Aus: Ausgabe vom 30.11.2017, Seite 8 / Ansichten

Das Spielgeld der Krise

Bitcoin steigt über 10.000 Dollar

Von Simon Zeise
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Bitcoin-Logo auf einer Konferenz in New York (29. November)

Spekulanten wissen nicht mehr, wohin mit ihrem vielen Geld. Der Dax steht bei mehr als 13.000 Punkten, am Vorabend der Finanzkrise, im Juli 2007, lag der deutsche Aktienleitindex bei 8.000, 1990 waren es noch keine 2.000. Immobilienpreise schießen in den Himmel, Kunst wird nahezu unbezahlbar. Für 450 Millionen Dollar ging Leonardo da Vincis »Salvator mundi« Mitte November in New York über den Ladentisch.

Die neoliberale Konterrevolution hat es möglich gemacht. Die kühnsten Träume des Vordenkers der wirtschaftspolitischen Rechten, Friedrich von Hayek, stehen kurz vor der Verwirklichung: Das letzte Relikt staatlicher Hoheitsrechte, die Geldschöpfung, soll simples Spekulationsobjekt werden. Die »Kryptowährung« Bitcoin hat seit Jahresbeginn um mehr als 1.200 Prozent zugelegt. Eine fiktive »Münze« kostete am Mittwoch mehr als 10.000 Dollar. Laut Berechnungen der Website coinmarketcap.com, die die Marktkapitalisierung von Kryptowährungen verzeichnet, liege der Wert aller Bitcoins nun bei rund 180 Milliarden Dollar. Damit ist sie fast so teuer wie der US-Getränkeriese Coca-Cola, der mit rund 195 Milliarden Dollar bewertet wird. Doch um ein »allgemeines Äquivalent« handelt es sich nicht. Weder Zentralbanken noch Staaten schöpfen hier Geld. Über den Preis entscheiden allein Angebot und Nachfrage. Bit­coin basiert auf der sogenannten Blockchain-Technologie, bei der Informationen fälschungssicher in einer Datenbank gespeichert werden.

Die Kapitalisten sind in Not. Geld ist nicht nur Tauschwert, sondern will auch von ihnen gehortet werden. Was wenn der Kurs im kommenden Jahr wieder um mehr als 1.000 Prozent abstürzt? Wer ist dann der Lender of last resort? Wer steht als letzter für die Schulden der anderen ein? Bei Geld hört der Spaß auf. Die Bitcoin-Hausse ist Ausdruck mangelnder profitabler Anlagemöglichkeiten. Bezeichnenderweise ist dort, wo es die höchsten Profitmargen gibt, in China, die Kryptowährung seit September verboten. Beijing begründetet dies damit, dass der Handel damit »die wirtschaftliche und finanzielle Ordnung ernsthaft gestört hätte«. Die Deutsche Bundesbank legte sich hingegen am Mittwoch wieder schlafen. Die Kursexplosion bei Bitcoin bereitet den Frankfurtern keine Sorgen. In Deutschland gebe es keinerlei Anzeichen, dass die Spekulation mit Kryptowährungen kreditfinanziert sei, sagte Vizepräsidentin Claudia Buch. Gleiches gelte übrigens für die Preisexplosion im Immobiliensektor – der zwar mit bis zu 30 Prozent »übertrieben« sei, mehr aber auch nicht.

Ein Hedgefondsmanager gab gegenüber Reuters zur Bit­coin-Entwicklung zu verstehen: »Das wird die größte Blase unseres Lebens«. Da mag er zwar recht haben, allerdings betrifft es nicht nur den Markt für Computerwährungen.


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