Aus: Ausgabe vom 25.11.2017, Seite 12 / Thema

Abschied von der Landstraße

»Für die Verdammten und für das Salz der Erde«: Hannes Wader auf seiner letzten Tournee. Seine Lieder werden die Zeiten überdauern

Von Gerd Schumann
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»Dass sich die Furcht in Widerstand verwandelt«. Wader singt und spielt ab Ende der Siebziger für Arbeiter vor Werkstoren, wie hier im Ruhrgebiet

Noch einmal zurück an der B 5. Die Landstraße zwischen polnischer und dänischer Grenze führt direkt an Theodor Storms »Grauer Stadt am Meer« vorbei und durchschneidet – ein Dutzend Kilometer weiter nördlich – den Ort Struckum. Dort verbrachte Hannes Wader in der 1806 errichteten Windmühle »Fortuna« von 1973 an ein Vierteljahrhundert seines Lebens. »Die längste Periode an einem Platz überhaupt« sei das gewesen, erzählt er nun und begrüßt das Publikum in der seit Monaten ausverkauften Husumer Kongresshalle mit einigen Sätzen auf Plattdeutsch.

Abschied vom Tourleben, das – zumindest in Nordfriesland – zwei Stunden später mit einer herrlich anrührenden Version des melancholischen »Min Jehann« von Klaus Groth ­(1819–1899) enden wird. Eines von 21 Liedern dieses denkwürdigen Abends nahe der Nordsee. Die Standing ovations auch nach der vierten Zugabe zeigen, was Wader denen bedeutet, die ihn an diesem Abend nicht von der Bühne lassen wollen.

Dylan und Degenhardt

Seit Bob Dylan 2016 – also 50 Jahre zu spät, um die Herrschaft mit seinen Gesängen noch durcheinanderzubringen – den Literaturnobelpreis erhielt, stellt sich die Frage nach dem Umgang mit vertonter Dichtung von allein. Wader hatte diesbezüglich schon vor über vier Jahrzehnten in seinem Lied »Kleines Testament«, angelehnt an seinen Inspirator François Villon (1431–1463), einen bitterbösen Hinweis darauf gegeben: »In Deutschland, der Kulturnation / Schätzt man den Dichter immer schon / – Betrachtet man es mal genau – / Nicht höher ein als eine Sau.«

Als am 14. November 2011 der Romancier und Dichter Franz Josef Degenhardt verstarb, sonderte die Redaktion der »Tagesschau« eine Vier-Zeilen-Meldung ab. Länge: 25 Sekunden – das war alles über den Mann, der die Kultur im Nachkriegsdeutschland (West) wie kaum ein anderer geprägt hatte. So, genau so wäre es den literarischen Hochkarätern Georg Büchner (1813–1837), Heinrich Heine (1797–1856) und Georg Weerth (1822–1856) zu ihrer Zeit ergangen, getrieben ins Exil, in die Schweiz, nach Frankreich, Kuba, Revolutionäre des Aufbruchs. Sie hatten sich getraut.

Davon, vom aufrechten Gang, handelte Hannes Waders Autobiographie, wäre sie denn geschrieben: Vom Dasein in bewegten, erlebten, gelebten, von Ungemach und Widersprüchen, von »Stiefeltritten, Schlägen, allem Gram« durchzogenen Jahrzehnten. Aber auch von der Hoffnung auf den Sturm, der aufkommen möge – »alle Furcht vergessend und keinem bricht der Sturm das Zungenbein / Doch ihre Schreie packt er und die werden dann überall im Land zu hören sein«. Wader verzichtet auch in Husum nicht auf »Schon morgen», einen lyrisch-poetischen Song von 1973, geschrieben in Nordfriesland, wie er sagt, »zur Begrüßung«.

Langeweile

Der Sound des Aufruhrs hatte längst eine ganze Generation erfasst und entwickelte sich weiter. Ein ständiges Suchen nach mehr, nach neuem Stoff, musikalisch wie textlich, dominierte zunehmend die Kultur der zweiten Hälfte der Sechziger und der ersten Hälfte der Siebziger, und Wader sang an gegen die ätzende »Langeweile« des Gestern: »Kein Regen, kein Schnee, keine Sonne, kein Wind / Alles grau, schwül und stickig, die Fensterscheiben staubblind / Eine Stadt, in der alles stinkt, wo alles spuckt und kracht und raucht / Eine Stadt, deren Namen man nicht zu kennen und die man nie gesehen zu haben braucht.«

Die Liedermacher, wie die Autoren, Komponisten und Interpreten ihrer Texte in einer Person genannt werden, waren die Dichter dieser Zeit. Der Avantgardist Wader, einer der schöpferischsten unter ihnen, vermochte es, spitzzüngig, mit messerscharf gesetzten Worten die Lage zu sezieren. Es gelingt ihm heute immer noch, soziale Milieus exakt darzustellen, wie 2005 das tragische Schicksal von Tante Sophie; ein Text von erschütternder Unfassbarkeit:

»Und schon gleich am Tag nach ihrer Hochzeit hat Tante Sophie, / von ihrem Mann halb totgeschlagen, den Verstand verloren / denn als sie danach schwer verletzt aufwachte, lachte sie / Hinkte später oft mit hoch geschürzten Röcken, zierlich kleinen / Tangoschritten auf und ab, du sahst an ihren Beinen / die Blutergüsse, Striemen, frische Wunden, alten Schorf / Doch Sophie in ihren Holzschuh'n, tanzte lachend durch das Dorf.«

Oft erfand er skurrile, jegliche Konventionen brechende Geschichten. Im legendären »Tankerkönig«, einem fesselnden Talkin’ Blues im Stil Woody Guthries, erzählte er davon, wie sein Protagonist an den Verhältnissen verzweifelt, ausklinkt, mehrere Banken knackt, verschwindet, sich schließlich in seiner Ratlosigkeit auf einer spiritistischen Sitzung eine Verbindung zu Che Guevara herstellen lässt. Als ihn dieser eher mitleidig fragt, ob er noch nie etwas »von organisiertem Klassenkampf gehört« hätte, zitiert Wader bereits die politischen Debatten jener Tage. Das 1972 von der Story, Part one, angefixte Publikum konnte kaum Part two erwarten, der dann als »Der Putsch« 1976 erschien. Ein Werk von insgesamt über 30 Minuten Länge, Dokument der Phantasie, das der Wirklichkeit mit ihren Gefühlen und Sehnsüchten nahe kommt. Es machte Furore.

Der Außenseiter

Die Verhältnisse sorgten dafür, dass der junge Mann aus der ostwestfälischen Provinz mit seiner krummen Nase ein Außenseiter ohne Schlag bei den Mädchen wurde, ein »einzelner Spinner« (Wader). Viele seiner Lieder tragen autobiographische Züge, berichten davon, wie er aufwuchs auf dem Lande, und was er erlebte dort und auch, dass er lernte, sich zu wehren, wie in »So was gibt es noch« von 1979, vor allem aber, warum er sich der gesellschaftlichen Normierung widersetzte.

Und Hannes Wader, der bis heute von sich behauptet, er sei eher unpolitisch gewesen, begriff erst nicht so ganz, warum ihm nach seinem Auftritt 1966 auf Burg Waldeck die Leute an den Lippen hingen; er mochte es kaum glauben, dachte, die tausend Zuschauer, die »Zugabe« verlangten, nähmen ihn auf den Arm. Doch war der Beifall tatsächlich ehrlich gemeint, und Wader traf nicht nur die Größen seiner Zunft, Dieter Süverkrüp, Franz Josef Degenhardt, Hans-Dieter Hüsch – er selbst erregte Aufsehen.

Reinhard Mey, wie Wader Jahrgang 1942, war dabei. »Und diesmal kam vor den Stars mit langen Schritten ein großer, schlaksiger Junge mit Baskenmütze auf die Bühne und sang zu einer mit filigraner Leichtigkeit gespielten Gitarre ›Die Blumen des Armen‹. Ich saß und hörte, ich rührte mich nicht: Da sang einer das, was ich schon immer in unserer Sprache hören wollte, das waren die klaren, einfachen, sanften und zugleich harten Worte, das waren die reinen volksliedverwandten Melodien, die aus der Kindheit, vielleicht aus der Nacht der Zeiten in uns allen klingen. Seine Worte und Melodien verbanden sich, von seiner kräftigen Stimme getragen, zu einem überwältigenden Gesang – Hannes Wader!« (FAZ, 2.1.2017)

Von der Burg aus fahren sie zusammen in Meys Käfer zurück nach Westberlin, wo sie musizierend durch die Kneipen ziehen. Es sei eine »verdammt harte Schule« gewesen, »die wir da durchliefen«, erinnert sich Mey. Gut zwei Dutzend Auftritte in der Woche. Nach und nach wird Wader zum Chronisten, der mit unverwechselbarer Stimme und Talent Erlebtes beschreibt und verdichtet und so das Lebensgefühl jener Tage einfängt. Bald läuft er im Radio.

Derweil modert das Überkommene vor sich hin. Verinnerlichte Hierarchie einer scheinbar heilen, doch so verlogenen Welt der Stalingrad-Veteranen, Marlene- und Knef-Hasser, die ihren latenten Antisemitismus trotz aller gegenteiligen Bekundungen, nichts gegen Juden zu haben, durch Stöhnen zeigen, wenn Esther und Abi Ofarim auf der Mattscheibe zu sehen sind.

Im Radio

Später trat Mey dann mit Waders »Begegnung«, das zweite selbstgeschriebene Lied von Anfang der Sechziger, beim Festival im belgischen Seebad Knokke auf, übersetzt ins Französische. »Un petit peu irrégulières«, ein klein wenig schief die schneeweißen Zähne, und wunderbar die Sommersprossen, die er gerne zählen würde. Wader singt in Husum eine Strophe Meys auf Französisch. Der Song sowie »Die Blumen der Armen« erscheinen dann auch auf Waders erster LP (»Wader singt …«) von 1969.

Knut Kiesewetter, überzeugt von Wader, hatte ihn angesprochen, ging bei den Plattenfirmen Klinken putzen und produzierte nach mancher Abfuhr dann tatsächlich die ersten drei äußerst erfolgreichen Platten des nun bekannten Liedermachers. Die Alben legen Zeugnis ab von einer gesellschaftlichen Phase, in der zwar der Rahmen des entwickelten Kapitalismus nicht gesprengt, aber doch erschüttert wird. Die schrägen, vorher nicht gedachten Gedanken rühren an den Systemgrenzen.

Die psychoanalytische »Arschkriecher-Ballade«, ein drastischer, geradezu sensationell radikaler Song, handelt vom Anpassungsdruck an das Vorhandene, der bewirkt, dass sich die kleinbürgerliche Existenz immer wieder aus sich selbst heraus reproduziert. Dem jungen Mann wird der Wunsch eingeredet, ein schöner Arschkriecher werden zu wollen wie die anderen, die Glattgesichtigen und Schönen. Wenn er wie die sein wolle, solle er sich nur an seinen Vorgesetzten halten, wird dem Jungen geraten, »kriech ihm einfach hinten rein! / Das übst du fleißig, bis sich dein Profil schön sanft und glatt / an der Darmwand deines Vorgesetzten abgeschliffen hat.«

Dass der Junge »als Afterkriecher völlig ungeeignet war« und zudem mit der scharfen Krümmung seiner Nase »dem Vorgesetzten nicht allein den Schließmuskel geritzt, / sondern ihm auch noch der Länge nach den Mastdarm aufgeschlitzt« hatte, ermutigte seinerzeit Waders Hörerschaft. 1971 lief der Song im Radio und elektrisierte die Zuhörerschaft. Mitgeschnitten auf dem Telefunken-Vierspur-Tonbandgerät M 203 wurde es Dutzende Male kopiert und hundertfach abgespielt.

Abschied von Nordfriesland: Hannes Wader auf der Bühne in Husum,
Abschied von Nordfriesland: Hannes Wader auf der Bühne in Husum, 20. November 2017

Der Glücksfall

Der politische Liedermacher Wader hat sicher recht, wenn er sagt, angesichts der »Haken, die ich geschlagen habe, und der Beleidigungen und der Angriffe, die ich auf Institutionen und Personen dieses Staates losgelassen habe«, sei die »Tatsache, dass ich noch da bin, schon ein Glücksfall«. Glück gehabt? Die Gewalttaten gegen ihn handeln von anderem, von ausgeschlagenen Zähnen, Verhaftung, Medienboykotten, Ächtungen und üblen Beschimpfungen – sie handeln davon, dass dieser ach so zivilisierte und demokratische Staat kein Papiertiger ist.

So geriet der Künstler – ungewollt und eher zufällig – manches Mal in physische oder psychische Konfrontation mit denen, die ihn kritisierten. Am Tag nach dem lebensgefährlichen Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968 in Westberlin auf dem Kurfürstendamm wurde Wader an der Kochstraße von Polizisten attackiert: »Einer von ihnen haute mir mit dem Schlagstock die Schneidezähne weg. Keine gute Sache für einen Sänger«, wie er im SZ Magazin (5/2015) leicht sarkastisch bemerkte und so die fatalen Folgen für ihn und seinen Umgang mit Sprache andeutete. Seine dunkle, feste wie melodiöse Stimme indes blieb unverletzt und entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte weiter – unter anderem geschult an Liedern von Franz Schubert und Carl Gottlieb Bellmann. Dass der Raucher zudem seinen Konsum von täglich etwa 80 Gitanes ohne Filter auf null brachte, wirkte zudem förderlich.

Anfang der Siebziger dann, nunmehr in Hamburg, überlässt er einer Frau, die sich als NDR-Reporterin ausgegeben hatte, seine Wohnung. Es war Gudrun Ensslin, Mitglied der RAF, Wader wusste nichts. Nach Rückkehr von einer mehrwöchigen Tramptour durch Europa wird er von der Bühne weg verhaftet. Der Schock wirkt nach, und Wader versucht weiter, das Thema zu verdrängen; ohne die Solidarität der Künstlerszene, so heißt es, wäre er damals weg gewesen vom Fenster.

Den mehr als fünf Jahren auf den schwarzen Listen von Hörfunk und Fernsehen folgte 1977 eine weitere Ächtung als DKP-Mitglied. Wader dazu: »Auf meinen Parteieintritt reagieren die Medien erneut mit Boykott, diesmal so wirksam und langanhaltend, dass die jetzige Redakteursgeneration mit meinem Namen kaum noch was verbindet.«

Nicht nur für den Liedermacher begannen dann seit 1982 mit der geistig-moralischen Wende düstere Jahrzehnte. Es folgten der Untergang der DDR und eine schleichende Verödung der Kultur. Ende nicht in Sicht. Wader erwischte die nahezu durchgängige Ignorierung und Negierung seines Werks kalt. Die schöpferische Krise hält lange an. Dass er noch da ist – tatsächlich ein Glücksfall.

Trotz alledem

Ein neues Kapitel seiner Künstlerkarriere hatte der Liedermacher bereits Mitte der Siebziger aufgeschlagen, als er sich traditionellem Liedgut widmete, es entstaubte und so auf die Höhe der Zeit hob. Einst missbraucht von den Faschisten oder sonst welchen fürchterlichen Parteigängern des deutschen Militarismus bringen Wader und Freunde Kultur von unten auf die Bühne: »Plattdeutsche Lieder«, Lieder aus dem Vormärz, die vom Aufbegehren gegen Könige und Krieg erzählen, »Arbeiterlieder« aufgenommen in einem überfüllten Zelt mit kämpferisch gestimmtem Publikum auf dem UZ-Pressefest 1977 in Recklinghausen, auch »Shanties« von der Arbeit an Bord.

In der Mühle »Fortuna« wird »Dat du min Leevsten büst«, eines der schönsten Lieder in plattdeutscher Sprache überhaupt, neu interpretiert – im Original und übertragen ins Englische, gesungen zu Gitarre, Banjo, Geige, den Instrumenten, die die Folkbewegung aus Irland und England, Wales und von Übersee nach Struckum mitgebracht hat: Zwei innovative, mehrtägige Sessions in der Mühle mit illustren Volksmusikern aus allen möglichen Gegenden, Derroll Adams, Davey Arthur, Alex Campbell, Guy und Candie Carawan, Finbar Furey, Wizz Jones, Werner Lämmerhirt, Jörg Suckow, Matthias Raue, Ramblin’ Jack Elliott, John Faulkner, Finbar Furey, Dick Gaughan, Andy Irvine, Wizz Jones, Dolores Keane, Danny Thompson. Wader machte zusammen mit seinen Gästen als »Folk friends«, wie die beiden Doppelalben mit den unvergleichlichen Zeichnungen von Gertrude Degenhardt auf dem Cover heißen, aus alt neu und bewahrte so das Alte. Von Wader aufgeführt, häufig begleitet von herausragenden Musikern wie Lydie Auvray (Akkordeon), Hans Hartmann (Bass), Reinhard Bärenz (Gitarre).

Die Liedermacher schrieben Texte zur Lage, und es schien Kleinbürgertum und Bourgeoisie mit ihren Ritualen, Sitten und Gebräuchen mehr und mehr an den Kragen zu gehen. Mindestens die alte Lebenweise stand zur Disposition, und diejenigen, die das »nicht verstehen können« (Bob Dylan), zeigten sich entsetzt und schlugen handfest zurück. Vor allem ein millionenfach praktizierter Gesinnungs-TÜV sorgte für Misstrauen und Angst – trotz Grundgesetz und alledem »drückt man uns mit Berufsverbot die Kehle zu, trotz alledem«, singt Wader unter Berufung auf das Gedicht von Ferdinand Freiligrath aus dem Vormärzjahr 1843.

Noch hofft Wader, »dass sich die Furcht in Widerstand verwandelt« (»Trotz alledem 2«) Als Mitglied der DKP singt er vor Fabriktoren, auf politischen Meetings, ist auf der B 5 unterwegs nach Wilster, Auftritt im Saalbau »Colosseum» beim »Danz op de Deel« gegen das Atomkraftwerk in Brokdorf – eine Veranstaltung wie diese hat der Ort zehn Kilometer von dem damals geplanten Werk in seiner Geschichte noch nicht erlebt. Wie auch Itzehoe nicht, zehn Kilometer weiter in Richtung Hamburg: Wader singt dort vor Zehntausenden auf den Malzmüllerwiesen.

Kein Renegat

Der Anti-AKW-Bewegung folgt der Kampf gegen die Stationierung der atomaren Mittelstreckenraketen, Wader dichtet nicht nur den »Traum vom Frieden«, sondern nach Eric Bogles Song »Green Fields of France« mit »Es ist an der Zeit« ein phantastisches, zu Tränen rührendes, Wut und Widerstand herausforderndes Werk, »das wichtigste und ergreifendste aller Lieder, die ich kenne«, wie Reinhard Mey 2013 in seiner Laudatio für seinen Freund sagte: Hannes Wader hatte nun doch noch eine Auszeichnung, den »Echo« für sein Lebenswerk in der Kategorie Liedermacher, erhalten.

Obwohl er immer da war, wurde er sozusagen wiederentdeckt – die Auftritte mit Klaus Hoffmann, Mey, Konstantin Wecker trugen dazu bei, dass auch die Toten Hosen »Heute hier, morgen dort« in einer Punkversion spielen.

Wader wie auch Degenhardt könnten »nicht als parteipolitische Künstler bezeichnet werden, denn ihre künstlerische Autonomie steht zu keinem Zeitpunkt in Frage«, schreibt Marc Sygalski in seiner wissenschaftlichen Qualifikationsarbeit über »Das politische Lied in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1964 und 1989«. Trotzdem trifft den Liedermacher, wie er selbst es formuliert, »die Implosion der kommunistischen Welt, über zwölf Jahre meine weltanschauliche Heimat«, schwer. Er verlässt die Partei 1991, Zweifel hatte er – vor allem nach Tschernobyl und den DKP-internen Flügelkämpfen – schon länger. Innerlich verabschiedet er sich nach und nach davon, Parteikommunist zu sein, wollte aber »kein Spektakel« machen. »Mir hat es nie gefallen, wenn Leute mit Pauken und Trompeten die Seite wechseln«, sagt er.

Wolf Biermann lästerte ewig über »rote Brause« in den Köpfen – Hannes Wader bekam damit häufiger zu tun, dass ihn der Mann aus dem roten Backstein-Bürgerhaus an der Hamburger Elbchaussee beschimpfte und beleidigte – wie bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, wo die beiden Liedermacher nacheinander auftraten. Ein Fanatiker gegen links, Oberlehrer aus Springers reaktionärer Welt-Garde, der sich in der Jauche eingerichtet hat, versehen mit einer Medienpräsenz, die ihresgleichen suchte und immer noch sucht.

Mit Wader hat das nichts zu tun. Das Schöne an der Geschichte des Sängers ist, dass sie zwar aus Höhen und Tiefen, Aufstieg und Absturz, Erkenntnis und Verwirrung, aus Sehnsucht und Enttäuschung, kurz: aus der Dialektik des Seins besteht; dass er aber trotz aller Zweifel und Verzweiflung und Brüche und historisch betrachtet manchmal deprimierenden Niederlagen auf festem Grund steht. Kein Arschkriecher, kein Renegat, kein schärfster Kritiker der Elche. Wader kippte nicht unter dem Druck von Enttäuschung und Desillusionierung – wie damals so oft üblich – seine Erkenntnisse über Bord. »Meine sozialistischen Grundüberzeugungen bleiben im Kern unberührt, zumal sich meiner Ansicht nach die Verhältnisse durch die ›Wende‹ nicht verbessert haben.«

Am Ende des Abends

Davon und zugleich »für die Verdammten und das Salz der Erde« singt er. Auf dem Konzert in Husum bringt er nach den »Moorsoldaten«, das er in Angedenken an den 2012 verstorbenen ehemaligen Häftling im KZ Börgermoor Hans Lauter spielt, auch seine dritte Version von »Trotz alledem«. Er zitiert den Multimilliardär Warren Buffet, der vom »Klassenkampf« spricht und dass seine Klasse dabei sei, »ihn zu gewinnen«. Wenn er registriere, so Wader, dass die reichsten sieben Männer der Erde mehr besitzen als die Hälfte der Weltbevölkerung zusammen, packe ihn »das nackte Entsetzen«. Es scheine tatsächlich, als setze sich »das Kapital in seiner Gier und alledem« durch, das Kapital, das sich unaufhaltsam »über unseren Planeten legt / Überwältigt und beiseite fegt«. Waders Hoffnung gegen die Resignation: »Ein Sozialismus müsste her / Mit neuem Schwung und alledem / Denn wenn der wie der alte wär' / Würd's wieder nichts, trotz alledem.«

»Südlich der Eider« würden ihn die Leute, sagt Wader, immer noch als »Nordfriesen« betrachten, und tatsächlich wurde hier in Husum seine Tochter Louise geboren. Und so manche seiner Lieder für damals und für die Zukunft entstanden hier. Nun sei er »entschlossen, das Tourleben für immer zu beenden«. Weiter schreiben indes will er.

Der Abend neigt sich dem Ende zu, dem Streifzug durch sein Werk folgen die Zugaben »Bella Ciao«, das er zurückhaltend interpretiert und so die häufig übliche fröhlich-zuversichtliche Komponente vermeidet, und der makaber-witzige Evergreen »Cocaine«. Standing ovations auch für Pete Seegers »Where have all the flowers gone« auf deutsch (»Sag mir, wo die Blumen sind«), das an sich niemand je besser vortragen wird als Marlene Dietrich. Und doch geschieht etwas Besonderes: Die Toten Hosen haben ihren Tourbus nach Husum gesteuert, um Wader noch einmal live on stage zu erleben – ein Geschenk, das Konzert, sagt Sänger Campino. Jetzt spielen sie zusammen Seeger unplugged.

Draußen vor der Messehalle weht ein nasskalter Wind. Die B 5 führt über den Nord-Ostsee-Kanal, Itzehoe und Hamburg nach Berlin, und dort, am Bahnhof Berlin-Basdorf, weist ein Schild auf das einstige Zwangsarbeiterlager hin. Die Gefangenen, unter ihnen der französische Dichter Georges Brassens, bauten für BMW im Zweiten Weltkrieg Flugmotoren. Brassens’ Chansons wiederum machten Wader zum Liedermacher.

Das allerletzte Konzert der »Macht's gut!«-Tournee von Hannes Wader findet am Donnerstag, dem 30. November, im Berliner Tempodrom statt. Es ist ausverkauft.

Gerd Schumann schrieb an dieser Stelle zuletzt am 25. April 2017 über die Hungersnot und den saudischen Krieg im Jemen.


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