Aus: Ausgabe vom 27.11.2017, Seite 6 / Ausland

Mut der Frauen

#MeToo: Nicht nur in Hollywood wehren sich immer mehr Opfer sexueller Gewalt

Von Mumia Abu-Jamal
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Frauenprotest gegen sexuelle Gewalt am 12. November in Los Angeles

Zahlreiche Skandale haben in den letzten Wochen Hollywood, das Zentrum der US-Filmindustrie, erschüttert. Es fielen Namen von Reichen und Prominenten, von Stars und Sternchen. Ausgelöst wurde dieses Beben durch die wachsende Zahl von Frauen, die den Filmproduzenten Harvey Weinstein wegen sexueller Übergriffe beschuldigt hatten. Ehrlich gesagt war mir der Name Weinstein zunächst völlig unbekannt. Ich hatte keine Ahnung, wer dieser Mann ist. In Hollywood ist Weinstein natürlich kein Unbekannter. Sein Verhalten gegenüber Frauen war dort schon lange ein offenes Geheimnis. In der Welt außerhalb Hollywoods schlugen die Beschuldigungen gegen ihn aber ein wie eine Bombe.

Es dauerte nicht lange, und nach den ersten Anschuldigungen brachen alle Dämme. Unter den vielen Frauen, die sich öffentlich mit ihren Vorwürfen gegen Weinstein zu Wort meldeten, war auch eine berühmte Schauspielerin, die durch einige der größten Blockbuster der letzten Jahrzehnte bekannt geworden war. Die Frauen beschuldigten Weinstein, den Inhaber einer Filmproduktionsfirma, sie sexuell belästigt zu haben, und einige von ihnen warfen ihm vor, von ihm vergewaltigt worden zu sein. Mit Bekanntwerden von immer mehr Übergriffen entstand im Internet die Hashtagkampagne #MeToo (auch ich).

Der Skandal war nun nicht mehr nur auf Weinstein beschränkt. Ein »Who's who« der männlichen Sextäter Hollywoods machte die Runde. Nun wurden auch die Namen von Politikern genannt, die ihre Macht für sexuelle Übergriffe auf Frauen ausgenutzt hatten. Wir wurden Zeugen der Entstehung einer Bewegung, die von Frauen in der realen Welt ins Leben gerufen wurde, die aber ohne die sozialen Medien nicht eine solche Verbreitung hätte finden können. Ähnliches geschah bei der beispiellosen Mobilisierung von Frauen kurz nach Trumps unerwartetem Sieg im Präsidentschaftswahlkampf. Hier bestätigt sich wieder einmal die Erkenntnis, dass soziale und politische Bewegungen zuerst das Bewusstsein und dann die reale Gesellschaft verändern. Die Gerüchte über die Praxis der »Besetzungscouch« in Hollywoods Chefetagen gab es schon, als ich noch jung war. Aber was Frauen zugemutet wurde, die im Filmgeschäft erfolgreich sein wollten, schien lange Zeit als etwas hingenommen zu werden, das eben zum Showgeschäft dazugehört. Wie viele Frauen haben wohl im Laufe der Jahrzehnte auf ihrem Weg zu Ruhm und Anerkennung diese widerwärtige Behandlung ertragen und lernen müssen, dass nicht alles, was glitzert, auch Gold ist?

Heute begreifen wir durch den Mut dieser Frauen, welcher Preis ihnen für ihre Karriere abverlangt wurde. Aber nun zahlen sie es den mächtigen Herren heim und sorgen dafür, dass sie mit ihrem Tun nicht mehr so einfach davonkommen.

Übersetzung: Jürgen Heiser

Kundgebung: Freiheit für Mumia – Freiheit für alle! Sa., 2. Dezember, 14.00 Uhr, US-Botschaft, Pariser Platz/Brandenburger Tor, Berlin

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