Aus: Ausgabe vom 25.11.2017, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Mommsens Block

für Felix Guattari

Von Heiner Müller
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»Wenn alles gesagt ist werden die Stimmen süß / Eine glückliche Zeit war für das Volk von Rom« (Thomas Couture: »Les Romains de la décadence«,1847)

What authorities are there

beyond Court tittle tattle

(Mommsen zu James Bryce 1898)

Die Frage warum der große Geschichtsschreiber

Den vierten Band seiner RÖMISCHEN GESCHICHTE

Den lang erwarteten über die Kaiserzeit

Nicht geschrieben hat beschäftigt

Die Geschichtsschreiber nach ihm

Gute Gründe sind im Angebot

Überliefert in Briefen Gerüchten Vermutungen

Der Mangel an Inschriften Wer mit dem Meißel schreibt

Hat keine Handschrift Die Steine lügen nicht

Kein Verlaß auf die Literatur INTRIGEN UND

HOFKLATSCH Selbst die silbernen Fragmente

Des lakonischen Tacitus nur Lektüre für Dichter

Denen die Geschichte eine Last ist

Unerträglich ohne den Tanz der Vokale

Auf den Gräbern gegen die Schwerkraft der Toten

Und ihre Angst vor der ewigen Wiederkehr

Er mochte sie nicht die Cäsaren der Spätzeit

Nicht ihre Müdigkeit nicht ihre Laster

Er hatte genug an dem einzigen Julius

Der ihm wert war wie der eigne Grabstein

Schon CÄSARS TOD ZU SCHILDERN hatte er

Wenn er gefragt wurde nach dem ausstehenden

Vierten Band NICHT MEHR DIE LEIDENSCHAFT

Und DIE FAULENDEN JAHRHUNDERTE nach ihm

GRAU IN GRAU SCHWARZ AUF SCHWARZ Für wen

Die Grabschrift Daß der Geburtshelfer Bismarck

Zugleich der Totengräber des Reiches war

Der Nachgeburt einer falschen Depesche

Konnte geschlossen werden aus dem dritten Band

Mürbe geworden war in Charlottenburg

Zweimal täglich die Fahrt mit der Pferdebahn

Im Staub der Bücher und Handschriften vierzig

Tausend im Haus Mommsen Machstraße acht

Zwölf Kinder im Souterrain DER MUT ZUM IRRTUM

Der ZUM HISTORIKER QUALIFIZIERT ICH WEISS JETZT

LEIDER WAS ICH NICHT WEISS Zum Beispiel Warum

Zerbricht ein Weltreich Die Trümmer antworten nicht

Das Schweigen der Statuen vergoldet den Untergang

WAS WIR VERSTEHN SIND DIE INSTITUTIONEN

ABER ER IST MÜDE UND RECHT STAUBIG

Schrieb der fromme Dilthey an den Grafen York

VOM WEG AUF DEN LANDSTRASSEN DER PHILOLOGIE

INSKRIPTIONEN UND PARTEIPOLITIK

OHNE HEIMWEH DES GEISTES NACH DEM UN-

SICHTBAREN REICH Sein Reich war das Greifbare

Im Brief an eine Tochter Frau Wilamowitz

Träumt er von einer Villa bei Neapel

Nicht um sterben zu lernen Kommt Zeit kommt Tod

Und keine Gnade EIN KÖHLERGLAUBE

FÜR GRAFEN UND BARONE das Christentum

Eine Baumkrankheit von der Wurzel her

Ein Krebs unterwandert von Nachrichtendiensten

Die zwölf Apostel zwölf Geheimagenten

Der Verräter liefert den Gottesbeweis

Und das Firmenzeichen Saulus ein kolonisierter

Bluthund spielt den Part des Sozialdemokraten

Paulus geworden durch einen Sturz vom Pferd

Und Leithammel des Unbekannten Gottes

Dem er die Schafe ins Gehege lockt

Zur Selektion Heil oder Verdammnis

Nur vor den Würmern sind die Toten gleich

Ein Polizeispitzel der erste Papst

Nur Johannes auf Patmos im Drogenqualm

Der Ketzer der Totenführer der Terrorist

Hat das Neue Tier gesehn das heraufkommt

Der Traum von Italien ist ein Traum vom Schreiben

Das Stimulans des Mondscheins auf Ruinen

Mit dem göttlichen Hochmut MEINER JUNGEN JAHRE

DER JÜNGEREN ZUMINDEST JUNG WAR ICH NIE

Was bleibt ist die GÖTTLICHE GROBHEIT A POOR

SUBSTITUTE Im Sumpf die Adler Warum das

Aufschreiben nur weil die Menge es lesen will

Daß in den Sümpfen mehr Leben ist als

In der Höhe weiß die Biologie

Wie soll man den Leuten begreiflich machen

Und wozu daß das erste Jahrzehnt unter Nero

Dem verhinderten Künstler dem blutigen

Musik wird hoch gehandelt im Niedergang

Wenn alles gesagt ist werden die Stimmen süß

Eine glückliche Zeit war für das Volk von Rom

Die glücklichste vielleicht seiner langen Geschichte

Es hatte sein Brot seine Spiele Die Massaker

Fanden in den oberen Rängen statt

Und hatten eine hohe Einschaltquote

Ein Wohnungsbrand im Haus Mommsen verursacht

Nicht durch christlichen Eifer gegen Bibliotheken

Wie vor zweitausend Jahren in Alexandria

Sondern durch eine Gasexplosion Machstraße acht

Ließ die schreckliche Hoffnung aufkommen

Der große Gelehrte habe den vierten Band

Den lang erwarteten über die Kaiserzeit

Doch geschrieben und der Text sei verbrannt

Mit dem Übrigen der Bibliothek zum Beispiel

Vierzigtausend Bände plus Handschriften

Gerettet wurde das AKADEMIEFRAGMENT

Sieben Seiten Entwurf gerahmt von Feuer

IN SPITZEN KLAMMERN DIE VERBRANNTEN WÖRTER

MOMMSENS wie die Herausgeber schreiben

Einhundertzwölf Jahre nach dem Brand

Über den Brand berichten die Zeitungen

Der Zeitungsleser Nietzsche schreibt an Peter Gast:

»Haben Sie von dem Brande in Mommsens Hause gele-

sen? Und daß seine Excerpten vernichtet sind, die

mächtigsten Vorarbeiten, die vielleicht ein jetzt lebender

Gelehrter gemacht hat? Er soll immer wieder in die

Flammen hineingestürzt sein, und man mußte endlich

gegen ihn, den mit Brandwunden bedeckten, Gewalt

anwenden. Solche Unternehmungen wie die Mommsens

müssen sehr selten sein, weil ein ungeheures Gedächtnis

und ein entsprechender Scharfsinn in der Kritik und

Ordnung eines solchen Materials selten zusammen kom-

men, vielmehr gegen einander zu arbeiten pflegen. – Als

ich die Geschichte hörte, drehte sich mir das Herz im

Leibe um, und noch jetzt leide ich physisch, wenn ich

dran denke. Ist das Mitleid? Aber was geht mich

Mommsen an? Ich bin ihm gar nicht gewogen.«

Ein Dokument aus dem Jahrhundert der Briefschreiber

Die Furcht vor der Einsamkeit versteckt im Fragezeichen

Wer ins Leere schreibt braucht keine Interpunktion

Gestatten Sie daß ich von mir rede Mommsen Professor

Größter Historiker nach Gibbon laut Toynbee

(Oder sagte er neben Die ewig nagende Furcht

Der Gepriesnen daß die Meßlatte lügt)

Im Leben wohnhaft Charlottenburg Machstraße acht

Zwei drei Seiten lang Für wen sonst schreiben wir

Als für die Toten allwissend im Staub Ein Gedanke

Der Ihnen vielleicht nicht zusagt dem Lehrer der Jugend

Das Vergessen ist ein Privileg der Toten

Immerhin haben Sie selbst die Publikation

Ihrer Kollegs per Testament verboten

Weil der Leichtsinn auf dem Katheder Verrat übt

An den Mühen des Schreibtischs Selbst die AENEIS

Wollten Sie verbrannt sehn nach dem Willen

Des gescheiterten Vergil Dem Augustus

Baumeister Roms selber zögernd vor der Vollendung

Weil sie den Abgrund verschweigt die Unsterblichkeit aufzwang

Die GÖTTLICHE KOMÖDIE wäre nicht

Geschrieben worden oder weniger dauerhaft

Ohne sein Verdikt gegen das Feuer

Und ich wollte Sie könnten Kafka lesen Professor

In Ihrer Marmorgruft auf Ihrem Sockel

Die Bomben des Zweiten Weltkriegs Sie wissen es

Haben die Machstraße nicht verschont Verschont

Wurde nicht Ihre Akademie der Wissenschaften

Vom Sturz der asiatischen Despotie Produkt

Einer falschen Lektüre und fälschlich genannt

Sozialismus nach dem großen Historiker

Des Kapitals Den Sie nicht wahrgenommen haben

Arbeiter in einem andern Steinbruch

Bevor sein Denkmal auf Ihrem Sockel stand

Einen Staat lang Der Sockel ist wieder Ihr Standort

Vor der Universität benannt nach Humboldt

Von den Machthabern einer Illusion

(Sie hatten Ihre Römische Geschichte nicht

Gelesen und Marx nicht der die Lektüre verschwiegen hat

Hätte er länger gelebt hätte man sagen können

Aus Geldneid vielleicht auf Ihren Nobelpreis der Jude)

Gefangen im Strickmuster der roten Cäsaren

Die SEINEN Text skandierten mit Soldatenstiefeln

Wie räumt man ein Minenfeld fragte Eisenhower

Sieger des Zweiten Weltkriegs einen andern

Sieger Mit den Stiefeln

Eines marschierenden Bataillons antwortete Shukow

Der GROSSE OKTOBER DER ARBEITERKLASSE besungen

Freiwillig Mit Hoffnung Oder im doppelten Würgegriff

Von zu vielen Und noch mit durchschnittener Kehle

War ein Sommergewitter im Schatten der Weltbank

Ein Mückentanz über Tatarengräbern

WHERE THE DEAD ONES WAIT

FOR THE EARTHQUAKES TO COME

Wie Ezra Pound vielleicht sagen würde der andre Vergil

Der auf den falschen Cäsar gesetzt hat gescheitert auch er

Nämlich die Gespenster schlafen nicht

Ihre bevorzugte Nahrung sind unsere Träume

Entschuldigen Sie Professor den bitteren Tonfall

Die Universität benannt nach Humboldt

Vor der Sie wieder auf Ihrem Sockel stehn

Lange nach Ihrem Tod wird freigeschaufelt

Gerade jetzt vom vermuteten Unrat des neuen

Köhlerglaubens nicht für Grafen und Barone

Gestern beim Essen in einem Nobelrestaurant

In der wieder bereinigten Hauptstadt Berlin

Blätterte ich in den Mitschriften Ihres Kollegs

Über die Römische Kaiserzeit frisch vom Buchmarkt

Zwei Helden der Neuzeit speisten am Nebentisch

Lemuren des Kapitals Wechsler und Händler

Und als ich ihrem Dialog zuhörte gierig

Nach Futter für meinen Ekel am Heute und Hier:
»Diese vier Millionen / Müssen sofort zu uns // Aber das

geht nicht // Aber das fällt gar nicht auf // Wenn Du diese

Klaviatur nicht beherrschst / Bist Du verloren Das hast Du

an X gesehn / Er hat sie nicht beherrscht // Die mußt Du

ihm / Einhämmern sonst geht er baden Schade // Also ich

habe die Befürchtung / Daß sie ihn an die Wand haun Wie

eine Qualle // Hängt er dann da Und zappelt und zappelt

// Ich halte ihn für einen guten Akquisiteur Im Vorfeld /

Aber wenns an die Knochenarbeit geht ... // Dann muß

ers in andre Hände geben // Aber dann ist die Frage Sind

unsre Hände so gut / Daß sie den Spieß umdrehn können

// Man muß ihn auf Vordermann bringen // Wir müssen

ihn kaufen für die Deutsche Bank // Den holen wir uns

selber rein / Wenn ich nur die Kneifzange habe / Das bring

ich ihm bei Dann verdient er / Wirklich Geld.«

Fünf Straßen weiter wie die Sirenen andeuten

Schlagen die Armen auf die Ärmsten ein

Und als die Herren privat werden Zigarren und Cognak

Strikt nach dem Lehrbuch der Politischen Ökonomie

Des Kapitalismus: »Mich wollten sie / Auf die Hilfsschule

schicken // Meine Mutter war knochenhart / Gegen alle Du

machst das Abitur / Das Kollegium war immer gespalten

Es gab Lehrer die hielten mich für dumm.«

Tierlaute Wer wollte das aufschreiben

Mit Leidenschaft Haß lohnt nicht Verachtung läuft leer

Verstand ich zum erstenmal Ihre Schreibhemmung

Genosse Professor vor der römischen Kaiserzeit

Der bekanntlich glücklichen unter Nero

Wissend der ungeschriebne Text ist eine Wunde

Aus der das Blut geht das kein Nachruhm stillt

Und die klaffende Lücke in Ihrem Geschichtswerk

War ein Schmerz in meinem wie lange noch atmenden Körper

Und ich gedachte des Staubs in Ihrer Marmorgruft

Und des kalten Kaffees am Morgen früh sechs

ln Charlottenburg im Haus Mommsen Machstraße acht

An Ihrem Arbeitsplatz umstellt von Büchern

Dezember 1992

»Rings um das mannigfaltig gegliederte Binnenmeer, das tief einschneidend in die Erdfeste den größten Busen des Ozeans bildet und, bald durch Inseln oder vorspringende Landfesten verengt, bald wieder sich in beträchtlicher Breite ausdehnend, die drei Teile der Alten Welt scheidet und verbindet, siedelten in alten Zeiten Völkerstämme sich an, welche, ethnographisch und sprachgeschichtlich betrachtet, verschiedenen Rassen angehörig, historisch ein Ganzes ausmachen. Dies historische Ganze ist es, was man nicht passend die Geschichte der alten Welt zu nennen pflegt, die Kulturgeschichte der Anwohner des Mittelmeers, die in ihren vier großen Entwicklungsstadien an uns vorüberfährt: die Geschichte des koptischen oder ägyptischen Stammes an dem südlichen Gestade, die der aramäischen oder syrischen Nation, die die Ostküste einnimmt und tief in das innere Asien hinein bis an den Euphrat und Tigris sich ausbreitet, und die Geschichte des Zwillingsvolkes der Hellenen und der Italiker, welche die europäischen Uferlandschaften des Mittelmeers zu ihrem Erbteil empfingen.«

So hebt der erste Band von Theodor Mommsens epochaler »Römische Geschichte« an, die ihrem Verfasser nicht nur den Literaturnobelpreis einbrachte, sondern auch einen bis heute währenden Ruhm, der nicht einmal von dem eines Leopold von Ranke (1795–1886) oder Jacob Burckhardt (1818–1897) in den Schatten gestellt wird. Man kann heute erfolgreich Geschichte studieren, ohne je einen Blick in sein Hauptwerk zu werfen, was schlimm genug ist, aber nicht, ohne dass kluge Lehrende einem die Lektüre dringend anempfehlen. Wenngleich in vielen Details von neuerer Forschung überholt, ist die »Römische Geschichte« ein noch immer lesenswertes Musterbeispiel liberaler Geschichtsbetrachtung.

Christian Matthias Theodor Mommsen (1817–1903), am 30. November vor 200 Jahren als Sohn eines Holsteiner Pfarrers geboren, ist der wohl namhafteste aller Altertumsforscher. Ursprünglich Jurist, widmete er sich bald der als eigenständige Disziplin noch jungen Alten Geschichte. Bevor er zum Professor in Leipzig, Zürich, Breslau und schließlich Berlin berufen wurde, verdingte sich der Studienfreund und Mitbewohner von Theodor Storm (mit dem er eine erfolgreiche Gedichtsammlung publizierte) als Aushilfslehrer und Journalist. Mommsen vertrat zeitlebens liberale Ideen und stand der Religion fern. Aufgrund seiner Beteiligung an der Dresdner Mairevolution 1849 wurde er 1851 vorübergehend aus dem Hochschuldienst entlassen, 1861 war er einer der Gründer der liberalen Deutschen Fortschrittspartei. Von 1873 bis 1879 saß er im Preußischen Abgeordnetenhaus, von 1881 bis 1884 war er Mitglied des Reichstags und engagierte sich vor allem in der Bildungspolitik. Er war als Gegner Bismarcks bekannt, der ihn sogar erfolglos wegen Beleidigung verklagte. Mommsen trat auch gegen Imperialismus und Antisemitismus auf, u. a. im »Berliner Antisemitismusstreit« 1879/1880 mit dem nationalliberalen Historiker Heinrich von Treitschke. Die dreibändige »Römische Geschichte« erschien 1854 bis 1856 und begründete seinen Ruhm. Das darin gezeichnete positive Cäsar-Bild war für die deutschsprachige Forschung lange Zeit maßgeblich. 1885 folgte ein fünfter Band über die römischen Provinzen. Aufgrund der hohen literarischen Qualität des Werkes erhielt er 1902 den Literaturnobelpreis. Obwohl er bis zu seinem Tod beinahe 1.600 Arbeiten publizierte, blieb Mommsen den vierten Band über die Kaiserzeit schuldig.

Anders als in Heiner Müllers »Mommsens Block« behauptet, verschwieg Karl Marx die Lektüre der »Römischen Geschichte« nicht und verwendete sie im »Kapital« als Quelle. Er erachtete sie als wichtig genug, um an mehreren Stellen Mommsens Kapitalbegriff zu rügen. Friedrich Engels kritisierte in »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats« (1884) ausführlich Mommsens Ausführungen über die Herkunft der römischen Stämme in dessen »Römischen Forschungen« (1864–1879). (pm)

Der im Dezember 1995 verstorbene Heiner Müller gilt als einer der international bekanntesten Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Mit Texten wie »Hamletmaschine« schrieb er Theatergeschichte. Von Beginn an war der 1929 in Sachsen Geborene der DDR in besonderer Weise verbunden. Von seinen frühen Aufbaudramen wie »Der Lohndrücker« (1957) bis hin zu »Germania 3: Gespenster am toten Mann« (1995) zieht sich die Frage, unter welchen Bedingungen der Sozialismus gelingen könne und welche aus der Vergangenheit kommenden Hindernisse seiner erfolgreichen Realisierung im Weg stünden.

Die Stagnation der DDR war auch Müllers Stagnation. In den 1980er Jahren erlahmte seine dramatische Produktion. Der letzte in der DDR verfasste fünfteilige Text »Wolokolamsker Chaussee«, spielte in Anlehnung an Alexander Beks gleichnamigen Roman bezeichnenderweise noch einmal die Geschichte des deutschen Sozialismus in Beziehung zur Sowjetunion durch. Danach schrieb Müller fast nur noch Gedichte.

Der 1992 verfasste und erstmals 1993 veröffentlichte Text »Mommsens Block« präsentiert Müllers Position zum Status quo nach der sogenannten Wende, seinen »Ekel am Heute und Hier«, aber auch seine Einschätzung zu den Gründen für den Untergang des Sozialismus; er sah sie vor allem in der überbordenden Gewalt – Marx’ Philosophie »skandiert mit Soldatenstiefeln«. In Theodor Mommsens Nachdenken über die Krise des Römischen Reichs spiegelt sich bei Müller das vorläufige Ende der sozialistischen Epoche. Die Wiederaufstellung des 1909 eingeweihten Mommsen-Denkmals vor der Humboldt-Universität in Berlin im Jahr 1992 bildet somit nicht nur den Titel des Gedichts, sondern liefert auch die historische Klammer um Müllers Thema. Es ist vorgebracht im »bitteren Tonfall«. Das mag kaum verwundern. Nach 1989/90 war Müller hoffnungslos. Indem er das Nichterscheinen des vierten Bandes von Mommsens »Römischer Geschichte« als Ausdruck einer »Schreibhemmung« interpretierte, bekommt das Gedicht auch einen ganz persönlichen Hintergrund. Der aber ist wiederum politisch aufgeladen. Denn die persönliche Krise ist Ausdruck der restaurierten Kapitalherrschaft.(row)

»Mommsens Block« aus Heiner Müller: Warten auf der Gegenschräge. Gesammelte Gedichte. © Suhrkamp Verlag, Berlin 2014


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