Aus: Ausgabe vom 22.11.2017, Seite 14 / Feuilleton

Künstliche Intelligenz

Von Timo Daum
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God is a bot. Ob dieser Roboter ein Musikgott ist, wissen wir nicht. Einstweilen wird noch einige Zeit vergehen, bis künstliche Intelligenz die der Menschen übertreffen wird

Mit der Künstlichen Intelligenz (KI) ist es wie mit Gott: Es gibt sie zwar nicht, sie sorgt aber trotzdem für allerhand Aufruhr. Das gilt zumindest für die »starke KI«, bei der es um Maschinen geht, die ebenso umfassend intelligent sein sollen wie die Menschen und von diesen – was die Denkleistung angeht – nicht zu unterscheiden wären. Die »schwache KI« backt etwas kleinere Brötchen: Dabei geht es darum, Software zu entwickeln, die in der Lage ist, selbständig Probleme zu lösen, für die sie nicht explizit programmiert ist. In einer der letzten Publikationen der Obama-Administration steht, es sei nicht wahrscheinlich, dass in den nächsten 20 Jahren Maschinen »allgemein anwendbare Intelligenz zeigen, die mit der von Menschen vergleichbar oder diese sogar übertreffend ist«, konstatiert wird aber auch: »Maschinen werden menschliche Fähigkeiten in mehr und mehr Bereichen erreichen und sogar übertreffen.« Insbesondere im Silicon Valley gibt es demgegenüber durchaus die Vorstellung, künstliche und natürliche Intelligenzen würden demnächst miteinander verschmelzen.

In den letzten Jahren hat die Disziplin Auftrieb bekommen, zahlreiche KI-Anwendungen sind bis ins Alltagsleben vorgedrungen. Insbesondere bei der Bilderkennung, dem autonomen Fahren oder Softwareassistenten, die natürliche Sprache verstehen und generieren können, sind erhebliche Fortschritte erzielt worden. Von Spracherkennungssoftware etwa – Apples Siri oder Amazons Alexa gehören dazu – wird erwartet, dass sie in der Lage ist, auch unbekannte Sprachnachrichten identifizieren zu können: Dass jemand »hallo« gesagt hat, obwohl die KI diese Stimme und Intonation noch nie gehört hat. Bilderkennung soll in der Lage sein, auf unbekannten Fotos etwa einen Strand zu bestimmen.

Der amerikanische KI-Pionier Arthur Samuel prägte 1959 den Begriff Machine learning für Software, in die selbstlernende Verfahren implementiert sind, die also selbstständig aus sehr vielen Daten Modelle entwickeln kann. Ein Beispiel: Nehmen wir an, wir füttern Software mit den Bewegungsdaten einer Person. Diese geht werktäglich zur Arbeit, geht einkaufen, unternimmt Reisen, besucht Freunde. Nachdem eine gewisse Zeit vergangen bzw. eine Menge Daten angehäuft ist, wird die Software in der Lage sein, Voraussagen für zukünftiges Verhalten zu treffen: Sie hat ein Modell ihres Gegenstandes entwickelt und kann mit hoher Trefferquote beinah jeden Schritt der Testperson vorhersagen, ohne zu wissen, was ein Mensch ist, ohne jegliches Verständnis, was Arbeit oder Schlaf bedeuten.

Von einer solchen einfachen KI-Anwendung kann erwartet werden, dass sie nach einer Weile ihr Modell so gut kennt, dass sie etwa zu der Aussage: »Musst du nicht heute zum Sport?« fähig ist. Tolle Sache, oder? Aber auch die dystopische Anwendung scheint in diesem einfachen Beispiel auf: »Ich habe gerade deiner Versicherung mitgeteilt, dass du schon wieder nicht beim Sport warst.«

Maschinelles Lernen wird immer besser und verbreiteter und schließlich auch zum ökonomischen Faktor – Amazon macht 30 Prozent seines Umsatz durch Käufe, die durch das Klicken auf vorgeschlagene Produkte zustandegekommen sind. Hinter diesen Vorschlägen steckt eine »maschinelle Lernempfehlungsmaschine«, so die von einer weiteren KI, nämlich Google Translate generierte Übersetzung von »machine learning recommendation enginge«.

Seit kurzer Zeit ist es offiziell: Künstliche Intelligenz hat ihre eigene Religion, der KI-Guru Anthony Levandowski hat sie gegründet, sie heißt »Way of the Future« und ihr Ziel ist es, eine KI-Gottheit zu schaffen, anzuerkennen und zu verehren. Amen.


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