Aus: Ausgabe vom 05.12.2017, Seite 11 / Feuilleton

Her mit den Filzlatschen!

Verdienstvoll und gutgläubig: Gabriele Krone-Schmalz arbeitet auf, wie das Feindbild Russland geschaffen wurde

Von Reinhard Lauterbach
RTR4R9C6.jpg
Mitten im Kalten Krieg: US-Soldaten bei einem NATO-Mannöver in Lettland, im Februar 2015

Gabriele Krone-Schmalz muss man nicht vorstellen. Wie vielleicht nur noch Gerd Ruge hat sie das Russland-Bild der deutschen Fernsehzuschauer als Korrespondentin in der zusammenbrechenden Sowjetunion geprägt. Sie ist auch nach ihrer Tätigkeit im ARD-Studio Moskau dem Thema Russland treu geblieben: als eine Autorin, die quer zu den aktuellen Konjunkturen der Feindbildpflege der deutschen Öffentlichkeit zu stehen kam. Heute gilt sie als »Russland-Versteherin«, als wäre das ein Vorwurf und nicht die Voraussetzung, um sich qualifiziert über dieses Land zu äußern. Auch über die Feststellung, dass Russland heute dämonisiert werde und dass dies gefährlich sei, muss man nicht streiten.

Gabriele Krone-Schmalz hat mit ihrem Buch »Eiszeit« eine Fleißarbeit geleistet, die ihre Schrift noch für lange Zeit zum unentbehrlichen Nachschlagewerk für alle jene machen wird, die sich mit dem Verhältnis zwischen Russland und dem Westen beschäftigen: Sie hat sich – nach Kenntnis des Rezensenten als erste – tatsächlich einmal die Mühe gemacht, das unübersichtliche Konvolut der über Wikileaks an die Öffentlichkeit gelangten US-Geheimdepeschen im Detail durchzuarbeiten. Und was sie an Beispielen diplomatischer Doppelzüngigkeit und verlogener Informationspolitik zutage fördert, sprengt den Rahmen dessen, was man in einer Buchbesprechung referieren könnte. Da hilft nur Nachlesen. Mit einer geradezu bewundernswerten Sachlichkeit entwirrt sie Details von Rüstungskontrollverhandlungen, die auch der halbwegs eingearbeitete Beobachter schon wieder vergessen hat, zumal ja ohnehin nichts dabei herausgekommen ist. Sie zeichnet Schritt um Schritt nach, wie USA und NATO russische Kooperationsangebote ignoriert oder nachträglich desavouiert haben – etwa in der Auseinandersetzung um den amerikanischen »Raketenabwehrschirm«. Der kann – das macht Krone-Schmalz mehr als deutlich – kaum gegen eine Bedrohung aus dem Iran gerichtet sein, die es (zumindest: noch) gar nicht gibt, desto eher aber gegen die russische Zweitschlagskapazität. Wer aber den Zweitschlag des unterstellten Gegners unmöglich machen will, der strebt nach der Fähigkeit zum Erstschlag. Gabriele Krone-Schmalz schildert dies alles minutiös, untermauert mit Hunderten von Quellennachweisen, die der Verlag übrigens, da viele davon aus dem Internet stammen, als separate Datei mit Hyperlinks zum Download anbietet, um die Nachprüfung ihrer Thesen zu erleichtern. Ein ausgesprochen begrüßenswertes Verfahren, das sich andere Verlage zum Vorbild nehmen sollten.

Obwohl Krone-Schmalz über 200 Seiten eine konsequent verfolgte westliche Eskalations- und Ausgrenzungspolitik gegenüber Russland beschreibt, erweckt sie auf den letzten 30 Seiten ihres Buches den Eindruck, das müsse alles gar nicht so sein, nimmt also ihre eigenen Ergebnisse nicht ernst. »Liegt das alles nur an der Paranoia der anderen? Könnte man (…) nicht auch mal auf den Gedanken kommen, am eigenen Verhalten etwas zu ändern?« redet sie der westlichen Politik wie eine Paartherapeutin ins Gewissen. Sie stellt fest, mit welchem Nachdruck sich der Westen gegen Russland positioniert, und fragt, ob das alles wirklich unvermeidbar sei. Selbst der gesunde Menschenverstand muss als Argument herhalten: »Gibt nicht normalerweise der Klügere nach? Wir halten uns doch eindeutig für die Klügeren, die moralisch Überlegenen, oder nicht?«

An dieser Stelle merkt man: Krone-Schmalz bewegt sich nicht aus dem Bezugsrahmen des nationalen »Wir« heraus, sie interpretiert ihn nur anders als der Mainstream. Ihr Vorbild ist eingestandenermaßen die sozialdemokratische Entspannungspolitik der sechziger und siebziger Jahre, die Bahrsche Strategie des »Wandels durch Annäherung«. So ließe sich doch die Demokratisierung Russlands viel besser bewerkstelligen als durch Konfrontation, die – da hat die Autorin wiederum recht – in Russland auch nur Wasser auf die Mühlen der Misstrauischen leite und die inneren Verhältnisse des Landes verhärte. Um das berühmte Wort des DDR-Außenministers Otto Winzer zu variieren: Krone-Schmalz geht es um einen Regime-Change auf Filzlatschen. In der Überzeugung, der Westen habe die Berufung, Russland nach seinen Vorstellungen und Werten umzugestalten, unterscheidet sie sich nicht von dem US-amerikanischen Messianismus. Den kritisiert sie an anderer Stelle als plump und gefährlich, aber eben auch nur als das. Russland einfach in Ruhe zu lassen geht auch für sie nicht.

Gleichwohl: Die Stärke, die diesem Buch nicht zu nehmen ist, ist die Fülle des aufgearbeiteten Materials. Wer noch nicht völlig atlantisierten Verwandten oder Bekannten einen Denkanstoß als Heinesche »Contrebande« unter den Weihnachtsbaum legen möchte, macht mit der Entscheidung für dieses Buch sicher keinen Fehler.

Gabriele Krone-Schmalz: Eiszeit. Wie Russland dämonisiert wird und warum das so gefährlich ist. C. H. Beck, München 2017, 304 Seiten, 16,95 Euro


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Neue Ausgabe vom Montag, 18. Dezember erschienen — jetzt einloggen! Oder abonnieren.
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Eva Ruppert, Bad Homburg: Das weiß jedes Kind Seit bekanntwurde, dass Russland durch das Olympische Komitee von den Olympischen Spielen ausgeschlossen wurde, übertreffen sich die Kommentare in den bundesdeutschen Medien an Häme. (…) Der deutsche ...

Regio:

Mehr aus: Feuilleton