Aus: Ausgabe vom 25.11.2017, Seite 11 / Feuilleton

Revolution live

Gestern war heute (1/5) | »Running Man« (1987)

Von David Blum
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»Uns trennt von gestern kein Abgrund, sondern die veränderte Lage«, heißt es bei Alexander Kluge. Aber wie hell oder dunkel malte man sich diese aus? Können uns vergangene Zukunftsvorstellungen etwas sagen? Was ist aus den Utopien von einst geworden, welcher pessimistische Ausblick wurde gar noch übertroffen? Unser Autor hat fünf Filme gesehen, die im Jahr 2017 spielen. (jW)

»The revolution will not be televised«, sang einst Gil Scott-Heron. Ein US-Spielfilm aus dem Jahr 1987 versucht, vom Gegenteil zu überzeugen. »Im Jahre 2017 ist die Weltwirtschaft zusammengebrochen. Nahrungsmittel, Rohstoffe und Öl sind knapp«, heißt es da im Vorspann. »Ein Polizeistaat (…) beherrscht das Land mit eiserner Hand. Das Fernsehen ist vom Staat kontrolliert, und eine sadistische Unterhaltungsshow ist zum populärsten Programm geworden. (…) Eine kleine Widerstandsgruppe hat es fertiggebracht, im Untergrund zu überleben.« Der abtrünnige Staatspolizist Ben Richards gerät auf der Flucht an ebendiese Truppe. Nach seiner Verhaftung muss er in der Show »The Running Man« um sein Leben laufen. Natürlich gelingt es Richards nicht nur, seine schwerbewaffneten Gegner auszuschalten, nebenbei erlangt der Widerstand auch noch die Kontrolle über den Sendemast.

Es ist doch immer wieder erstaunlich, was Hollywood aus einer guten Idee machen kann. Die gesellschaftskritischen Töne des gleichnamigen Romans von Stephen King – 1982 noch unter dem Pseudonym Richard Bachman veröffentlicht und in Deutschland als »Menschenjagd« betitelt – gehen in der Umsetzung im Lärm der Actionszenen unter. Statt Satire gibt es Zynismus satt, etwa wenn der Moderator ausführt, dass er mit dem von Arnold Schwarzenegger verkörperten Richards in der Show allein aufgrund seines gestählten Bizeps zehn Prozent höhere Zuschauerzahlen erreiche.

»Running Man« zeigt sich zudem deutlich durch »Das Millionenspiel« beeinflusst, einen Fernsehfilm aus dem Jahr 1970, für den Wolfgang Menge das Drehbuch verfasste. In seiner Adaption der Kurzgeschichte »The Prize of Peril« des US-Schriftstellers Robert Sheckley – die, nebenbei gesagt, auch Stephen King inspiriert haben dürfte – entwarf Menge einen auf Quote getrimmten, sensationslüsternen Privatsender, in dessen Samstagabendshow der Kandidat noch auf der Studiobühne mit scharfer Munition beschossen wird – nur unterbrochen durch Einspieler der Werbeindustrie. »Das Millionenspiel« erscheint wie ein Vorgriff auf die Zukunft des Mediums, bis hin zum Reality-TV: Nach der Erstausstrahlung der »authentischen« Menschenjagd meldeten sich über die Nummer des fiktiven Senders tatsächlich Freiwillige für die Jagd an. Hollywood hingegen gab sich damit zufrieden, die Optik der westdeutschen Abendunterhaltung aufzugreifen, die Suggestivkraft des Vorbilds erreicht »Running Man« nie.

Natürlich lassen sich Parallelen zu »Big Brother« und sonstigen Dschungelshows unserer Zeit ziehen. Letztlich ist das Fernsehen jedoch längst dabei, seinen Platz als bestimmendes Medium zu verlieren, das große Samstagabendstadl als Lagerfeuer der Gesellschaft steht unter Quotendruck. Der »Second Screen« ist auf dem Weg, die Nummer eins zu werden, und in die schöne neue mobil-vernetzte Welt hat die Gamification Einzug gehalten. Wir rennen durch unser Leben und sammeln Extrameilen, Bonuspunkte, Favs und Likes. Dass jedes Empfangsgerät in unserer Hand auch Sender ist, hätte den Widerstand aus »Running Man« in Aufruhr versetzt – geändert hat es wenig. Wie sang Gil Scott-Heron doch weiter: »The revolution will not be televised, the revolution will be live.«

»Running Man«, Regie: Paul Michael Glaser, USA 1987, 96 min.


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