Aus: Ausgabe vom 01.12.2017, Seite 8 / Ansichten

Putins Blitzableiter

Russlands Premier gibt Live-Interview

Von Reinhard Lauterbach
RTS185VL.jpg
Moskau, 22. Juni: Präsident Wladimir Putin (r.) und Regierungschef Dmitri Medwedew bei einer Kranzniederlegung am Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion

Zwischen Präsident und Regierungschef gibt es in Russland eine Arbeitsteilung. Sie entspricht in groben Zügen der zwischen Partei und Regierung in der Sowjetunion. Präsident und Partei sind für die großen Linien zuständig, die Regierung kümmert sich um das Klein-Klein des Alltags. Insofern würde ein Ministerpräsident, der in einer Selbstdarstellungsshow in den drei größten Fernsehsendern des Landes groß auftrumpft, nicht in die Choreographie passen.

Aber auch wenn man das zugesteht, war das, was Dmitri Medwedew am Donnerstag live 100 Minuten lang geboten hat, eine ausgesprochen schwache Show. Defensiv, kleinlaut, verlegen. Das habe es noch nie geben, dass ein niedriger Ölpreis und ausländische Sanktionen zusammengefallen seien, schob er die Verantwortung für eine auch in Russland nicht länger zu verdrängende Verschlechterung des Lebensstandards der breiten Bevölkerung auf äußere Faktoren ab; immerhin sei die Inflation auf den niedrigsten Wert seit der kapitalistischen Restauration des Jahres 1991 gefallen – als könnte sich jemand, der von seinem gekürzten Lohn heute immer weniger kaufen kann, ernstlich daran die Hände wärmen. Zu den von Alexej Nawalny erhobenen Korruptionsvorwürfen gegen sich selbst verweigerte Medwedew jeden Kommentar, um »diesen Gauner nicht wieder ins Gespräch zu bringen«. Mag ja sein, dass Nawalny ein Gauner ist. Aber er hat einen wunden Punkt Medwedews getroffen. Woher weiß der denn, dass jedes seiner möglichen Statements nur Wasser auf Nawalnys Mühlen wäre? Hat er nichts an der Hand, um ihn zu widerlegen? So hört sich das an.

Zur Außenpolitik war es nicht besser: Zu den Vorwürfen gegen »russische Hackerangriffe« erinnerte Medwedew nicht etwa an die nachgewiesenen weltweiten Abhöraktivitäten US-amerikanischer Geheimdienste, sondern er plädierte dafür, dass die IT-Sicherheit doch eigentlich ein Feld internationaler Zusammenarbeit sein sollte. Donald Trump sei »gutwillig und vernünftig«. Windelweich. Da war die Erklärung, er habe nicht vor, bei den Präsidentschaftswahlen des nächsten Jahres anzutreten, wirklich nicht mehr nötig. Wer sollte denn so jemanden wählen? Medwedew wirkte wie die russische Ausgabe des Poolplanschers Rudolf Scharping. Er sei »glücklich« in seinem derzeitigen Amt, sagte er noch. Das klang nach Betteln, es doch bitte im nächsten Jahr behalten zu dürfen.

Es gibt nur eine Erklärung für diese abgeschmackte Veranstaltung: Auch sie war abgesprochen. Medwedew als Blitzableiter, der für die unbestreitbaren sozialen Missstände auf mildernde Umstände plädiert. Der den grauen Hintergrund abgibt, vor dem Wladimir Putins noch nicht offiziell erklärte, aber von allen erwartete Kandidatur für eine vierte Amtszeit ab 2018 strahlender aussehen soll. Und der damit seine Schuldigkeit getan hat.

Jetzt aber Abo!

Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ansichten