Aus: Ausgabe vom 27.11.2017, Seite 4 / Inland

Rettungsversuch in letzter Sekunde

Urteil für Rodung des Hambacher Forsts nicht rechtskräftig, doch Aktivisten rechnen mit Räumung

Von Kristian Stemmler
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Mit seinem einzigartigen Ökosystem gehört der Hambacher Wald zu den letzten großen Mischwäldern in Mitteleuropa

»Hambi bleibt!« Unter diesem Motto wollen die Aktivisten im besetzten Hambacher Forst eine Räumung der 16 Baumhäuser und des Protestcamps in dem Wald westlich von Köln verhindern. Auf der Homepage der Besetzer hieß es am Freitag, der Energiekonzern RWE wolle am Montag mit Rodungen beginnen und bis Jahresende eine »Kompletträumung« durchsetzen, einschließlich aller Baumhäuser und des Campgeländes auf einer Wiese umfasse. Das Verwaltungsgericht Köln hatte am Freitag eine Klage vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gegen den Ausbau des von RWE betriebenen Braunkohletagebaus Hambach abgewiesen und damit den Weg für die Rodungen frei gemacht (jW berichtete).

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, der BUND hat beim Oberverwaltungsgericht Münster beantragt, die Fällarbeiten auszusetzen. Doch die Besetzer des Forstes gehen davon aus, dass RWE dennoch die Rodungen wieder aufnimmt. »Wir hoffen und wissen, dass so viele Menschen wie möglich ab Montag morgen drei Uhr im Hambacher Wald sind, um ihn zu verteidigen«, heißt es in einem Appell. Man sei auf eine Räumung eingestellt, habe zum Beispiel »temporäre Baumbesetzungen« mit mobilen Plattformen vorbereitet.

Unterstützung für die Waldbesetzer kam von großen Umweltschutzverbänden. In einem Aufruf vom Freitag forderten die Klima-Allianz, der BUND, der Naturschutzbund, Greenpeace und weitere den Konzern RWE und die Landesregierung von NRW auf, »die Beschlüsse einer neuen Regierung abzuwarten und die unmittelbar bevorstehenden Rodungen im Hambacher Wald nicht mit aller Gewalt vorzunehmen«. Der Erhalt des Waldes sei ein Prüfstein dafür, ob Deutschland das Pariser Klimaabkommen ernst nehme.

Doch auch die Gegenseite mobilisiert bereits. RP online berichtete am Sonnabend, die Polizei bereite sich »auf einen größeren Einsatz« im Hambacher Forst vor. Dabei würden die Aachener Beamten von Einsatzkräften aus ganz Nordrhein-Westfalen unterstützt. Ein Polizeisprecher wurde mit den Worten zitiert: »Wenn die rechtlichen Voraussetzungen vorliegen, ist es die Aufgabe der Polizei, die Menschen und Maschinen, die die Arbeit verrichten, zu schützen.« Eventuell müsse man auch Gerichtsvollziehern bei der Räumung der Baumhäuser helfen, die rechtlich als Wohnungen anzusehen seien.

Am Wochenende kam es bereits zu ersten Aktionen von Gegnern der Braunkohlenutzung als Energieträger, wie die Polizei Aachen am Sonnabend in einer Pressemitteilung erklärte. Vier Aktivisten ketteten sich demnach an diesem Tag an Bahngleise der Hambachbahn, eine private Bahnstrecke des Energiekonzerns RWE, auf der Braunkohle zu Kraftwerken transportiert wird. Bereits in der Nacht zu Sonnabend war laut Polizei eine Trafostation in Kerpen-Manheim in angesteckt worden, sie brannte aus.

Mit seinem einzigartigen Ökosystem gehört der Hambacher Wald zu den letzten großen Mischwäldern in Mitteleuropa. So siedeln in dem Gebiet geschützte Fledermausarten und die vom Aussterben bedrohte Haselmaus. In den 70ern verkauften die umliegenden Gemeinden den Wald an die Rheinbraun AG, Vorgänger von RWE. Seit 1978 wird die unter dem Gebiet liegende Braunkohle abgebaut, von den ursprünglichen 5.500 Hektar ist noch etwa ein Zehntel übrig. Vor fünf Jahren besetzten Umweltaktivisten den Forst, um zu retten, was jetzt noch zu retten ist.

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