Aus: Ausgabe vom 30.11.2017, Seite 8 / Ansichten

Goldgrube des Tages: »Stuttgart 21«

Von Jana Frielinghaus
Protest_gegen_Stuttg_52336298.jpg
Noch immer wird regelmäßig gegen den Stuttgarter Tiefbahnhof demonstriert, hier am 30. Januar 2017 vor der Bundeszentrale der Deutschen Bahn in Berlin

Den meisten Zugreisenden bringt es bestenfalls minimale Verbesserungen. Den beteiligten Konsortien der Baubranche dagegen sind satte Profite aus dem Megabahnhofsprojekt »Stuttgart 21« sicher. Und sie teilen dem Auftraggeber in regelmäßigen Abständen mit, dass die Errichtung der Anlagen leider teurer wird als gedacht. Und dass es etwas länger dauert. Aufkommen muss dafür der Steuerzahler, denn die Bundesregierung ist immer noch Hauptgesellschafter der Deutschen Bahn AG.

Am Mittwoch war es wieder soweit. Wie Bild am Sonntag unter Berufung auf den DB-Aufsichtsrat berichtete, erwartet der Konzern um eine weitere Milliarde Euro höhere Kosten. Die Fertigstellung des Baus, an dem seit 2010 gewerkelt wird, soll sich den Angaben zufolge von 2023 auf Ende 2024 verzögern. Die Gesamtaufwendungen klettern damit auf 7,6 Milliarden Euro. Aus dem Bundesverkehrsministerium kam kein Kommentar, aber auch kein Dementi.

»S 21« ist ein Paradebeispiel für Fehlplanung und Begünstigung von Konzernen – und für die Demokratieverachtung der Politikerkaste. Die zuständigen Amtsträger neutralisierten den sachkundigen Bürgerwiderstand gegen das ineffiziente und überteuerte Verkehrsprojekt zunächst jahrelang mit üblen Verfahrenstricks – und ließen ihn schließlich regelrecht zusammenprügeln. Die brutalen Polizeieinsätze gegen Anti-S-21-Demos sind ein unrühmliches Kapitel der bundesdeutschen Geschichte. 2011 votierte übrigens eine Mehrheit der Bürger in einer Volksabstimmung für S 21 – nachdem von Bahn, Bund und Land Baden-Württemberg eine »Deckelung« der Kosten bei 4,8 Milliarden Euro versprochen worden war. Die Gegner des Projekts hatten schon damals Berechnungen vorgelegt, denen zufolge der Bau von Bahnhof und zugehörigem Tunnelsystem zehn Milliarden verschlingen wird.


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Mehr aus: Ansichten