Aus: Ausgabe vom 23.11.2017, Seite 10 / Feuilleton

»Big Fucking Rocket«

Von Thomas Wagner
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Space is the place. Undatierte SpaceX-Computergrafik eines geplanten Raumschiffs samt »Mars City«

In den 1960er und 1970er Jahren waren Pläne für eine ständige Basis auf dem Mond und die Besiedelung des Mars sehr en vogue. Geschehen ist in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel. Offizielle Stellen wie die US-Weltraumbehörde NASA äußerten sich lange Zeit eher zurückhaltend in Fragen der Kolonisierung des Sonnensystems. Nun springen private Unternehmer aus der Digitalbranche in die Bresche. Sie haben den Ehrgeiz entwickelt, die Reise ins All wesentlich kostengünstiger zu machen. Allen voran Elon Musk. Der auch als Gründer des Elektroautobauers Tesla und Mitbegründer des Onlinebezahldienstes Paypal bekannte Chef des Weltraumfahrtunternehmens Space X setzt auf wiederverwendbare Raketen. Ende September 2017 stellte der Multimilliardär auf einem Fachkongress für Astronautik im australischen Adelaide das Modell für ein Raumschiff vor, das bereits 2024 bis zu 120 Menschen und 150 Tonnen Last zum Mars bringen soll. Zwei Jahre zuvor, so der Plan, werden zwei unbemannte Raketen mit der überlebensnotwendigen technischen Ausrüstung vorausgeschickt.

Betriebswirtschaftlich rechnen soll sich der Betrieb der Riesenrakete durch ihren Einsatz als Passagiertransporter für Interkontinental- und Langstreckenverbindungen auf der Erde. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von bis zu 27.000 Kilometern pro Stunde würde die »BFR« (»Big Fucking Rocket«) getaufte Rakete jeden Punkt der Erde innerhalb von einer Stunde erreichen können. Ein Flug von New York nach London soll dann etwa eine halbe Stunde, der von New York nach Shanghai weniger als eine Dreiviertelstunde dauern. Start und Landung sollen auf Plattformen erfolgen, die vor der Küste gebaut und mit Hilfe von Fährschiffen mit dem Festland verbunden werden. Die aufgetankt 4.400 Tonnen schwere, zweistufige Rakete, deren Durchmesser neun Meter beträgt, soll in der Lage sein, auf einer Plattform sicher senkrecht zu landen. Mit 40 Kabinen für Menschen sind die acht Stockwerke der 48 Meter langen Oberstufe des gigantischen Fluggeräts ausgestattet. 106 Meter beträgt seine Gesamtlänge. Das Ticket für einen Langstreckentransport werde etwa dem eines Flugtickets der Economy-Klasse entsprechen, sagte Musk in Adelaide.

Seine Pläne oder auch die seines Konkurrenten Jeffrey Bezos (Amazon) scheinen mittlerweile auch die staatlichen Weltraumbehörden neu zu beflügeln. So denkt man bei der europäischen Raumfahrtbehörde ESA darüber nach, bis 2030 eine dauerhaft bewohnte Station auf dem Mond aufzubauen. Die NASA und ihr russisches Pendant Roskosmos wiederum wollen in der Umlaufbahn des Mondes eine Raumstation plazieren, die als Zwischenstopp für Mondlandungen oder bemannte Flüge zum Mars fungieren soll. Der Name des Projekts lautet: Deep Space Gateway.

Doch eignen sich der Rote Planet und andere nahegelegene Himmelskörper überhaupt für eine Besiedlung durch den Menschen? »Die Präsenz des Menschen hat noch den wenigsten Regionen gutgetan, und zum Leben taugt im Sonnensystem ja doch nur die Erde wirklich, selbst in ramponierter Form«, kommentierte die Wissenschaftsjournalistin Marlene Weiß entsprechende Vorhaben in der Süddeutschen Zeitung (30.9.2017). Sie stellt den Nutzen bemannter Expeditionen ins Weltall grundsätzlich in Frage: »Weil es im Weltraum für Menschen nun einmal wenig zu tun gibt, was Maschinen nicht besser könnten und billiger sowieso«, so Weiß. Die Visionäre des Silicon Valley haben derzeit allerdings soviel Rückenwind, dass sie sich von solcherlei Bedenken nur wenig beeindrucken lassen dürften.

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