwe« (1985 zusammen mit dem Fotografen Eberhard Klöppel).


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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Eugen: Mugabe und die Kirche Mugabe wurde katholisch erzogen und besuchte mehrere Jesuitenschulen (...). Bei katholisch.de wird in einem Artikel berichtet: »Wie ein Priester den Abgang Mugabes organisiert«. Trotz der Expertise de...

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