Aus: Ausgabe vom 24.11.2017, Seite 10 / Feuilleton

Altstimmen im November

Von Eike Stedefeldt
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Reliefporträt von Martin Blumner (1827-1901) an dessen Grabstein auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof I in Berlin-Kreuzberg

Wenn Ihnen zum wer weiß wievielten Mal ein Fremder über den Weg läuft – oder Sie ihm, da der es nicht mehr kann – und Sie denken: Wo, wann und wie kam der her, so stehen bestimmt der Totensonntag bevor und Sie mit einem Bündel Tanne auf dem nasskalten Friedhof. Sage niemand, das Grab Ihrer Erbtante wäre nicht beizeiten winterfest gemacht worden.

»In Dankbarkeit errichtet von der Sing-Akademie zu Berlin« wurde ein schwarzer Granit mit Reliefporträt. Goldlettern weisen den Fremden als Professor Martin Blumner aus. Für mehr böten sich biographische Lexika an, die jedoch »Leben« als Karriere missdeuten: kalt und leichenblass. Den Menschen muss man mühsam selbst suchen. Und findet mit Glück einen Brief, dessen in feiner alter Handschrift verfasstes Original ein Antiquar für 160 Euro feilhält:

»Verehrter Herr Musikdirektor! Indem ich mir die Ehre gebe, beifolgend Ihnen ein Exemplar meiner soeben erschienenen Duette zu übersenden, ist es mein einziger Wunsch, daß dieselben Ihres Beifalles würdig sein, und Ihnen zur öfteren Anwendung geeignet erscheinen möchten. Mir die Ehre vorbehaltend, in einigen Tagen verabredetermaßen persönlich mich bei Ihnen einzustellen, zeichne ich mich Hochachtungsvoll und ergebens: Martin Blumner.« Mit »Berlin, den 11. April 1851« datierte den Bittbrief ein 23jähriger. Am 21. November 1827 in Fürstenberg/Havel geboren, war Martin Traugott Wilhelm Blumner ein Sohn des aus Dresden stammenden Distriktarztes Johann Rudolph Blumner (1795–1857) und seiner Frau Charlotte Sophie. Die Mutter strenggläubige Tochter des Stendaler Generalsuperintendenten Johann Christian Jani (1738–1813), der Vater musizierfreudig: Die Liebe zur Kirchenmusik lag nahe.

Seit 1845 als Student der Theologie, Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften in Berlin und gleich der Sing-Akademie beigetreten, stieg er 1847 auf Komposition und Gesang um. Mit 26 Dirigent eines Chors von Weltrang, konnte »M. Blumner, Musikdirector« sich 1853 einen eigenen Hausstand leisten. 34 Jahre sollte er nah am Stammhaus der Philharmonie wohnen, die er eng an die Sing-Akademie band. Er zog von der Bernburger in die Köthener und retour und zuletzt in die Kleinbeerenstraße, bis dem »ord. Senatsmitglied der Akd. d. Künste« 1887 lebenslang die Dienstwohnung Am Festungsgraben 2 zustand.

»Grosses Aufsehen machte das erste Concert der Sing-Akademie«, schrieb am 9. Dezember 1854 der Berlin-Korrespondent der Niederrheinischen Musik-Zeitung mit Blick auf einen »Psalm von Blumner, dem zweiten Director der Sing-Akademie, über dessen Oratorium ›Columbus‹ ich Ihnen im vorigen Jahre manches Rühmliche berichten konnte«. Besagter Psalm sei »im Ganzen etwas zu weich gehalten«, wurde moniert. »Manches lehnt sich an Mendelssohn an.« Das hielt man dem Vertreter des »biblischen Oratoriums alten Stils« oft vor. »Von Martin Blumner’s drei Oratorien: Columbus (1853), Abraham (1859) und Der Fall Jerusalems (1875), verschwanden die beiden ersten früh, das letzte spät. Es sind das Beiträge zu jener Art von Kompositionen, die weder Ernst noch Gründlichkeit vermissen lassen und doch nur wie Musik aus zweiter Hand anmuten«, so Arnold Schering in seiner »Geschichte des Oratoriums« von 1911. »Blumner schwankt zwischen Mendelssohn (Sologesänge), Händel (Chorsatz, Chorthematik) und Bach (Choralverwendung)« – aber das Publikum applaudierte. So schrieb am 2. Juni 1884 die Altistin Hermine Spies ihrer Familie über ihr Gastspiel beim Breslauer Musikfest, »die Arie in dem ›Fall Jerusalems‹ von Blumner wurde endlos beklatscht, meistens schon mitten hinein«.

Die Altistin lenkt die Gedanken zurück zum Friedhof Dreifaltigkeit I, wo links neben dem Martin Blumners ein Obelisk an Henriette Blumner – »*7.März 1817, † 20. März 1894« – erinnert. Nur dank des in Stein gemeißelten Mädchennamens ließen sich als Eltern der Kgl. Gouvernements- Kriegs-Commissarius Friedrich Hallervorden und die ihm 1815 angetraute Henriette Salpius ermitteln – und dass sie 1837 als Altistin in die Sing-Akademie eintrat. Als man ihr den am 16. November 1901 nach dem zweiten Schlaganfall gestorbenen Mann an die Seite legte, stand am Grab ihre Nachfolgerin: Hedwig Blumner, geb. Müller, ebenfalls Alt, hatte bei Blumner ab etwa 1879 Solopartien in Händel-Oratorien gesungen. Der letzte Adressbucheintrag vermerkt sie 1933 als »Frau Prof. Dr. Hedwig Blumner«.

Kinder hatte Martin Blumner wohl nicht, dafür zwei Brüder. Sigismund, ein Jahr älter und Pianist, starb 1893. Otto Wilhelm, Jahrgang 1833, war Pastor in Diesdorf bei Magdeburg und sprach zum Begräbnis am 21. November 1901 Gebet und Segen. Warum indes keine Quelle Emilie Sophie Friederike Ernestine Pauline Blumner als seine Schwester zumindest erwähnt? Vielleicht, weil sie aus der anstößigen zweiten Ehe seines Vaters mit Emilie Ehrich stammte. Die 1837 Geborene starb 1922 in Halle/Saale.


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