Aus: Ausgabe vom 01.12.2017, Seite 8 / Inland

»Glaube und Wissenschaft sind diametral entgegengesetzt«

Kirche beansprucht mehr Raum im Leipziger Hochschulgebäude Paulinum. Dagegen regt sich Widerstand. Gespräch mit Jana Adler

Interview: Gitta Düperthal
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Der Kustos der Universität Leipzig, Rudolf Hiller von Gaertingen, spricht am über die Epitaphien im Andachtsraum des neuen Paulinums der Universität in Leipzig (24. November)

Nachdem sie zunächst das elfte Gebot »Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen« ausgerufen hatten, sehen sich Leipziger Atheisten nun veranlasst, das zwölfte zu verkünden: »Du sollst deine Kirche selbst bezahlen – nicht von Staats- und Hochschulgeldern«. Drängelt sich die Kirche etwa in die Universität Leipzig hinein?

Nach 12 Jahren Bauzeit ist Leipzigs neuer Uni-Campus am Augustusplatz fertig. Mit dem sogenannten Paulinum übergibt der Freistaat Sachsen am Freitag den Nachfolgebau für die 1968 gesprengte alte Paulinerkirche an die Hochschule. Glaube und Wissenschaft sind diametral entgegengesetzt. Am Samstag, wenn das »Paulinum« Bürgern zur Besichtigung offensteht, werden wir davor daran erinnern: Eine öffentliche Hochschule soll nicht mit der Kirche verbunden sein. Am folgenden Abend wird dort jedoch Gottesdienst gefeiert. Wir protestieren gegen die Bezeichnung des Gebäudes als »Universitätskirche St. Pauli«, sowie dagegen, dass es als Kirche genutzt wird. Die Universität und der Freistaat Sachsen sind zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet. Die wird aber mit Füßen getreten, wenn die Universität ihre Räume für christliche Gottesdienste zur Verfügung stellt, obgleich mehr als 80 Prozent der Leipziger konfessionslos sind. Der Bau hat bereits 117 Millionen Euro aus der Staatskasse gekostet – finanziert mit Steuergeldern, wider den Verfassungsgrundsatz der Trennung von Staat und Kirche.

Sollen nun Finanzen der Hochschule für das Gotteshaus abgezweigt werden?

Eine Kanzel soll mitten in die Aula der Universität gebaut werden. Da ihr das Gebäude übergeben wird, soll sie dafür aufkommen. Weiterhin fordern Kirchenkreise in Schreiben mit anmaßendem Ton, dass ständig Universitätsgottesdienste abgehalten werden sollen. Darin fordert »Universitätsprediger« Peter Zimmerling von der Rektorin Beate Schücking, auch über die Weihnachtszeit Messen anzubieten. Obgleich die Universität beschlossen hat zu pausieren, weil sonst Kosten entstünden. »Meine Enttäuschung, ja Wut, war deshalb groß«, macht der Prediger Druck. Er klagt Wiedergutmachung ein.

Wie beurteilen Sie das?

Wir kritisieren, dass klerikale Obrigkeiten ständig versuchen, in der Öffentlichkeit eine Verbindung zwischen christlicher Kirche und Wissenschaft zu suggerieren. Wir bestehen darauf, dass die christliche Kirche staatliche Institutionen nicht zur Finanzierung heranziehen darf – auch nicht für den Bau der geforderten Kanzel. Denn sonst würden Hochschulgelder veruntreut.

Insbesondere Lobbyisten des Paulinervereins machen Druck – wieso haben sie so viel Macht?

Als scharfzüngiger Aggressor greift in dessen Sinn Pfarrer Christian Wolff immer wieder die Universität an, um dort Kircheninteressen voranzutreiben. Tenor: Die Wissenschaft benötige ein Glaubensfundament. An die Rektorin der Universität richten wir den Appell, dem Paulinerverein gegenüber standhaft zu bleiben. Prompt hatte auch Ministerpräsident Stanislaw Tillich, CDU, bei einer Feier im Paulinum nachgebetet: »Glaube und Wissen sollten wieder zusammenkommen.« Wir aber werden am Samstag mit dem Slogan demonstrieren »Keine Kanzel! Kein Gottesdienst! Keine Kirche! Für ein weltliches Paulinum!« Der Freistaat Sachsen hatte sich schon 2003 in die Architektur der Kirche eingemischt. Aus Protest gegen den Wiederaufbau der Paulinerkirche war das damalige Rektorat der Uni Leipzig zurückgetreten.

Sie werden am Samstag bei der Demo mit der Skulptur »Quengel-Bischof« unterwegs sein. Welche Bedeutung hat die?

Die Figur weist mit einer Tafel darauf hin, dass Menschenrechte, Wissenschafts- und Meinungsfreiheit sowie Frauenemanzipation gegen erbitterten kirchlichen Widerstand durchgesetzt wurden. Der Quengel-Bischof aber hält mit hochrotem Kopf in einer Sprechblase dagegen: Das Patentrecht für Nächstenliebe liege aber bei der Kirche.

Jana Adler ist Sprecherin der ­Giordano-Bruno-Stiftung in Leipzig

»Keine Kanzel! Kein Gottesdienst! Keine Kirche! Für ein weltliches Paulinum!«: Demo gegen die Umdeutung des »Paulinums« zur Universitätskirche, Samstag, 13 Uhr vor dem Paulinum in Leipzig

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