Aus: Ausgabe vom 02.12.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Zweierlei Untergangsfachleute

Von Arnold Schölzel

Einigen in den höheren deutschen Etagen dämmert, wie explosiv die internationale Lage ist. Unter dem Titel »Eine andere Ostpolitik« schreibt z. B. der Historiker, frühere außenpolitische Berater von Helmut Kohl und Chefkorrespondent der Welt und der Welt am Sonntag, Michael Stürmer, am 28. November in der Welt: »Heute kann man, wenn die Mikrofone abgeschaltet sind, erfahrene amerikanische und russische Diplomaten mit der Ansicht hören, die Welt sei seit der Doppelkrise um Berlin und Kuba – 1958 bis 1962 – dem Krieg und der Katastrophe nicht mehr so nahe gekommen wie in unseren Tagen.« Die Konfrontation von USA und UdSSR habe damals ihren ersten Höhepunkt erreicht, »nukleare Proliferation in alle Richtungen und in allen Größenordnungen« gedroht. US-Präsident John F. Kennedy habe deswegen »die schmerzhafte Überprüfung aller scheinbar unverrückbaren strategischen Glaubenswahrheiten« verlangt. Das sei Vorarbeit für die Ost-West-Abkommen zur Rüstungskontrolle gewesen, »die lange gehalten haben, aber jetzt nicht mehr taugen«. Letzteres erläutert Stürmer nicht, nennt aber wenigstens eine Tatsache: Es war US-Präsident George W. Bush, nicht Wladimir Putin, der das Raketenabwehrabkommen 2003 kündigte.

Das hat wahrscheinlich demnächst üble Folgen. Ende 2018 soll auf der Militärbasis Redzikowo beim polnischen Slupsk eine US-Raketenabwehranlage in Betrieb gehen. Die Vorbereitungen kommen voran, wie am Montag der örtlichen Presse zu entnehmen war. Der Traum der USA und ihrer Verbündeten, über eine atomare Erstschlagkapazität gegen die Sowjetunion beziehungsweise Russland zu verfügen, ohne einen vernichtenden Gegenschlag fürchten zu müssen, käme mit dieser Stationierung – wenige hundert Kilometer vom russischen Kaliningrad entfernt – seiner Erfüllung nahe. Noch mehr Konfrontation und Weltkriegsgefahr geht kaum.

Stürmer erwähnt diese bevorstehende Eskalation nicht, hebt aber hervor, wie wichtig es sei, wieder Regeln für die »Zukunftstechnologien der Raketenabwehr« zu haben. Ein militärischer Ansatz reiche aber für »Vertrauen und Verlässlichkeit« nicht aus, er plädiert vielmehr »für eine grundlegende Überprüfung« der NATO und »für eine neue Ostpolitik, sprich: ein anderes Verhältnis zu Russland«. Henry Kissinger mahne seit langem: »Dämonisierung des Kreml-Herrn reicht als Ersatz einer tragfähigen Politik nicht aus«. Deutschland, so Stürmer, könne keine »Führungs- und Vermittlerrolle« spielen, habe aber »ein existentielles Interesse, die neuen Militärtechnologien zu bändigen, bevor sie die Welt entzünden«.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Bis auf eines: Man kann alles ähnlich wie Stürmer sehen, aber auch schlussfolgern: »Frieden schaffen mit immer mehr Waffen«. Beispiel: Ein Gastbeitrag des Vorsitzenden der Münchner Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger und des Kuratoriumsvorsitzenden der Hertie School of Governance in Berlin, Frank Mattern, in der FAZ am 30. November. Unter der Überschrift »Jetzt oder nie: Fähige europäische Streitkräfte« stimmen sie die Hymne aller Rüstungslobbyisten an: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht gefährlich. Denn »Europas Streitkräfte« seien zwar »ausgezehrt«, aber die wachsenden »Verteidigungshaushalte« böten »nun die große Chance, weitere europäische Schritte zu gehen, um Europas Streitkräfte für die Zukunft zu rüsten und langfristig effektiver und effizienter zu organisieren«.

Wo der Untergang winkt, finden sich seit mehr als 100 Jahren stets deutsche »Verteidigungs«fachleute, die auf dem jeweiligen Weg zum Platz an der Sonne »große Chancen« wittern. Falls es ein Hinterher gibt, nennen sie das »Schlafwandeln« in den Krieg. Ob die Stürmer oder die Ischinger/Mattern diesmal die Oberhand behalten, ist offen.

Wo der Untergang winkt, finden sich seit mehr als 100 Jahren stets deutsche »Verteidigungs«fachleute, die auf dem jeweiligen Weg zum Platz an der Sonne »große Chancen« wittern. Falls es ein Hinterher gibt, nennen sie das »Schlafwandeln« in den Krieg.

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