Aus: Ausgabe vom 02.12.2017, Seite 12 / Thema

Die Jahre des Kerns

Der Kürbiskern ist heute fast vergessen. Dabei war die von 1965 bis 1987 erschienene Zeitschrift zur Zeit des Kalten Krieges ein wichtiges Medium der Linken und eine seltene Klammer zwischen Ost und West – eine Erinnerung

Von Sven Gringmuth
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Der Schriftsteller Christian Geissler war von Beginn an Mitherausgeber des Kürbiskern – 1969 ging er von Bord, die Redaktion hatte sich über das Eingreifen der UdSSR in der Tschechoslowakei zerstritten (Aufnahme von Ende der 1960er Jahre)

Am 19. Juli 1978 schrieb Siegfried Unseld an Peter Weiss: »Lieber Peter, du hast dem Kürbiskern die Genehmigung gegeben, einen Text aus dem zweiten Band der ›Ästhetik des Widerstands‹ abzudrucken. Zunächst muss ich festhalten, dass wir davon nicht informiert wurden, und ich meine doch, dass eine Information das Mindeste gewesen wäre. Ich bin ohnehin gegen diese miese Zeitschrift (…), ich persönlich lege gar keinen Wert darauf, dass im Kürbiskern der Name Suhrkamp genannt wird.« Die Antwort erreichte den Suhrkamp-Verleger sechs Tage später. Weiss reagierte sachlich und knapp: »Übrigens nur: Von allen deutschsprachigen Zeitschriften ist Kürbiskern tatsächlich die einzige gewesen, die sich am ausführlichsten und positivsten mit dem ersten Band des Romans auseinandergesetzt hat.« Nachdem Weiss in der Zwischenzeit mit Friedrich Hitzer, einem Mitherausgeber der Zeitschrift, verhandelt hatte und dieser versprach, einen Hinweis auf den Suhrkamp-Verlag im nächsten Heft nachzuholen, bat er Unseld zusätzlich um ein »Leseexemplar« für Hitzer. Da platzte dem Verleger der Kragen: »Es wäre eine Katastrophe, auch für Dich und Deine Wirkung hier, wenn in dieser Zeitung die erste Besprechung erschiene! Die Zeitschrift erhält ein Leseexemplar, wenn wir Leseexemplare auch an andere Organe schicken können«, hieß es am 8. August 1978 mehr als gereizt aus dem Suhrkamp-Haus.¹

Hier griff ein Verleger hart durch und wies einen seiner Erfolgsautoren in die Schranken. Aber weshalb eine solch vehemente Reaktion? Was war der Kürbiskern? Der notorisch-verbissene Antikommunist Wilhelm Mensing raunte in seinem großangelegten Versuch, die Kulturarbeit der damaligen Deutschen Kommunistischen Partei als »Maulwurfsarbeit« zur Unterhöhlung der Demokratie und Vorbereitung der Diktatur des Proletariats zu enttarnen: »Die Literaturzeitschrift Kürbiskern dient seit jeher den Kommunisten dazu, literarische Kreise zu beeinflussen.«²

Antielitärer Gegenentwurf

In der DDR urteilte man freilich anders. Die Germanistin Ursula Reinhold schrieb in ihrer äußerst verdienstvollen zweibändigen Kürbiskern-Anthologie, die Zeitschrift stelle »den Zusammenhang von Gesellschaft, Politik und Kultur in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen, versteht sich seit ihrer Gründung als ein Gegenentwurf zu bürgerlichen Literaturzeitschriften, die schwer verständliche Texte über Literatur drucken, die elitären Vorstellungen einer Literatur für Literaten huldigen und sich den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen gegenüber abstinent verhalten«.³

Das zweifelsohne besondere Moment an der Konzeption des Kürbiskern war seine Ausrichtung auf die literarische Szene in Ost und West. Von Beginn an wurden Autoren, Entwicklungen, Produktionsbedingungen in beiden deutschen Staaten in den Blick genommen. In einer Zeit, in der für die Masse der bürgerlichen und linksliberalen deutschen Blätter die Kultur an der Elbe endete, entwickelte die Zeitschrift ein feines Gespür für synchrone Themen und Tendenzen. Dieses besondere Markenzeichen – Texte aus Ost und West zu drucken – sollte der Kürbiskern zeit seines Erscheinens nie aufgeben. Was unter dieser Schwerpunktsetzung litt, ist freilich ebenso erwähnenswert – die Betrachtung internationaler Entwicklungen. Auch die Sonderausgaben über »Sowjetische Kultur heute« oder den Putsch in Chile konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Kürbiskern – gerade im Vergleich mit Hans Magnus Enzensbergers Kursbuch – doch eine sehr deutsche Angelegenheit war, was sich in den Schwerpunkten und Leitthemen auch immer wieder niederschlug: »Kultur und Nation – 25 Jahre BRD«, »Heimat und Revolution« usw. Die Kürbiskern-Redaktion war auch nie erpicht darauf, experimentelle Literatur in die Auswahl hereinzunehmen. Die abgedruckten Texte verschreckten die typische Nutzerin der Ausleihstelle der evangelischen Dorfbücherei nicht. Gesellschaftskritik: Ja. Aber artig formuliert – konventionelles, traditionelles Erzählen sollte es eben sein.

Wie kam es zur Gründung? Friedrich Hitzer erinnerte sich 1975 in der Jubiläumsausgabe »Produktive Erfahrungen – zehn Jahre Kürbiskern« an den Beginn und zeichnete zugleich die Leitlinien der Zeitschrift nach: »Der erste Kürbiskern erschien in einer Situation – September 1965 –, als sich erstmals Risse im Bild des BRD-Wirtschaftswunders zeigten. (…) Er knüpfte an all die Traditionen und Tatsachen der Gegenwart an, die es nach herrschender Les- und Denkart nicht geben durfte. (…) Und inmitten der ›heimatlosen Linken‹ beharren wir darauf: Der Intelligenz sind Aufgaben gestellt, die nur an der Seite der Arbeiterklasse gelöst werden können. Auch hierzulande ist die Arbeiterklasse das Subjekt der Geschichte in unserer Epoche, auch wenn deren Bewusstsein und Selbstbewusstsein noch gering entwickelt sind und sie von der Bourgeoisie nach wie vor als Objekt behandelt werden kann. (…) Ein Ausgangspunkt für die Konzeption des Kürbiskern war auch die Erfahrung mit dem offiziell-liberalen Feuilletonbetrieb, der Literatur zu eng begriff und den Lesestoff der Massen ausklammerte. (…) Herausgeber und Redakteure des Kürbiskern lernten auch durch Anschauung und Praxis. Sie organisierten sich in der Gewerkschaft, als es noch wenig gewerkschaftlich organisierte Intellektuelle gab. (…) Vor zehn Jahren war es für einen Autor, der keinen Namen hatte, schwer, in einer Zeitschrift zu veröffentlichen. Wir stellten eine Plattform für junge Talente wie für prominente Schriftsteller zur Verfügung.«⁴

1965 – Keimung

Von Beginn an war Martin Walser involviert. Er war es auch, der den entscheidenden Vorschlag Yaak Karsunkes unterstützte, der schließlich zum gewöhnungsbedürftigen Titel führte. Hitzer: »Titelsuche unter Literaten ist eine Nervensache, und zur Beruhigung und Auflockerung hatte jeder einen Witz auf Lager, Karsunke zum Beispiel (…): ›Mir is dat ejal, wie dat heißt; muss sich verkofen, soll es auch ›Kürbiskern‹ heißen‹. Walser verschluckte fast den Wein: ›Kerle! Des isch es – ein harter Kern in einem riesigen Wasserkopf!‹. Mir fiel vor lauter Begeisterung nur noch ein: ›Gedeiht besonders gut auf Misthaufen!‹ Wir beschlossen: Eine philologische oder politische Erklärung des Namens kommt nie in Frage«.⁵ Damit war der Titel beschlossene Sache und bis zur Einstellung der Zeitschrift, im Jahr 1987, nicht verhandelbar. Mit Walser war der redaktionelle Stab komplett.

Das erste Heft, noch ohne ein verbindliches Leitthema auf dem Cover, hatte dennoch insgeheim eines und zeigte gleich, dass die Zeitschrift eine im deutschsprachigen Raum bis dato einzigartige Unternehmung war: Die »gespaltene deutsche Literatur« (so auch der Titel eines längeren Beitrags von Yaak Karsunke) stand auf dem Prüfstand: »Haben wir noch eine gemeinsame Sprache?« Diese Frage war auch der Titel des Internationalen Schriftstellertreffens in Weimar 1965 gewesen. Hier stellte die Kürbiskern-Mannschaft ihr gewagtes Projekt einer deutsch-deutschen progressiven Literaturzeitschrift der interessierten Öffentlichkeit vor. Günter Grass reiste beleidigt ab (niemand beachtete ihn weiter), und Pablo Neruda war so begeistert, dass er der Redaktion gleich eines seiner Gedichte für die erste Ausgabe vermachte: »Abschiede«. Es geht darin um Häutungen, Wechsel der Existenzen, das gute Gefühl, ohne Heimat zu sein, allen Sprachen zugleich zu gehören – »Ich fand an der Erde, der ganzen Erde Gefallen«. So sollte es sein, das war der Plan. Grenzüberschreitendes Denken, geistiger Kompass für die heimatlose BRD-Linke sein – und so stand es denn auch auf der ersten Seite der ersten Ausgabe als Widmung und Geleitwort zugleich.

Was aber könnte ost- und westdeutsche Literatur einen? Die Suche nach einer Sprache jenseits bloßer Spracherkundungen und Selbstbespiegelungen. »Über allen Dingen ist die Sprache über die Sprache. Verbergen diese Gespräche nicht beschreibbare Sachen?« fragte Friedrich Hitzer (West) in einem öffentlichen Briefwechsel Werner Bräunig (Ost). Auch Karsunke sah keine Basis für das Postulat von der »gespaltenen Literatur«, im Gegenteil! »Die Frage nach dem Realismus, (…) im Gegensatz zu Gottfried Benns stilistischer Apfelsine« stellte sich in beiden Deutschlands zugleich. Und letztendlich konstatierte er, dass es hüben wie drüben »Aufgabe der Literatur ist und bleibt, sich mit dem Zustand und der Veränderung dieser Gesellschaft zu befassen: nicht zuletzt im Interesse dieser Literatur selbst«. Jakob Mader sah in seinem Text »Parabase auf einen traumatischen Zustand« als erste Aufgabe auf diesem Wege die Überwindung »der Isolation der Intelligenz von der Masse der Arbeiter und Angestellten«. Sie soll heraus aus dem »einsamen Kämmerlein«. Keimzeit also.⁶

1969 – Kernspaltung

Die erste Nummer des Jahres 1969 brachte die bereits seit längerem schwelenden Konflikte in der Redaktion an die Öffentlichkeit. In gleich zwei Fragen war sie heillos zerstritten, und es bildeten sich dabei allmählich auch zwei Parteien heraus. Christian Geissler und Yaak Karsunke verurteilten die sowjetische Intervention in Prag vom August 1968 eindeutig als »Okkupation«, und beide standen der Gründung der DKP und deren Teilnahme an Wahlen mehr als skeptisch gegenüber. Christian Geissler veröffentlichte den polemischen Text »Anstelle eines Berichts aus Prag«. Darin hieß es: »In Moskau und Ostberlin sind inzwischen Gefängnisstrafen verhängt worden, gegen Kommunisten, die den jüngsten Klassenverrat nicht nur nicht mitmachen, sondern öffentlich bekämpfen. (…) Ein Mitglied der Kürbiskern-Redaktion, Hannes Stütz, ist Gründungsmitglied der Deutschen Kommunistischen Partei. Dies Partei hat auf sehr eindeutige Weise erklärt, dass und warum sie freundschaftlich mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands verbunden ist. Ich schlage der Redaktion vor zu beschließen, (…) Hannes Stütz zu beauftragen, die Protokolle der Gerichtsverhandlungen gegen die betreffenden Kommunisten zu beschaffen zwecks Veröffentlichung im Kürbiskern. Wir dürfen, meine ich, bei diesem Beschluss davon ausgehen, dass das Gericht eines sozialistischen Landes vor den Sozialisten im Nachbarland nichts zu verbergen hat (und erst recht nichts zu verbergen hat vor der westdeutschen Arbeiterklasse, die uns ja mal nach diesen Gerichtsverhandlungen fragen könnte).«⁷

Friedrich Hitzer antwortete in einem langatmig-analytischen Text – »Imperialistische Strategie und die Ereignisse in der CSSR«: »Die Führung des Staates, der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei und ein großer Teil der Tschechen und Slowaken hatten die Gefahren des Imperialismus nicht mehr ernst genommen. Solange sie dies nicht einsehen wollen, können sie nicht begreifen, dass das militärische Vorgehen (…) die sozialistischen Reformen in der CSSR schützte. Im übrigen gibt es für mich keinen Zweifel, dass der Imperialismus die geringste Veränderung des Kräfteverhältnisses zu Ungunsten des sozialistischen Staatenverbandes irgendwann zu einem Abenteuer benutzt hätte – und wohin ein europäisches Vietnam führen würde, ist nicht auszudenken«. Wenige Seiten später erteilte Yaak Karsunke dem Gedanken einer »Großen APO-Koalition« bei den Parlamentswahlen eine Abfuhr, direkt darauf antwortet Hannes Stütz in »Wählen oder Nichtwählen?«: »Mir scheint, es gibt kein überzeugendes Argument gegen eine Beteiligung an den Bundestagswahlen 1969.«⁸

Immerhin, die Auseinandersetzungen wurden öffentlich geführt, es wurde diskutiert und: »Wir können von Glück sagen (…), dass im Kürbiskern, wie man sieht, die marxistische Auseinandersetzung heute noch hart geführt werden kann«, attestierte Geissler. Dennoch stand auf der letzten Seite der Ausgabe eine Erklärung: Christian Geissler und Yaak Karsunke schieden »aufgrund prinzipieller politischer Meinungsverschiedenheiten« als Mitherausgeber aus. Und die Spaltung an den Fragen Prag und DKP blieb ein beherrschendes Thema.⁹ Nur drei Jahre nach diesen Auseinandersetzungen schrieb Martin Walser an den in der Redaktion verbliebenen Hitzer: »Aber warum kann ich im Aufsatz nicht ausdrücken: Wählt DKP! Weil die DKP sich von den Prager Prozessen nicht distanziert hat. Ich habe ab 65 wegen Vietnam nicht mehr für die SPD sein können, weil Brandt sich nicht distanzierte. Bitte sag das denen in der DKP, die es hören müssen. Ohne Bemühung um Selbständigkeit wird die DKP nichts werden. Wer das nicht glaubt und sieht, der wirkt parteischädigend!«¹⁰

1975 – In voller Pracht

Ein Jahr, vier Kürbiskerne: »Science Fiction – Soziale Utopie«, »Literatur des Widerstands – Programme der Befreiung«, »Heimat und Revolution« und schließlich die Jubiläumsausgabe »Zehn Jahre Kürbiskern – Produktive Erfahrungen«. Und die Namen der Autorinnen und Autoren dieser Ausgaben würden noch heute jedem Lesebuch für die Oberstufe zur Ehre gereichen: Günter Herburger, Uwe Timm, Erich Fried, Klaus Mann, Johannes R. Becher, Alfred Andersch, Martin Walser, Max von der Grün, Dieter Süverkrüp, Anna Seghers, Peter und Etty Gingold, Volker Braun, Franz Xaver Kroetz, Angela Davis, Lew Wladimorowitsch Ginsburg und Erika Runge – um nur einige wenige zu nennen. »Mit Beginn der siebziger Jahre bezieht die Zeitschrift verstärkt die historischen Erfahrungen der politischen und theoretischen Kämpfe der Arbeiterbewegung ein, um aus ihnen für die gegenwärtige Entwicklung Schlussfolgerungen zu ziehen«, schreibt Ursula Reinhold.¹¹ Damit ist eine wichtige konzeptionelle Leitlinie und Konstante des Kürbiskerns in den 1970er Jahren beschrieben. Zu Beginn des Jahrzehnts tauchte zudem ein Gespenst im bürgerlichen Feuilleton auf: die (angeblich in allen gesellschaftlichen Bereichen gegenwärtige) Krise. Der Literaturmarkt in der Krise? Die Zeitschrift konnte dies (noch) weit von sich weisen. Im Editorial der Jubiläumsausgabe stellte Hitzer unbesorgt fest: »Wir kennen keine Krise (…). Kürbiskern ist inzwischen die auflagenstärkste Literaturzeitschrift unseres Landes (bis zu 10.000 Exemplare pro Heft). Kürbiskern ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Literaturentwicklung der Bundesrepublik Deutschland geworden.«¹² Dennoch kannte man Sorgen und Ängste – und die blieben stets die gleichen: Wer liest so etwas denn nun eigentlich? Wer nimmt das Heft überhaupt zur Kenntnis? Was bringt die literarische Arbeit für den Klassenkampf am Ende des Tages ein? Ursula Reinhold urteilte 1977 für die Ostleser gelassen: »Um keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen: Der Kürbiskern hat kein Massenpublikum (…). Er wendet sich an Kulturschaffende, Lehrer, Wissenschaftler, Kulturfunktionäre.«¹³

Max von der Grün zeichnete in seinen »Erfahrungen von unterwegs« 1975 ein anschauliches Bild der Diskussionen bei seinen Lesereisen: »Es ist ein großer Unterschied, ob man vor akademischem Publikum liest und diskutiert oder vor literarisch gebildeten Hörern oder vor einem Auditorium, das sich aus Arbeitern, Angestellten und Hausfrauen zusammensetzt. Selbstverständlich sind da auch die immer wiederkehrenden Fragen nicht auszurotten: Warum schreiben Sie? Für wen schreiben Sie? Wenn Sie nicht wissen, ob Sie von Arbeitern gelesen werden, warum schreiben Sie dann eigentlich? (…) Lese ich vor Arbeitern und Angestellten, insbesondere in Gewerkschaftsschulen, dann bewegt sich die Diskussion primär um Sachfragen, um politische, wirtschaftliche, arbeitsrechtliche Fragen (…). Literatur wird zum Vehikel für anstehende politische Probleme.« Sein Fazit könnte das Programm des Kürbiskerns jener Jahre gewesen sein: »Zu Lesungen gehen und diskutieren ist ein mühsames Geschäft, ein hartes. Immer wieder rennt man an Mauern des Unwissens, an Zäune der Vorurteile, der Bequemlichkeit. Und man weiß nie, ob die Investitionen, die man durch seine Literatur und seinen persönlichen Einsatz einbrachte, sich amortisieren werden, um hier einmal kaufmännisch zu sprechen. Aber das darf keine Frage sein. Man muss weitermachen, solange Zeit und körperliche Kondition es erlauben.«¹⁴ Sein Kollege Joachim Hoßfeld war da optimistischer, er wollte, nach wie vor, »die verdammte Vereinzelung« überwinden: »Wir müssen mit den Texten hinaus auf die Straße, auf die Plätze, und glaubhaft für die Leute eintreten, die vom offiziellen Kulturkonsum ausgeschlossen sind. Gerade für diese Mehrheit wäre im Lande genug Möglichkeit. (…) Die Abhängigen, die unterbezahlten Werktätigen könnten bald eine Gegenöffentlichkeit, unsere Öffentlichkeit bilden. Ich bin optimistisch, wenn ich an die Schüler denke!« Und Klaus Konjetzky äußerte im Gespräch mit Peter Fuchs noch ganz selbstverständlich: »Ich komme ganz natürlich zum Sozialismus. Ich komme dazu wie all die Tausende, die täglich überall in der noch kapitalistischen Welt erkennen, die andere Seite hat abgewirtschaftet.«¹⁵

Wenig später, mit dem »Deutschen Herbst« 1977, war das »rote Jahrzehnt« der Bundesrepublik – ihre literarisch sicherlich beste Zeit – dahin, und es begannen die bleiernen 80er Jahre. Von Aufbruch, halb geträumter und halb erlebter zweiter Vormärz-Zeit, war keine Spur mehr zu finden. Nun kam die »geistig-moralische Wende«, Arbeitslosigkeit griff um sich und »No Future«-Parolen kamen auf.

1987 – Entkernung

Das Ende der bis dahin bedeutendsten politischen Literaturzeitschrift Deutschlands begann recht unspektakulär – mit sehr grundsätzlich gehaltenen Überlegungen des Mitherausgebers Klaus Konjetzky zum Verhältnis von Literatur und gesellschaftlicher Intervention. In »Fragen eines lesenden Herausgebers« schrieb er 1987: »Eine Zeitschrift muss immer wieder begründet und bestätigt werden – durch die Leser (…). Ist die Begründung, die in diesem Falle zur ersten Nummer des Kürbiskern führte, heute vielleicht nur noch eine linke Sentimentalität? Eine Illusion? Wer, außer den in den jeweiligen Heften abgedruckten Autoren, wartet denn heute eigentlich noch auf die viermal 160 Seiten? Wer braucht so etwas? (…) Zeigt sich angesichts des heutigen Zustands der Welt nicht gerade das Versagen nicht nur der Literatur, sondern der ganzen Kunst und Kultur? Was bedeutet denn noch ein abgedrucktes Gedicht auf dem Hintergrund einer globalen Bedrohung?« Freilich, Tschernobyl saß Konjetzky noch »in den Knochen«: »Mich verlässt die Angst (…) nicht mehr. Wem will ich da mit einem Essay über Börne kommen? Den über zwei Millionen Arbeitslosen? Den neuen Analphabeten? Jenen, die durch das soziale Netz gefallen sind? Im Januar steht eine Bundestagswahl an. Hat die Entscheidung, die uns dort abverlangt wird, irgendwas mit Kultur zu tun? Mit Kunst, mit Poesie gar? Das ist nur schwer zu sehen. Wenn so ein Zusammenhang aber kaum zu sehen ist, warum dann festhalten an einem Anspruch, der ja in der Geschichte nie durch ein direktes Erfolgserlebnis bestätigt worden ist?«¹⁶

Unter den Entgegnungen ragt eine heraus, der Text »Reminiszenzen zu den Fragen eines lesenden Herausgebers« von Erasmus Schöfer. Schöfer zitiert Enzensberger, Weiss und am Ende ein eigenes Gedicht »Nachricht von Sysiphos«, das den steten Tropfen, das Dennoch!, den Fortschritt und seine krummen Wege beschwört: »Gewisse Erleichterung deutlich / Der Fels nutzt sich ab, ist tragbar geworden / Rollt nicht mehr bis ins Tal / Öfter finde ich ihn auf halber Höhe des Bergs / Steigt sich besser jetzt, kann ausschaun / Bei klarer Sicht Ausblick ins Jahrtausend / da ich den Stein zum Gipfel trage und er / vom Wind erfaßt, als Staubkorn davonfliegt«. Schöfer schloss: »Ein Telegramm aus der Geschichte – geträumt? Gewusst? Erhofft? – für meine Kinder, in die Angst der Welt. (…) Also schreibe ich und lebe, ums Erkennen, ums Fortschreiten, ums Überleben. Mit einer verzweifelten, realistischen, kämpfenden Hoffnung.«¹⁷

Im dritten Heft von 1987 gab Konjetzky dann überraschend das Ende der Zeitschrift bekannt: »Ich hatte die Frage ›wem will ich eigentlich noch mit einem Essay über Börne kommen‹ noch gar nicht zu Ende gedacht, da kam schon eine klare Antwort der Verlagsleitung: Uns nicht! Uns jedenfalls nicht mehr. Konkret: Der Kürbiskern wird eingestellt, sprich liquidiert (…). Dass Verlage Zeitschriften einstellen oder abstoßen, ist nichts Ungewöhnliches (…). ›Hinter‹ dem Kürbiskern stehen eine Druckerei und ein Verlag (Plambeck & Co, Neuss – S.G.), in denen die politische Orientierung der DKP Einfluss auf die Verlagspraxis hat. Es ist also eine politische Entscheidung, die den Kürbiskern beendet, auch wenn zur Abmilderung dieses Vorgangs buchhalterische Argumente angeführt werden.« Der Mitherausgeber Oskar Neumann und der Verlag dementieren die Vorwürfe sofort – schuld sei allein die schlechte wirtschaftliche Lage, keinesfalls sei es das »hintergründige Walten finsterer DKP-Kräfte«. Die »Schere zwischen Kosten und Einnahmen« sei zu weit auseinandergegangen. Der Verlag schrieb in einem offenen Brief an die Leser: »Wir haben Herausgeber und Redaktion über diese besorgniserregende Entwicklung auf dem laufenden gehalten (…). Allerdings können wir deshalb nicht Mutmaßungen über politische Hintergründe akzeptieren, wie sie Klaus Konjetzky in diesem Heft anstellt.«¹⁸

Gerüchte und Mutmaßungen

Dennoch bleiben die Hintergründe der Einstellung unklar. Gerade Friedrich Hitzer liefert mit seinem Beitrag zur letzten Ausgabe die Steilvorlage zu den bis heute anhaltenden Mutmaßungen rund um das Ende des Periodikums: »Sie haben sich nun dafür entschieden, die Plattform Kürbiskern, die Grundlage unserer Koalition, zu beenden. Ich wiederhole, ich weiß nicht, wer Sie tatsächlich sind. Sie berufen sich auf ein Kollektiv, für mich bestehen Gremien aus Menschen, Menschen haben Namen, wo diese fehlen, beginnen Verdächtigungen und setzt ein Prozess der Demoralisierung ein«.¹⁹ Am Ende blieb die Ratlosigkeit: Wer hat das Projekt warum genau beendet? Wer trägt die Verantwortung? War es doch, indirekt, die Partei (»Die Redaktion war in bestimmten Fragen zu ›brav‹ und hat, als sich die hausgemachten Probleme der Linken, insbesondere die der Kommunisten, zuspitzten und eine kontroverse Diskussion erfordert hätten, affirmativ reagiert«, schrieb Hitzer im selben Artikel), oder waren es bloß »Sachzwänge«? Der Hitzer-Text lässt am Ende beide Erzählungen gelten und schuf so einen Teil der Legende rund um das letzte Kapitel der Zeitschrift.

Das letzte Heft versammelte Nachrufe, alle zwischen Bedauern, Beklemmung und Ratlosigkeit. Bernt Engelmann kommentierte lakonisch: »Lieber Kürbiskern – nun hat man dich also ausgespuckt. So, als gäbe es nichts mehr an dir zu kauen (…)«.²⁰

Dem war und ist nicht so, das zeigen nicht zuletzt die literarisch-gesellschaftlichen Debatten der letzten Jahre. Egal, ob man sich nun die Frage stellt, wer in Deutschland eigentlich Literatur produziert, verlegt, vertreibt, liest und wie der Markt konkret funktioniert oder wieviel der Aufstieg rechter Kräfte mit einer affirmativen und selbstverliebten Kultur zu tun hat – man kann viel (nicht nur Historisches) darüber im Kürbiskern erfahren. Und ganz davon abgesehen, funktioniert die Zeitschrift natürlich wunderbar als ein Gegengeschichtsbuch – als eine andere Historiographie der alten Bundesrepublik, als Geschichte »von unten«. Auch dies macht die Relektüre zu einer mehr als spannenden Angelegenheit.

Anmerkungen:

1 Siegfried Unseld/Peter Weiss: Der Briefwechsel, hg. v. Rainer Gerlach, Frankfurt am Main 2007, S. 971–975

2 Wilhelm Mensing: Maulwürfe im Kulturbeet. DKP-Einfluss in Presse, Literatur und Kunst. Zürich/Osnabrück, 1983, S. 117

3 Ursula Reinhold (Hg.): Kürbiskerne. Beiträge zu Politik und Kultur in der BRD. Teil 1, Berlin, 1977, S. 9

4 Friedrich Hitzer: Im zweiten Jahrzehnt. In: Kürbiskern (1975), H. 4, S. 6 ff.

5 Ebd., S. 11

6 Friedrich Hitzer/Werner Bräunig: Briefwechsel, die neueste Literatur betreffend. In: Kürbiskern (1965), H. 1, S. 117; Yaak Karsunke: Gespaltene deutsche Literatur, ebd., S. 110 u. 116 u. Jakob Mader: Parabase auf einen traumatischen Zustand, ebd., S. 151 f.

7 Christian Geissler: Anstelle eines Berichtes aus Prag. In: Kürbiskern (1969), H. 1., S. 83 f.

8 Friedrich Hitzer: Imperialistische Strategie und die Ereignisse in der CSSR, ebd., S. 138; Yaak Karsunke: Große APO-Koalition?, ebd., S. 191 f. u. Hannes Stütz: Wählen oder Nichtwählen?, ebd., S. 203

9 Christian Geissler, a. a. O., S. 84 u. Christian Geissler/Friedrich Hitzer/Yaak Karsunke/Hannes Stütz/Manfred Vosz: Erklärung, ebd., S. 210

10 Zit. n. Roman Luckscheiter: Wider die »Neueste Stimmung im Westen«. In: Ullrich Ott/Friedrich Pfäfflin (Hg.): Protest! Literatur um 1968. Ausstellungskatalog, Marbach am Neckar 1998, S. 393

11 Reinhold, a. a. O., S. 20

12 Hitzer, a. a.. O., S. 6

13 Reinhold, a. a. O., S. 20

14 Max von der Grün: Erfahrungen von Unterwegs. In: Kürbiskern (1975), H. 3, S. 20 u. 87

15 Joachim Hoßfeld: Lesungen in Oberschwaben, ebd., S. 97 u. Gerd Fuchs: Die Erarbeitung eines Klassenstandpunktes. Aus einem Gespräch mit Klaus Konjetzky. In: Kürbiskern (1975), H. 4, S. 113

16 Klaus Konjetzky: Fragen eines lesenden Herausgebers. In: Kürbiskern (1987), H. 1, S. 15

17 Erasmus Schöfer: Reminiszenzen zu den Fragen des lesenden Herausgebers, ebd., S. 21

18 Klaus Konjetzky: Der lange Abschied. In: Kürbiskern (1987), H. 3, S. 4; Oskar Neumann: Auf Wiedersehn, liebe Leserinnen und Leser, liebe Kolleginnen und Kollegen, ebd., S. 7 f. u. Plambeck & Co. Druck und Verlag GmbH Neuss: Lieber Leserinnen und Leser, ebd., S. 160

19 Friedrich Hitzer: Bruder Hermenegild und der Garten der Tausend Vergißmeinnicht. Eine Erzählung. In: Kürbiskern (1987), H. 4, S. 5

20 Bernt Engelmann: Lieber Kürbiskern (Zum Abschied), ebd., S. 26

Sven Gringmuth ist Literaturwissenschaftler. Er arbeitet an der Universität Siegen und promoviert über die Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik nach 1968.

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