Aus: Ausgabe vom 29.11.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Bank of England gibt Entwarnung

Britische Währungshüter sehen Kreditinstitute für harten »Brexit« gewappnet

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Mark Carney zuversichtlich: Der britische Notenbankchef erklärte am Dienstag, der Bankensektor sei auf einen harten Ausstieg aus der EU vorbereitet

Vor allem an den Finanzmärkten wird seit dem Votum von 2016 gerätselt: Wie gravierend sind die Folgen des geplanten EU-Ausstiegs Großbritanniens wirklich? In London ist nun für den Bankensektor Entwarnung gegeben worden. Denn die wichtigsten britischen Kreditinstitute sind nach Einschätzung der Notenbank auch im Fall eines mehr oder weniger planlosen Ausscheidens des Landes aus der EU stark genug aufgestellt. Selbst bei größeren ökonomischen Verwerfungen könnten die Geldhäuser die heimische Wirtschaft ausreichend mit finanziellen Mitteln versorgen, erklärte die Bank of England am Dienstag in London.

In einem »Stresstest« haben die britischen Aufseher durchgespielt, was mit den größten Banken des Landes geschehen würde im Fall eines starken wirtschaftlichen Abschwungs, einer Abwertung des Pfunds um ein Viertel, eines Einbruchs der Häuserpreise sowie bei Kreditausfällen infolge einer hohen Arbeitslosigkeit und anziehender Zinsen. Dieses Szenario sei härter gewesen als die Lage während der letzten Finanzkrise, erklärten die Zentralbanker. Erstmals seit der jährlichen Einführung der Tests kamen alle sieben einbezogenen Banken durch. Dabei haben fünf die Simulation trotz der Verschärfung ohne Beanstandungen bestanden. Zwei kamen mit einem blauen Auge davon: Barclays und die verstaatlichte Royal Bank of Scotland (RBS) überschritten bestimmte Warnmarken. Beide Institute hätten jedoch schon Ende letzten Jahres Maßnahmen ergriffen, weshalb keine weiteren Schritte für eine Stärkung des Kapitals nötig seien, erklärte die Zentralbank. Je mehr eigenes Kapital Kreditinstitute vorhalten, desto unempfindlicher gegen ökonomische Schocks sind sie.

Großbritannien will bekanntlich die Europäische Union 2019 verlassen. Seit Monaten wird über die genauen Bedingungen der Trennung verhandelt. Kommt es zu keiner Einigung, droht der sogenannte harte »Brexit« mit kaum abschätzbaren Folgen für die Wirtschaft.

Der diesjährige Stresstest hatte zwar nicht ausdrücklich den anstehenden EU-Abschied des Vereinigten Königreichs zum Thema. Es seien aber wirtschaftliche Risiken eingeflossen, die mit dem »Brexit« in Verbindung stehen könnten, erklärte die Notenbank. Die Bank of England kam zu dem Fazit: »Das britische Bankensystem könnte die Realwirtschaft während eines ungeordneten Brexits weiterhin unterstützen.«

»Stresstests« sind seit den Erfahrungen der globalen Finanzkrise, die vor zehn Jahren in den USA in Form der »Subprime-Krise« ausgebrochen war und auf die kapitalistischen Hauptzentren übergegriffen hatte, ein Mittel von Finanzaufsichtsbehörden, um die Krisenfestigkeit von Banken zu überprüfen. Sind einzelne Geldhäuser zu schwach aufgestellt, kann ihnen die Aufsicht beispielsweise untersagen, Dividenden zu zahlen, um die Kapitaldecke nicht weiter auszudünnen. Beim letztjährigen »Stresstest« in Großbritannien war die RBS als einziges Haus durchgefallen und musste das Kapital aufbessern. Probleme hatten auch die Skandalbank Barclays (Stichwort Libor-Skandal) sowie Standard Chartered, die sich aber kein »frisches Geld «besorgen mussten. Weitere Teilnehmer waren die britische Nummer eins, die HSBC, der Immobilienfinanzierer Nationwide sowie die Großbritannien-Tochter der spanischen Santander-Bank. (dpa/jW)


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