Aus: Ausgabe vom 01.12.2017, Seite 5 / Inland

Prekärer Jobboom

Bundesagentur für Arbeit verkündet Beschäftigungswunder. Dabei breiten sich Zeitarbeit und Armut weiter aus

Von Susan Bonath
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Der Niedriglohnsektor wird weiter ausgebaut: Eine Pflegerin bei der Arbeit im Seniorenheim

Die deutsche Wirtschaft boomt, die Bundesagentur für Arbeit (BA) verkündet eine Erfolgsmeldung nach der anderen. Die Zahl der Erwerbslosen im November sei »im Zuge der auslaufenden Herbstbelebung« saisonbereinigt auf 2,476 Millionen gesunken, gab sie am Donnerstag bekannt. Damit hätten 18.000 Menschen weniger ohne Job dagestanden als im Vormonat. Dafür gebe es nun 41.000 mehr Erwerbstätige als noch im Oktober, nämlich 44,74 Millionen. Die offizielle Arbeitslosenquote in Deutschland beziffert die BA nunmehr mit 5,1 Prozent. »Die sehr gute Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt hält an«, lobte Valerie Holsboer vom BA-Vorstand die Konjunktur gegenüber der Nachrichtenagentur dpa und ergänzte: Die Nachfrage der Betriebe nach neuen Mitarbeitern halte »auf hohem Niveau« an. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

So zählt zur Erwerbstätigkeit alles: Minijobs, Aushilfsbeschäftigungen, Jobcentermaßnahmen, Umschulungen und so weiter. Selbst kurzfristig Arbeitsunfähige, also Kranke, rechnet die BA nicht zu den Arbeitslosen. Sie fallen unter die Rubrik »Unterbeschäftigung», wie Holsboer einräumte. In dieser listet die Agentur insgesamt 3,36 Millionen Menschen auf. Kurzarbeiter gehören der BA zufolge ausdrücklich nicht dazu. Auch die Zahl der Minijobber ist laut dieser Statistik gegenüber dem Vormonat auf gut 7,5 Millionen erneut leicht gestiegen. Insgesamt bleiben 32,7 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, von denen etwa ein Drittel, vor allem Frauen, nur in Teilzeit arbeitet.

Ebenfalls am Donnerstag meldete die Bundesagentur rund 747.000 offene sozialversicherungspflichtige Stellen im vergangenen Monat. Das sind etwas weniger als im Oktober, aber gut 90.000 mehr als vor einem Jahr. Ein Blick in das Zahlenwerk zeigt allerdings: Es ist vor allem der prekäre Arbeitsmarkt, der wächst. So fällt mit mehr als 293.000 Jobangeboten mehr als jedes dritte in die Kategorie »sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen«. Das Gros davon, fast 250.000 Stellen, sind Angebote von Zeitarbeitsfirmen.

Der Armut tut der wirtschaftliche Boom somit keinen Abbruch. Nach wie vor lebten zuletzt fast acht Millionen Menschen in Deutschland von einer sozialen Mindestsicherung. Das geht aus den Zahlen für Dezember 2016 hervor, die das Statistische Bundesamt am Mittwoch veröffentlicht hatte. Rund sechs Millionen der Betroffenen erhielten demnach zum Jahresende 2016 Arbeitslosengeld II. Mehr als eine Million Rentner mussten mit Grundsicherung im Alter oder bei Erwerbsminderung (Sozialhilfe) aufstocken. Asylbewerberleistungen zahlte der Staat an 728.200 Geflüchtete.

Insgesamt, so geht aus einer ebenfalls am Donnerstag veröffentlichten Analyse der BA hervor, lebten im November 3,2 Millionen Familien, auf amtsdeutsch »Bedarfsgemeinschaften«, mit mehr als 6,2 Millionen Angehörigen von Hartz IV. Das waren etwa 21.000 Betroffene mehr als ein Jahr zuvor. Gut 200.000 dieser Personen erhielten jedoch keine Leistungen im Rahmen der Erwerbslosenunterstützung. Das sind in der Regel Minderjährige, deren Kindergeld und Unterhalt den Regelsatz übersteigt. Bemerkenswert: Nur knapp 1,6 der insgesamt 4,3 Millionen »erwerbsfähigen Hilfebedürftigen« tauchen in der Arbeitslosenstatistik der Bundesagentur auf. Die Mehrheit der Hartz-IV-Bezieher hat demnach einen Job, muss aber aufstocken.

»Jubelmeldungen sind nicht angebracht«, kommentierte Sabine Zimmermann, stellvertretende Vorsitzende der Linke-Fraktion im Bundestag, die neuen BA-Zahlen. Viele Menschen würden aus der Statistik heraus gerechnet. Ältere und Menschen mit Behinderungen hätten kaum Chancen. »Die Arbeitsmarktpolitik war und ist von Stillstand geprägt«, resümierte sie. Hilfreich wäre, so Zimmermann, ein öffentlich geförderter Beschäftigungssektor mit existenzsichernden Löhnen und guten Arbeitsbedingungen sowie ein Verbot der Leiharbeit. Annelie Bun­tenbach vom Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes appellierte an die künftige Bundesregierung, die »Spaltung auf dem Arbeitsmarkt« zu beenden. Denn diese habe sich trotz der guten wirtschaftlichen Lage weiter verschärft. Erwerbslose dürften nicht länger in »zweitklassige Sonderarbeitsverhältnisse im Niedriglohnbereich« vermittelt werden, rügte Buntenbach.


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Arm und Reich Umverteilung in der Klassengesellschaft

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  • Benedikt Hopmann, Berlin: Falscher Begriff Ein informativer Beitrag. Nur sollte nicht der Begriff Zeitarbeit verwendet werden. Die Leiharbeitsfirmen kämpfen seit Jahren für die Verwendung dieses Begriffs. Er treibt die Verharmlosung auf die Sp...

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