Aus: Ausgabe vom 29.11.2017, Seite 1 / Inland

Rassistische Messerattacke

Rechtsruck trifft bürgerlichen Politiker: Angriff auf CDU-Bürgermeister

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Andreas Hollstein bei einer Konferenz am Tag nach dem Angriff. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte ihn erst im Mai für gute Flüchtlingsarbeit mit dem Nationalen Integrationspreis ausgezeichnet.

Nach einer Sitzung im Rathaus wollte der Bürgermeister der Stadt Altena am Montag abend noch Döner Kebab für sich und seine Ehefrau holen. Plötzlich hatte Andreas Hollstein (CDU) ein Messer am Hals. Die Tat hat laut Staatsanwaltschaft ein fremdenfeindliches Motiv. Hollstein hatte während der sogenannten Flüchtlingskrise in seinem Ort mit rund 17.000 Einwohnern freiwillig mehr Menschen aufgenommen, als per Verteilerschlüssel zugewiesen worden waren. Gegen den 56jährigen Angreifer, einen arbeitslosen Maurer, erging am Dienstag Haftbefehl wegen versuchten Mordes.

Der Angreifer habe dem Bürgermeister vor der Attacke vorgeworfen, ihm das Wasser abgedreht und 200 Flüchtlinge in die Stadt geholt zu haben. Dann soll er ein Küchenmesser mit 22 Zentimeter langer Klinge aus seinem Rucksack geholt und es Hollstein an den Hals gesetzt haben. Die Betreiber des Dönerladens sprangen zu Hilfe, gemeinsam wehrten sie den Angreifer ab. Hollstein trug eine leichte Schnittverletzung am Hals davon, einer der Helfer eine Wunde an der Hand.

Die Staatsanwaltschaft geht von Tötungsabsicht aus niederen Beweggründen aus. Hinweise auf Kontakte zur organisierten Rechten gebe es bislang nicht. Hintergrund könne neben Rassismus auch Gentrifizierung sein. Das Haus, in dem der Angreifer wohnt, soll zwangsversteigert werden, sagte der Hagener Oberstaatsanwalt Gerhard Pauli am Dienstag. Dem Mann war bereits das Wasser abgestellt worden.

Wenn ihm die beiden Besitzer der Imbissstube nicht beherzt zu Hilfe gekommen wären, »bin ich nicht sicher, ob ich noch leben würde«, sagte Hollstein am Dienstag im Altenaer Rathaus. Er habe viel Glück gehabt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reagierte mit Bestürzung auf den Anschlag. Sie sei »entsetzt« über die Tat. Die Vorsitzende der Partei Die Linke, Katja Kipping, machte die AfD mitverantwortlich für die Messerattacke. »Wer wie die AfD agitiert, muss sich vorwerfen lassen, Gewalttäter wie in Altena regelrecht zum Handeln zu ermutigen«. Der Beschuldigte äußerte sich bislang nicht. (dpa/AFP/jW)


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