Aus: Ausgabe vom 27.11.2017, Seite 15 / Politisches Buch

Die Wirklichkeit begreifen

Von der Antike bis heute: Martin Küpper hat eine Einführung in die materialistische Philosophie geschrieben

Von Erich Hahn
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Der historisch-dialektische Materialismus hat seine Sternstunden im Marxismus gefeiert (11. Feuerbachthese von Karl Marx in der Berliner Humboldt-Universität)

Hinter dem lapidaren Titel des Buches »Materialismus« verbirgt sich eine bemerkenswerte Leistung. Autor Martin Küpper legt eine Darstellung der materialistischen Weltanschauung und Philosophie sowohl in historischer wie in systematischer Hinsicht vor – auf 127 Seiten! Mit hohem theoretischen Anspruch, verständlich und lebendig. Dies gelingt durch kluge Konzentration auf historisch Bedeutsames und theoretisch Wesentliches.

Nach einer ersten Verständigung über Materialismus und Materie sind drei Kapitel dem Materialismus in der Antike, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gewidmet. In einem weiteren folgen der Materialismus »im Ausgang der französischen Revolution«, die Wechselwirkung zwischen dem französischen und dem deutschen Idealismus, der objektive Idealismus Hegels sowie der historisch-dialektische Materialismus – Marx, Engels und einige ihrer Schüler. Im letzten Kapitel geht es um zeitgenössische Materialismen und ihre Probleme. Der Rahmen einer Rezension verbietet es, diesen Fortgang der Gedanken des Autors nachzuzeichnen. Ich beschränke mich auf einige philosophische Eckpunkte, die für mich die Lektüre besonders anregend gemacht haben.

Der Materialismus ist hier nicht nur Objekt, sondern gleichermaßen Prinzip der Darstellung. Die relevanten Positionen, Systeme und Strömungen erscheinen nicht als autonome Folge von Begrifflichkeiten oder Glieder einer internen logischen Reihe. Gezeigt wird das Werden und Reifen einer lebendigen Weltanschauung als Moment der praktischen gesellschaftlichen Auseinandersetzung des Menschen mit der Welt und sich selbst, als Vehikel und Resultat sozialer, politischer und geistiger Kämpfe. Wichtige Impulse für materialistisches Denken ergeben sich aus Umwälzungen und Fortschritten der Naturwissenschaften. Die Wirklichkeit markiert nicht nur den äußeren Rahmen bzw. die objektiven Bedingungen materialistischer Überlegungen, sondern deren Inhalt und Stoff, ihren entscheidenden Bezugspunkt. Materialismus als philosophische Weltanschauung entfaltet sich oft nicht nur als eigenständige Doktrin, sondern als Element umfassender philosophischer oder wissenschaftlicher Systeme und Werke – als Beispiele nennt Küpper Thomas von Aquino (1225–1274), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) oder den Mediziner Averroes (1126–1198), bei dem Letztgenannten sei eine »materialistische Philosophie zum Greifen nahe«.

Es steht für den Autor außer Frage, dass materialistische Philosophie vom »Vorrang des Materiellen gegenüber dem Ideellen ausgeht«. Sie ist bemüht, »die Wirklichkeit materiell begreifen und aus sich heraus zu erklären«. Eine Differenz materialistischer Lehren sei, »wie diese Priorität begründet« werden kann. Zugleich sei davon auszugehen, dass es niemals »den einen Materialismus« gegeben habe. Die historischen Passagen liefern dafür reichlich Material und viele Beispiele. Belegt wird, auf wie vielfältige Weise materialistisches Gedankengut sich im Laufe der menschlichen Geschichte herausgebildet hat und welche Grundlinien oder Knotenpunkte sich dabei abzeichnen.

Als historisch-dialektisch verstandener hat der Materialismus seine Sternstunden im Marxismus gefeiert – so wird auf dem Rückentitel der Schrift das Fazit des Autors zum materialistischen Denkeinsatz von Marx und Engels eingeschätzt. In der Tat hatten selbst die differenziertesten Varianten des bisherigen Materialismus eine materialistische Erklärung der Geschichte und Gesellschaft höchstens in einigen Aspekten vermocht. Eine erste Kritik im Rahmen der bürgerlichen Philosophie erfährt dieser Mangel durch die Dialektik bei Immanuel Kant (1724–1804), Johann Gottlieb Fichte (1762–1814) und vor allem Hegel. Küpper schreibt über Hegel, dieser stimme mit dem materialistischen Anspruch überein, dass es in der Philosophie darum geht, die äußere und innere Natur, das Objekt an sich, zu erfassen. Hegels Einwand sei, das subjektive Moment der Theorie, das Denken, komme nicht hinreichend zur Geltung. Es gehe darum, die Gesetze zu untersuchen, denen das tätige menschliche Bewusstsein und die widerspruchsvolle Entwicklung der äußeren Wirklichkeit in demselben Maße unterliegen. Dem Idealismus verhaftet bleibt Hegel freilich, wenn er offenlässt, woher das reine Denken kommt. Küpper gelingt es, am objektiven Idealismus Hegels das Objektive und das Idealistische deutlich zu machen.

Gut beraten war Küpper, die erste Feuerbachthese von Marx – deren Forderung, die Wirklichkeit nicht nur als Objekt, sondern als »sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis (…) subjektiv zu fassen« – als den Ansatz zu einem dialektischen und historischen Materialismus und zu einem »revolutionären Praxisprogramm« zu werten. Zu Recht sieht er auch als die entscheidenden philosophischen Voraussetzungen für die Überwindung der Schranken des früheren Materialismus im Übergang zu einer materialistischen Dialektik und in der Position, dass eine materialistische Geschichtstheorie mit den empirischen Gegebenheiten anfangen müsse – so wie das in der berühmten »Deutschen Ideologie« demonstriert wird. Die Wirklichkeit sollte als materielles Gefüge naturgesellschaftlicher Verhältnisse gefasst und der Zusammenhang zwischen Produktion und gesellschaftlicher Gliederung empirisch aufgewiesen werden. Zu ergänzen wäre das durch eine Skizze der konkreten historischen Bedingungen dieser fundamentalen Umwälzung – so wie bei den vorherigen historischen Phasen.

Und schließlich – äußerst befriedigt notiert der Rezensent, dass einschlägige philosophische Texte der DDR bei den Literaturhinweisen vertreten sind!

Martin Küpper: Materialismus. Papyrossa-Verlag Köln 2017, 127 S., 9,90 Euro


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