Aus: Ausgabe vom 04.12.2017, Seite 12 / Thema

Wenn die Klasse kämpft

Vorabdruck. Streikmonitor: Eine Untersuchung der Arbeitskonflikte in der Bundesrepublik im ersten Halbjahr 2017

Von Lea Schneidemesser/Dirk Müller/Juri Kilroy
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Verwilderung. Amazon lehnt den Abschluss eines Tarifvertrags bisher strikt ab und zahlt die Löhne der Logistikbranche, die im Vergleich zu denen des Einzel- und Versandhandels deutlich niedriger liegen (Kundgebung von Amazon-Beschäftigten am 24.11.2017 in Leipzig)

Die genaue Erhebung von Streikdaten ist eine schwierige Angelegenheit. In die amtliche Statistik, die auf Meldungen der Unternehmer (Streikanzeigepflicht) beruht, geht nur ein Teil der Arbeitskämpfe ein. Die sehr viel präziseren Untersuchungen des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts weisen etwa viermal so viele Ausstände aus. Dabei können aber aus erhebungstechnischen Gründen Informationen z. B. über die regionale Verteilung von Streiks sowie deren Anlässe kaum gewonnen werden. Genau diese Lücke zu schließen hat sich das Projekt »Streikmonitor: Standardisierte Erhebung zur langfristigen Erfassung von Streikaktivitäten in Deutschland« vorgenommen. Es ist an der Universität Jena angesiedelt, wird von Stefan Schmalz geleitet und von der Heinz-Jung-Stiftung in Frankfurt am Main gefördert. Das Projekt basiert auf einer systematischen Presseauswertung. Die Ergebnisse werden seit Juni 2016 halbjährlich in Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung publiziert. An dieser Stelle veröffentlichen wir redaktionell gekürzt die Untersuchung der Arbeitskonflikte im ersten Halbjahr 2017, die in voller Länge in Z. 112 (Dezember 2017) abgedruckt ist. Das Heft wird in diesen Tagen ausgeliefert und kann unter www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de bestellt werden. (jW)

In die Datenbank des Streikmonitors wurden von Januar bis Juni 2017 126 Konflikte aufgenommen. Dabei handelte es sich um 14 Flächentarifauseinandersetzungen, die übrigen 112 Konflikte blieben auf einzelne Unternehmen beschränkt. Verschiedene Konflikte wurden etwas intensiver geführt als im Vorjahr. Für 32 Konflikte (25 Prozent) wurden jeweils mindestens drei Streiks verzeichnet. Außergewöhnlich lange und intensive Auseinandersetzungen in einzelnen Unternehmen, wie etwa 2016 beim Leuchtmittelhersteller Zumtobel (Usingen/Hessen) und in den Ameos-Kliniken Osnabrück und Hildesheim, fanden 2017 bisher nicht statt. Als ungewöhnlich lange Auseinandersetzung ist nur der seit 2013 andauernde Konflikt um einen Tarifvertrag beim Onlineversandhändler Amazon zu nennen, der mit 20 Streiks in der Datenbank, teilweise an mehreren Standorten gleichzeitig, der intensivste Konflikt außerhalb der Tarifbewegungen war.

Verdi war an 61 Konflikten beteiligt, die IG Metall an 39, die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) an acht. Die DGB-Gewerkschaften waren insgesamt in 120 Konflikten aktiv. Nach den drei großen Arbeitskämpfen der Spartengewerkschaften bei der Deutschen Bahn 2015 (GDL) sowie den Lufthansa-Piloten und Flugbegleitern 2015 und 2016 (Vereinigung Cockpit/VC, Unabhängige Flugbegleiter-Organisation/UFO) waren diese 2017 bisher in keinen Konflikt involviert. Es fanden jedoch fünf Konflikte ohne gewerkschaftliche Beteiligung statt.

Streikthemen und Streikverteilung

Bei 23 Prozent der Konflikte (29 Fälle) war der Abschluss eines Tarifvertrags das zentrale Thema, entweder als erstmaliger Haustarifvertrag oder als Forderung nach Rückkehr in die Tarifbindung. 9,5 Prozent der Konflikte (zwölf Fälle) wurden um die Anbindung an einen Flächentarifvertrag geführt und in zwölf Prozent der Konflikte (15 Fälle) ging es um die Angleichung von Lohn- und Arbeitsbedingungen an andere Beschäftigungsgruppen, Standorte oder Tarife. Das Thema Arbeitszeit war in acht Prozent der Konflikte präsent, u. a. in Protesten gegen eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit und für eine Abschaffung von Samstagsarbeit (zusammen zehn Fälle). Weitere zwölf Prozent der Konflikte (insgesamt 15 Fälle) wurden im Zusammenhang mit geplanten Betriebsschließungen oder Verlagerungen geführt. Sie fanden zu 80 Prozent im verarbeitenden Gewerbe statt. In 13 Prozent der Konflikte kämpften die Beschäftigten zudem gegen Arbeitsplatzabbau (16 Fälle).

Als Gegenbewegung zur Verdichtung von Arbeit gewann die Forderung nach mehr Personal in den Auseinandersetzungen an Bedeutung. Diese war Gegenstand von vier Konflikten im Gesundheitsbereich und einer Demonstration von Brandenburger Justizbeschäftigten am 9. Februar. Am prominentesten war das Thema Personal in der Verdi-Kampagne für einen Tarifvertrag in den Krankenhäusern des Saarlands vertreten, der eine bessere Personalbemessung für Pflegekräfte sicherstellen soll. Verdi hatte bereits Ende 2016 alle 21 Krankenhäuser im Saarland zu Tarifverhandlungen aufgerufen und dieser Forderung mit zwei größeren klinikübergreifenden Streiks am 23. Januar und 27. März 2017 Nachdruck verliehen. Das Problem ist aufgrund von Rationalisierungsdruck und Arbeitsverdichtung in der Branche äußerst präsent und trägt dazu bei, dass das verletzte Berufsethos der Beschäftigten (Orientierung an Patientenwohl und ausgeprägte Selbstverpflichtung) zur »Mobilisierungsressource« wird. Verdi strebt darum eine landesweite gesetzliche Regelung der Personalbemessung an, eine längere Auseinandersetzung könnte sich also anbahnen.

Im ersten Halbjahr 2017 fanden 31 Prozent der Konflikte in den neuen Bundesländern (ohne Berlin) statt, 56 Prozent in den alten Bundesländern, der Rest der Konflikte in beiden Landesteilen. Da die Beschäftigtenzahlen in Westdeutschland jedoch mehr als viermal so hoch sind wie in Ostdeutschland (ohne Berlin), lässt sich daraus schlussfolgern, dass die ostdeutschen Beschäftigten deutlich öfter in Einzelkonflikte bzw. »Häuserkämpfe« verwickelt waren als ihre westdeutschen Kollegen. Dies ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass die Flächentarifbindung in Ostdeutschland deutlich niedriger ist als im Westen: Sie lag 2016 im Westen bei 51 Prozent, im Osten bei 36 Prozent. Das bevölkerungsreiche Bayern war mit 13 Auseinandersetzungen das Bundesland mit den meisten Nennungen von Konflikten, dicht gefolgt vom großen Nordrhein-Westfalen und von Niedersachsen mit jeweils zwölf Konflikten. Brandenburg und Thüringen waren mit je neun Auseinandersetzungen die ostdeutschen Bundesländer mit der höchsten Zahl.

Die Branche mit den meisten Arbeitskämpfen war der Gesundheitssektor, auf den 21 Prozent der Konflikte entfielen. Von den insgesamt 26 Arbeitskämpfen in diesem Bereich wurden mehr als die Hälfte in Krankenhäusern oder deren ausgelagerten Servicegesellschaften geführt. Der Maschinen- und Fahrzeugbau rutscht für das erste Halbjahr 2017 auf Platz zwei, während er für das Gesamtjahr 2016 noch die meisten Vermerke in der Datenbank aufwies. Trotzdem war mit 17 Prozent sein Anteil an den Konflikten größer als im Vorjahr. Mit 13 Prozent der Auseinandersetzungen erreichte der Sektor Verkehr, Lagerei und Logistik Platz drei. Mindestens sieben dieser Konflikte fanden im öffentlichen Nahverkehr statt, u. a. bei den Berliner Verkehrsbetrieben am 17. Mai. Hessens Busfahrer streikten mehrfach über einen längeren Zeitraum im Januar; die kommunalen Busgesellschaften in Schleswig-Holstein wurden im März ebenfalls bestreikt.

Konflikt mit den Versicherern

Die Umbrüche der Digitalisierung betreffen bei weitem nicht nur die Industrie, sondern sind gerade im Dienstleistungssektor besonders spürbar. Viele Branchen mit qualifizierten Jobs (Versicherungen und Banken, Tourismus, Einzelhandel, etc.) stehen unter Rationalisierungsdruck oder ändern ihr Geschäftsmodell. Die Digitalisierung scheint dabei auch die Arbeitskämpfe deutlich zu verändern.

Das Thema Digitalisierung wurde in den Tarifverhandlungen für die 170.000 Beschäftigten des Versicherungsinnendienstes im Frühjahr 2017 erstmals aufgegriffen. Die Versicherungsindus­trie ist eine der Branchen, in der sich die Arbeitswelt durch neue Technologien am schnellsten und gravierendsten verändert. Viele Tätigkeiten aller Qualifikationsstufen sind bereits auf dem Stand aktueller Entwicklungen automatisierbar. Die Tarifrunde 2017 wurde durch eine Branchenkonferenz zum Thema »Zukunft der Beschäftigung in der Versicherungswirtschaft« und eine Beschäftigtenbefragung vorbereitet. Daran beteiligten sich circa 5.400 Angestellte, für die »Arbeit in der digitalisierten Wirtschaft« ein hoch relevantes Tarifthema war. Die Verdi-Tarifkommission machte diese Frage daraufhin zum Hauptgegenstand der Verhandlungen mit dem Arbeitgeberverband. Zudem wurde eine Lohnerhöhung um 4,5 Prozent gefordert.

Nach drei Verhandlungsrunden, in denen die Versicherer die Forderung nach einer tariflichen Mitgestaltung der Digitalisierung zunächst ignoriert hatten, kam es am 30. August zu einer Einigung. Neben einer Gehaltserhöhung um zwei Prozent für 2017 und 1,7 Prozent für 2018 umfasst diese auch erste Schritte in Richtung eines Zukunftstarifvertrags. Ver.di und die Versicherer haben sich darauf geeinigt, im nächsten Jahr weiter über eine tarifliche Mitgestaltung der Digitalisierung zu verhandeln. 2017 wurden bereits ein neuer Qualifizierungstarifvertrag und die Möglichkeit einer Bildungsteilzeit für berufsbegleitende Weiterqualifizierungen erzielt. Zur Beschäftigungssicherung wurde vereinbart, dass Sonderzahlungen in Freizeit umgewandelt werden können, wenn Personal abgebaut wird, und dass Arbeitszeitverkürzungen zur Vermeidung von Entlassungen mit einem Teillohnausgleich kompensiert werden.

Dieses Resultat wäre ohne Streiks nicht möglich gewesen: Die Tarifverhandlungen wurden nach dem ergebnislosen Abbruch der zweiten Verhandlungsrunde durch landesweite Arbeitsniederlegungen in der Versicherungsbranche begleitet. Diese wurden ausgeweitet, nachdem auch die dritte Runde ergebnislos beendet worden war und Verdi die Gespräche für gescheitert erklärt hatte. So fanden beispielsweise am 16. Juni deutschlandweit Streiks mit insgesamt mehr als 10.000 Teilnehmern in 16 Städten gleichzeitig statt. Die Streikbeteiligung dieser traditionell wenig kämpferischen Beschäftigtengruppe war Verdi zufolge in der Tarifrunde 2017 größer als in den meisten Runden zuvor.

Neben der Versicherungsbranche ist auch die Arbeit im Handel besonders von digitalisierungsbedingten Veränderungen betroffen. Die Automatisierung und Rationalisierung und damit der Wegfall oder die starke Veränderung von Arbeitsplätzen ist für diese Branche jedoch nur eine der durch Digitalisierung bewirkten Veränderungen. Eine zweite Dimension sind die neuen Konkurrenzbedingungen und die Restrukturierung der Branche. Die wohl bedeutsamste Veränderung ist hier neben der Insolvenz zahlreicher namhafter Firmen (Schlecker, Kaiser’s-Tengelmann, zuletzt Toys ’R’ Us u. a.) die Entstehung und das rasante Wachstum des Onlineversandhandels bzw. des E-Commerce-Sektors. 2014 wurden bereits 15 Prozent des gesamten Handelsumsatzes in Deutschland online erwirtschaftet; der Markt wächst Prognosen zufolge bis 2019 um durchschnittlich zwölf Prozent jährlich und ist damit eine der wachstumsstärksten Branchen. 25.000 Beschäftigte arbeiten bereits in diesem Sektor.

Kämpfe in der Handelsbranche

Anders als in der Versicherungsbranche scheint das Thema Digitalisierung im Handel kein Gegenstand von Tarifverhandlungen zu sein. Weder bei den Flächentarifverhandlungen im Einzelhandel noch bei denen für den Groß- und Außenhandel lassen sich entsprechende Forderungen finden. Im Groß- und Außenhandel ging es ausschließlich um eine Gehaltserhöhung von 5,6 Prozent. In der Tarifrunde für den Einzelhandel forderte Verdi Lohnsteigerungen in Höhe von sechs Prozent und ein Mindesteinkommen von 1.900 Euro. Parallel zur Tarifrunde startete die Gewerkschaft eine Kampagne für die Wiederherstellung der Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge, wie es sie bis zum Jahr 2000 gegeben hatte. Die Ergebnisse sind jedoch weniger weitreichend: Verdi setzte in der sechsten Verhandlungsrunde am 27. Juni für den Einzelhandel eine Gehaltserhöhung von 2,3 Prozent für 2017 und weiteren zwei Prozent für 2018 durch. Eine Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge lehnen die Einzelhandelskonzerne größtenteils weiterhin ab. Für den Groß- und Außenhandel konnten in der dritten Verhandlungsrunde am 6. Juni 2,5 Prozent mehr Lohn für 2017 und zwei Prozent mehr Lohn für 2018 erreicht werden. Begleitet waren beide Tarifverhandlungen von zahlreichen landesweiten Warnstreiks.

Zu beobachten ist eine Tendenz zu Tarifflucht (z. B. Karstadt). Zwar konnte Verdi im Einzelhandel 2013 in einer großen Streikauseinandersetzung die Tarifstruktur erfolgreich verteidigen, nachdem zuvor der Handelsverband alle Entgelt- und Manteltarife gekündigt hatte. Doch die Digitalisierung hat die Struktur und Organisation sowie die Arbeitskämpfe dieser Branche deutlich verändert. Dies zeigt der E-Commerce-Sektor besonders deutlich, z. B. bei der Branchenzuordnung der Unternehmen. Amazon und Zalando sind hier Paradebeispiele. Als zwei der größten in Deutschland tätigen E-Commerce Unternehmen definieren sie sich als der Logistikbranche zugehörig und orientieren sich an den dort geltenden niedrigeren Tariflöhnen.

Amazon lehnt den Abschluss eines Tarifvertrags kategorisch ab. Seit 2013 schwelt ein Arbeitskonflikt um die Anerkennung der Gewerkschaft als Verhandlungspartner durch das Unternehmen und den Abschluss eines an den Regeln des Einzel- und Versandhandels orientierten Tarifvertrags. In der Auseinandersetzung geht es um weit mehr als eine bessere Bezahlung: Konfliktfelder wie die rigide Arbeitskontrolle und der hohe Druck in den Vertriebszentren sowie die fehlende Mitbestimmung sind ebenfalls wichtige Themen in dem Arbeitskampf. Die Digitalisierung prägt also die Auseinandersetzung bei Amazon.

Auch im ersten Halbjahr 2017 kam es wieder zu 20 Streiks an sechs der neun Amazon-Standorte, teilweise koordiniert an mehreren Orten gleichzeitig. Wie bereits 2016 waren Leipzig mit zehn Streiks und Bad Hersfeld mit acht die aktivsten Standorte. Es gab außerdem Ausstände in Graben bei Augsburg, Koblenz, Rheinberg (NRW) und Werne (NRW). Nennenswerte Fortschritte in dieser Auseinandersetzung sind auch 2017 bisher nicht zu verzeichnen.

Bei Zalando am Standort Brieselang (Havelland) wurden die Tarifverhandlungen nach am 6. September abgebrochen, da das Unternehmen sich Verdi zufolge kein Stück in Richtung Branchenstandards des Einzelhandels bewegen wollte. Nach einer ergebnislosen ersten Verhandlungsrunde am Standort Brieselang in Brandenburg mit seinen 1.300 Beschäftigten am 13. Juni kam es in der Folgewoche zu zwei Streiks. Auf eine weitere ergebnislose Verhandlungsrunde folge am 1. September ein erneuter Ausstand. Nachdem die Verhandlungen im September gescheitert waren, wurde am 4. Oktober nochmals gestreikt. Brieselang war der erste Zalando-Standort, der 2014 einen Betriebsrat gegründet hatte und an dem Verdi Tarifverhandlungen mit dem Unternehmen aufnahm. Ob diese Auseinandersetzung so langwierig wird wie der Arbeitskampf bei Amazon, muss sich noch zeigen. Einige der Grundprobleme – wie das harte Arbeitsregime des »digitalen Taylorismus« und die Orientierung der Bezahlung an der Logistikbranche – sind jedoch sehr ähnlich. Thomas Voss, der bei Verdi für den Onlinehandel zuständig ist, beschrieb Zalando gegenüber der Taz vom 21.12.2016 als offener für Mitbestimmung im Vergleich zu Amazons kategorischer Ablehnung von Tarifverhandlungen: »Zalando stellt sich nicht offen gegen Mitbestimmung und Gewerkschaften, wie Amazon es tut.« Allerdings hatte Zalando 2014 seine Rechtsform in eine SE, eine europäische Aktiengesellschaft, umgewandelt. Auf diese Weise kann das deutsche Mitbestimmungsrecht umgangen werden, das einen Aufsichtsrat vorsieht, der sich zur Hälfte aus Vertretern der abhängig Beschäftigten zusammensetzt. Für die Rechtsform SE müssen nur ein Drittel der Aufsichtsratsmitglieder Arbeitnehmervertreter sein.

Auch im klassischen Handel wurde außerhalb der großen Verhandlungsrunden gestreikt: bei der Modehauskette Wöhrl, beim Lebensmitteldiscounter Lidl, bei der Baumarktkette Obi und beim »Dänischen Bettenlager«. Bei Wöhrl und Obi ging es um die (Wieder-)Anerkennung der Flächentarifverträge für den Einzelhandel, bei der »Bettenwelt« in Homberg/Efze, einem Logistikzentrum des »Dänischen Bettenlagers«, um die Beschränkung der Leiharbeitsquote auf zehn Prozent und die schnellere Übernahme von Leiharbeitern sowie um einen Standortsicherungstarifvertrag. Beim Lidl-Logistikzentrum in Graben war wie bei Amazon und Zalando die Branchenzuordnung der Streikgrund. Die Mitarbeitergehälter liegen zum Teil um ein Drittel unterhalb des Einzelhandelstarifvertrags, da die Geschäftsführung in Graben sich als Logistikunternehmen definiert und demnach den Tarifvertrag der Logistikbranche anwendet. Während die anderen Einzelkonflikte im Handel weiterbestehen, konnte Verdi bei Lidl ihre Zielsetzung erreichen. Das Unternehmen beschloss, den Tarifvertrag für den Einzelhandel einheitlich für alle 20 regionalen Lagerlogistikzentren anzuerkennen. Auf diese Weise schafft das Unternehmen eine Vereinheitlichung in der Anwendung der Tarifverträge des Einzelhandels für alle Beschäftigten deutschlandweit.

Tarifbindung

Die Konflikte im Handel und im Versicherungsgewerbe zeigen, dass die Digitalisierung zwar beide Branchen stark verändert hat, aber mit der Branchentarifbindung ein klassisches Arbeitskampfthema im Zentrum vieler Konflikte steht. Dabei geht es im Fall des Einzelhandels bzw. Groß- und Außenhandels vor allem um die Bindung an den richtigen Tarif. Denn die Kapitalseite hat die Veränderung der Wertschöpfung ausgenutzt, um den niedrigeren Logistiktarif bei den großen Vertriebszentren von Amazon und Zalando als Messlatte zu etablieren.

Während in der Versicherungsbranche noch 73 Prozent der Beschäftigten vom Branchentarifvertrag erfasst werden, sind es im Einzelhandel nur 30 Prozent und im Großhandel 20 Prozent. Der gesamtwirtschaftliche Durchschnitt liegt bei 46 Prozent. Während im Versicherungsgewerbe eine Mitgestaltung der Digitalisierung in der Tarifrunde 2017 in greifbare Nähe gerückt ist, ist im Handel eine »Verwilderung« der Arbeitskämpfe zu beobachten, die durch die Digitalisierung der Wertschöpfung sogar noch forciert wird.

Denn Unternehmen wie Zalando und Amazon stellen sich oftmals vehement gegen einen Tarifvertrag und lassen sich – wenn überhaupt – erst nach mehreren Streiks auf Gespräche ein. Im Fall von Amazon läuft der Arbeitskampf mittlerweile sogar seit vier Jahren weitgehend außerhalb des Gefüges der dualen Interessenrepräsentation ab: Amazon hebt auf Druck der Streiks hin und wieder die Löhne an und bekämpft rigoros jegliche Versuche zur Bildung von Betriebsräten. Die Digitalisierung stellt die Einzelgewerkschaften des DGB also vor neue Herausforderungen.

Neue Arbeitsformen, neue Kämpfe

Ein erster Konflikt in der deutschen Gig-Economy¹ schafft einen Vorgeschmack, welche Probleme für die Gewerkschaften aus neuen Arbeitsformen im digitalen Zeitalter resultieren. Die Fahrradkuriere der Essensauslieferungsdienste Foodora und Deliveroo in Berlin stellten im Mai 2017 erstmals Forderungen an beide Unternehmen. Eine Fahrraddemo durch Teile Berlins und eine weitere Aktion am 28. Juni, bei der Fahrradschrott vor die Firmenzentrale von Deliveroo gekippt wurde, um auf den Verschleiß und die Reparaturkosten hinzuweisen, für welche die Kuriere bisher selbst aufkommen müssen, verlieh den Forderungen Nachdruck. Die Rider, wie die Kuriere sich selbst nennen – allein in Berlin sind es mittlerweile etwa 1.000 –, werden nach unterschiedlichsten Entlohnungsmodellen bezahlt. Manche sind Freelancer, die einen Stücklohn pro Auslieferung erhalten, andere sind angestellt und werden mit einem Basisstundenlohn von 7,50 Euro bezahlt, manche bekommen zudem eine Zusatzzahlung von ein bis zwei Euro je Lieferung, andere nicht. Dienstanweisungen und Schichtzuteilung erfolgen per App.

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, organisierten sich die Rider jedoch nicht in Verdi oder der NGG, sondern in der FAU, der Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union. Diese führt seit August Gespräche mit Foodora über die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Kuriere. Es geht ihnen vor allem um eine Übernahme der Kosten für die Arbeitsmittel – Fahrrad und Smartphone –, um eine Lohnerhöhung und um mehr Transparenz bei Schichtvergabe und Bezahlung. Eine Verschleißpauschale wurde von Foodora bereits zugesagt, deren Höhe und weitere Zugeständnisse werden noch verhandelt. Die Zergliederung der Tariflandschaft, neue Formen der Arbeitsorganisation und die Schwäche der gewerkschaftlichen Organisationsmacht in der digitalen Wirtschaft können somit dazu beitragen, dass in Einzelkonflikten neue (gewerkschaftliche) Akteure aktiv werden – gerade wenn es sich um junge Beschäftigte handelt, die alternative Wege der Organisierung suchen.

Ähnliche Prozesse lassen sich auch in anderen europäischen Städten beobachten, in denen Fahrradkuriere von Foodora und Deliveroo bereits gestreikt haben. Die Organisierung der Kuriere fand in Turin größtenteils ohne Gewerkschaften statt. Hier war die Basisgewerkschaft SI Cobas zwar kurzzeitig aktiv, aber Foodora erkannte sie nicht als Vertretung der Rider an. In Großbritannien wiederum hat sich mit der Independent Workers Union of Great Britain (IWGB) eine autonome Gewerkschaft gebildet, die die Deliveroo-Rider vertritt. Die Beispiele mögen zwar Einzelfälle sein, auch kann durchaus diskutiert werden, inwiefern diese ersten Arbeitskämpfe in der Gig-Economy erfolgreich waren. Sie zeigen aber, dass in der digitalen Wirtschaft mit »Work on Demand«, flexibler Bezahlung jenseits des Tarifsystems und neuen Formen der digitalen Soloselbständigkeit auch neue dezentral geführte Arbeitskkämpfe entstehen könnten.

Anmerkung

1 Unter gig (aus dem Engl. »kleine Arbeit, Nebenjob«) versteht man die Arbeitsleistung auf Nachfrage (aus dem Engl. »on demand«).

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